laut.de-Kritik
Faszinierend eigenständig, auch in neuer Trio-Besetzung.
Review von Michael SchuhDas bislang größte Konzert ihrer Karriere spielten sie im ausverkauften Großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg. Ein freudiger Anlass für die Geschwister Milner, doch leider schrieben wir Januar 2020 und kurz danach fuhr der Livebetrieb für unbestimmte Zeit runter. Vor Autos zu spielen? Für eine Band wie Hundreds keine Option. "The Current" erschien ebenfalls in jenem Jahr, das einem heute so weit entfernt vorkommt wie das Wort Hygienebestimmungen.
"Sirens" ist das fünfte Album, das mit leichter Verspätung zum 15. Bandjubiläum eintrudelt. Von sämtlichen äußeren Geschehnissen autark wirkt dieser orchestral-ätherische, mitunter strenge Synthie-Pop nach wie vor. Hundreds erlauben sich Dinge, die andere Acts meistens nicht können: Sie warten auf die Muse, veröffentlichen wann und vor allem was sie wollen. Vor drei Jahren etwa eine Cover-EP, auf der ihnen das Kunststück gelang, "Eye In The Sky" von The Alan Parsons Project, "As It Was" von Harry Styles oder "Enjoy The Silence" von Depeche Mode derart zu bearbeiten, dass die Welthits komplett im Hundreds-Universum aufblühten.
Diese Soundwelt bleibt besonders und benötigt offenbar lange schöpferische Ruhepausen, auch wenn mit Florian Wienczny nun ausgerechnet ein Schlagzeuger das Milner-Projekt offiziell zum Trio vergrößert hat. Vor ausufernden Drum-Soli braucht sich aber niemand zu fürchten, wie schon das knisternde Acapella-Intro "How To Grow Up" belegt, in dem Eva einen Blick zurück in ihre Kindheit wirft. Im Gegenteil zeigt das anschließende "Walk On Walls", wofür diese Band steht: Mit minimalsten Mitteln eine schwer definierbare, rauschhafte Atmosphäre zu kreieren. Wiencznys Einfluss könnte man aus einigen perkussiv angelegten Arrangements herauslesen ("Fallacies", "Sirens"), womöglich unterstützt er den gelernten Jazz-Pianisten Philipp aber einfach insgesamt beim Synth-Programming.
Unverändert führt die Elektronik die Zuhörenden in dunkle Gefilde, in denen Evas helle, ausdrucksstarke Stimme als Stirnlampe fungiert, die einen wieder sicher zurück ans Licht führt. Damit es emotional nicht zu schwer gerät, mischen Hundreds auf jedem Album mindestens einen auffällig optimistischen Upbeat-Track dazu. Auf "Sirens" ist es das tanzbare "Blueberry Dream", mit Abstrichen auch das an klassischem 80s-Pop geschulte "Five Rivers", die mir beide viel besser gefallen als vor fünf Jahren das etwas anämische "Ready Shaking Silent". Das ausgefuchst arrangierte "Fallacies" legt von Dance-Pop bis zu Chor-Passagen gleich mehrere Häutungen hin.
Ich wage mich auch zur Behauptung vor, dass Hundreds vor allem für ihren abgründigen Dark-Pop geliebt werden, und in dieser Hinsicht zog das Trio in ihrem eingerichteten Bauernhof-Studio im Wendland wieder alle Register. Der engelsgleiche Titeltrack "Sirens" oder die Downtempo-Downer "Eliot" und "The Tendril" spielen in ihrer eigenen Liga und hieven die Band auf ein internationales Tableau, auf dem sonst nur Acts wie Moderat oder The Notwist operieren. Deren Standout-Track "Consequence" ehrten Hundreds noch auf "The Current". Mit dem Abschlusssong "Carry Me Home" präsentieren sie nun selbst einen Instant-Band-Klassiker, dem hoffentlich irgendwann eine ähnliche Ehrung zuteil wird.


1 Kommentar
die gibt's noch? krass. muss ich wohl mal reinhören.