laut.de-Kritik
Blabla und Dada, dazwischen Anti-Rock im Kryoschlaf.
Review von Rinko HeidrichAuf zu neuen Ufern lautet die Devise der britischen Post-Punk-Bands, die noch vor ein paar Jahren eine neue Welle mit reduzierten Sounds und vor allem wieder viel Punk lostraten. Es scheint, dass sowohl Hörer wie auch die Bands nicht mehr auf der Stelle treten wollen. Idles und Yard Act sind tanzbarer, die Viagra Boys schon von Anfang an mit einem Bein im Disco-Funk. Dry Cleaning bleiben dagegen den alten Werten der Achtziger weiterhin treu.
Der gelangweilte Sprechgesang der Sängerin Florence Show, die über drei Akkorde sarkastische bis absurde Alltagsbeobachtungen erzählt, bleibt natürlich das Trademark der Gruppe. Im Opener "Hit My Head All Day" beklagt sie die deprimierende Weltlage, nuschelt alles in größtmöglicher Lakonie herunter. Ganz so, als ob jedes Wort wie Blei auf ihrer Zunge liege. Die Band im Hintergrund spielt dazu ihren Stiefel pflichtschuldig herunter und wirkt nur noch physisch anwesend. Die Zeiten sind erregt, die Londoner reagieren mit fundamentaler Gleichgültigkeit auf das würdelose Theater.
Diese Wiederholungsschleife saugt einem gerade zu Anfang des Albums die Freude aus den Knochen, bis Dry Cleaning wohl selber bemerken, wie sehr sie das altbekannte Muster nun bis zum kompletten Extrem ausreizen. Ein langsames Stück wie "Rocks" geht im konservativen Wertekosmos der Süd-Londoner schon fast als aggressiver Queens-Of-The-Stone-Age-Tribut durch. Es bleibt gleichermaßen bewundernswert und dreist, wie Dry Cleaning mit ihrer 'I don't give a fuck'-Attitüde einfach so weitermachen und Shaw auch diesem Anflug von Uptempo mit ihrem gleichgültigen Spoken Word-Vortrag sämtliche Rock-Wurzeln zieht. "Rocks" erscheint als Songitel schon ironisch, denn kaum eine Band ist derzeit so wenig Rock'n'Roll wie Dry Cleaning.
Es gibt mittlerweile den Gen-Z-Stare, in dem die Kids einfach nur noch mit leerem Blick auf eine ungewollte Situation reagieren. "Secret Love" verkörpert dieses Null-Bock-Gefühl perfekt, bis der Hörer aufgibt oder konsequent dabei bleibt. "Evil Evil Idiot" bleibt sogar gänzlich ohne den Anflug von Gesang, und die Wörter fallen mit größtmöglichem Desinteresse aus Shaws Mundwinkeln. No Wave-Musik unterhalb der Gefriergrenze, die jede Blutzirkulation zum Stillstand bringt.
"Secret Love" ist die Hölle beim ersten Durchlauf, aber plötzlich bemerkt man eben doch wie in "Stumpwork" die spröde Schönheit von "Let Me Grow And You'll See The Fruit". Eine Melodie schleicht sich hinein, und plötzlich spürt man einen Hauch Wärme auf der zugefrorenen Haut. Eine zaghafte Country-Geige in "The Cute Things" simuliert schon fast ein Pop-Musik-Gefühl.
Die Fähigkeit, daraus drei Alben und genug Stoff für Texte zu generieren, ist die größte Leistung dieser limitierten Band. Es gibt keine Ausreißer nach oben und ebenso wenig nach unten, weil die Band ihre Komfortzone nicht einen Millimeter verlässt. Die Band sieht das übrigens komplett anders und nennt sogar die funkigen Feel-Good-Rocker von Sly And The Family Stone als Inspiration für "Secret Love". Funk im Kryoschlaf wäre eine gut gemeinte Beschreibung, Musik für notorisch überreizte Menschen oder ASMR-Punk trifft es vielleicht noch besser.
Die Grenze zur einschläfernden Belanglosigkeit kommt dementsprechend immer näher, ebenso die Gefahr, nur noch ein Nischenpublikum zu bedienen. Die Frage, wer hier wen limitiert, bleibt nach diesem quasi Spoken-Word-Album ebenfalls offen. 'Sängerin' Florence Shaw IST Dry Cleaning, die Typen im Hintergrund untermalen lediglich ihre assoziativen Gedankenfetzen, die im Gegensatz zum monotonen Vortrag und der repetitiven Hintergrundmusik schöne Kurzgeschichten mit eigenwilligen Dada-Metaphern über Kreuzfahrt-Designer und Puderdosen erzeugen. Ein Kunstwerk, das es sich zu lesen lohnt.


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