laut.de-Kritik
Sabrina kollagiert wie ein Alien, das auf die Welt herabguckt.
Review von Yannik GölzVier Stunden. Das muss so ein Album auch erstmal auf die Waage bekommen. Aber die Laufzeit ist lange nicht das Seltsamste an der neuen Arbeit von Großbritanniens neuestem Electronica-Enigma DJ Sabrina The Teenage DJ. Die gesichtslose Producerin hat schon in der Vergangenheit diese monolithischen Megaalben veröffentlicht. Die Drei-Stunden-Grenze hat sie schon mehrmals überschritten, "Fantasy" ist nicht einmal ihr längstes Projekt. Aber es ist vielleicht ihr bestes - und ein gutes Argument dafür, warum sie in eine Linie mit Aphex Twins und Burials gehört.
Versuchen wir diese ungestüme Kollage einmal zu greifen. Denn schon die Genre-Beschreibung ist ein wenig irreführend. Allgemein wird DJ Sabrina entweder dem House und dem Outsider House zugeordnet. Und es ist zumindest nicht grundfalsch, wird aber auch nicht ganz den Stärken gerecht, die ihre Musik hat. Würde ich sagen: Hier ist ein sehr langes House-Projekt, dann würde man wohl eine langes, ekstatisches DJ-Set erwarten.
"Fantasy" ist nicht das. Man könnte dazu tanzen, über große Strecken, aber der emotionale Impact dieses Albums liegt nicht auf dem Dancefloor. In reiner musikalischer Technik liegt es näher beim seltsamen Internet-Genre des Future Funks - und da sind definitiv ein paar Tracks, die so ähnlich auch ein Yung Bae hätte machen können, um sie dann mit ein paar tanzenden Anime-Figuren auf dem Artzie Music-Channel hochzuladen. Aber auch das ist wieder nur der halbe Appeal.
Ein guter Hinweis ist in ihrem selbst gegebenen Labelnamen versteckt: Spells on the Telly. Fernseh-Zaubersprüche. Ich würde argumentieren, dass die eigentlich Seele von "Fantasy" eher in der großen Collage liegt. Sabrina arbeitet mit Unmengen an Samples, manche bekannt, manche unbekannt. Aber in den ungestümen Mixes liegt keine kompakte Drumline, die man dem House zuordnen würde - und auch genauso wenig ein supereinheitlicher Groove wie im Future Funk. In den richtigen Momenten hittet "Fantasy" wie die melancholischen Sample-Kaskaden von "Since I Left You" von den Avalanches.
"Spells On The Telly" zeichnet das Bild einer einsamen Protagonistin in einer Konsumwelt, in der all das Funkeln und Glitzern der warenförmigen Gegenwart in den Medien vorbeizieht. "Fantasy" reproduziert Technicolour-Nostalgie und Werbeflächen-Ästhetik. Statt es zu verdichten, zieht es sie sogar in die Länge: Mit einer Menge Echos und Layering entstehen Texturen und Stimmungen, die eine gewisse Absurdität unter das Ausgangsmaterial mischt. Aber Sabrina macht sich nicht per se über das Ausgangsmaterial lustig. Sie analysiert und kollagiert das Material, als wäre sie ein Alien, das auf die Welt herabguckt.
So entsteht ein musikalischer Raum, den man auf der ersten Ebene wie glitzernden, poppigen House hören kann, der sich dann aber unterschwellig doch wieder selbst dekonstruiert. Oder auf Tracks wie "Throwdown" gar nicht so unterschwellig.
Und trotzdem: Immer wieder sind da Momente von aktiver Schönheit und absolute Killer-Standouts wie "Sunset Years" oder "Is This Love?" - Momente, in denen man jeden Subtext und jede Ironie völlig vergisst und die Musik für die shiny Oberflächen vollumfänglich genießen kann.
Vielleicht ist das ja auch genrell eine gute Parallele zu unserem Umgang mit Konsum und Werbung selbst: Die weirde Awareness, dass sie es nicht gut mit uns meinen, aber der Zuckerschub, der manchmal eintritt, sich ein klein bisschen Serotonin verkaufen zu lassen. Für "Fantasy" gilt auf jeden Fall: Der Exzess ist der Punkt dieses Albums. Es mag schräg und ungestüm wirken, sich die vier Stunden dieses Albums ganz anzuhören. Aber je mehr Zeit man mit der seltsamen, unwirklichen Atmosphäre von DJ Sabrina The Teenage DJ verbringt, merkt man: Hier steckt etwas sehr Besonderes unter der Oberfläche. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr bricht es heraus.


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