laut.de-Kritik

Shoegaze mit verträumtem, unaufgeregtem Gesang.

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Wenn man zum ersten Mal Envy Of None und ihre Interpretation von Alternative-, Synth-Rock und Shoegaze hört, kommen einem verschiedene musikalische Acts in den Sinn. An Rush denkt man jedoch eher nicht. Dennoch stammt mit dem mittlerweile 71-jährigen Gitarristen Alex Lifeson ein Viertel der Band von eben diesen Kanadiern ab. Nach deren Trennung im Jahr 2018 und dem Tod des Schlagzeugers Neil Peart findet er bei EON nun ein neues Zuhause.

Es wirkt fast so, als wäre Lifeson nach dem Rush-Aus ins Haarstudio gegangen, um mit einer frechen Frisur eine neue Phase in seinem Leben einzuleiten. Als hätte er bewusst die Genres gewählt, in dem sich seine Anhänger:innen am wenigsten wohl fühlen. Vom ständig im Bewegung bleibenden Progressive Rock zum auf sphärische Wiederholung aufbauenden Shoegaze mit verträumtem, unaufgeregtem Gesang.

Anstatt es sich also einfach zu machen und sich mit den Fans einzukuscheln, setzt er mit der Sängerin Maiah Wynne, Bassist Andy Curran (Coney Hatch, Soho 69) und Alfio Annibalini (Keyboard, Gitarre) auf für ihn ungewohnte Klänge. Hinzu kommt diesmal Session-Schlagzeuger Randy Cooke, der jedoch nicht zum Line-Up zählt.

Mit diesem Kniff und der Besetzung der 28-jährigen Wynne am Mikrofon, die im Verlauf des Albums zunehmend in den Mittelpunkt rückt, gelingt den drei älteren Herren etwas, an dem viele Kolleg:innen trotz aller Versuche scheitern: Sie klingen unerwartet frisch und jung.

Nach dem Debüt "Envy Of None" (2022) und der EP "That Was Then" zeigen sich EON auf "Stygian Wavz" zunehmend eingespielt und lassen den Eindruck eines Projekts hinter sich. Für Egogewichse bleibt kein Platz. Alleine die Musik steht im Vordergrund. Nur weil der Lifeson mal in einer weltbekannten Band mit Ausnahme-Alben wie "Moving Pictures" spielte, bekommt er keinen Extrascheinwerfer auf sich gerichtet.

All dies bedeutet natürlich nicht, dass man sich versteckt. Auf Longplayer Nummer zwei, dessen Namen auf den Dichtungen des antiken römischen Dichter Ovids über den zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich fließenden Fluss Styx basiert, finden sie einen ganz eigenen Zugang zu den Genres.

Mit dem ebenso rauen wie fesselnden "Not Dead Yet", das zu Beginn gar etwas an die Stone Temple Pilots erinnert, geht Longplayer Nummer zwei erst einmal den rabiaten Weg. Ein dreckiger Bass, knirschende Gitarren und ein aggressives Schlagzeugspiel stehen im harten Kontrast zum traumversunkenen, mehrstimmigen Gesang. Der ausufernde Refrain führt schließlich zu einem feinen Lifeson-Solo. Gewöhnt euch besser nicht daran, denn gerade einmal drei weitere sollen auf "Stygian Wavz" folgen.

Das vielschichtige "Under The Stars" findet mit arabischen Percussions und flüsternder Gesangsgmelodie eine ganz eigene Sprache. Dem krachenden Rhythmus steht Echo, Echo und Echo gegenüber. Eine einnehmende Atmosphäre, in der ein weiteres Gitarrensolo den Siedepunkt bildet.

In "Raindrops" perlen die Synthesizernoten wie Regentropfen an Wynnes Stimme herab, während sich Schlagzeuger Cooke munter an seinen Toms vergnügt. Das wohl interessanteste Stück des Albums wechselt von psychedelischem Sommerregen zu düsterem Sturm und zurück. Mit dem sich in Schönheit zurückhaltendem "Handle With Care" bringen Envy Of None eine weitere Farbe auf die Palette, geben sich ganz dem Dream-Pop und Shoegaze-Universum hin.

Über all dem thront jedoch der abschließende Titeltrack "Stygian Waves". Ein sich langsam aufrichtendes Monster, das alle Jungs noch einmal von der Leine lässt, während Maiah Wynne aus der Ferne beschwört. Ein okkulter Moment, der in dreieinhalb Minuten noch einmal die Stärken des ganzen Album zusammen setzt und manchmal kurz davor steht, ins Übertriebene zu kippen.

Envy Of Nones Zweitwerk "Stygian Wavz" verfügt nur über wenige Schwächen (etwa das blass-bluesige Gitarrenriff in "Thrill Of The Chase"), fällt ebenso hart wie hypnotisch und melancholisch aus. Unter der schwärmerischen Ausstrahlung findet sich seit dem Vorgänger gestärktes Songwriting. Den einzelnen Mitglieder:innen gelingt es gemeinsam, die Stärken der anderen noch besser in Szene zu setzen.

Es mag viele meckernde Leute geben, die sich von Lifeson lieber noch weitere Prog-Rock-Alben gewünscht hätten. Für sie gibt es da draußen jedoch weiterhin neunzehn Rush-Alben. Diese verschwinden nicht. Er selbst findet für sein Glück einen anderen Weg, oder wie es der Text in "That Was Then" so treffend ausdrückt: "That was then and this is now.

Trackliste

  1. 1. Not Dead Yet
  2. 2. The Story
  3. 3. Under The Stars
  4. 4. Thrill Of The Chase
  5. 5. Handle With Care
  6. 6. That Was Then
  7. 7. Raindrops
  8. 8. New Trip
  9. 9. Clouds
  10. 10. The End
  11. 11. Stygian Waves

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