laut.de-Kritik
Das ist der Cole, von dem man mehr will.
Review von Yannik GölzIch habe beschlossen: Ich will mich auf "The Fall Off" richtig einlassen. J. Cole, das vergessene Middle Child aus den derzeitigen Top Drei, arbeitet jetzt seit Jahren auf dieses angeblich alles zerfickende Album hin. Er hat es aufgeschoben, alles Mögliche zwischendurch gedroppt - aber der Mann scheint wirklich überzeugt davon zu sein, dass er da nicht weniger als eine Atombombe in den Händen hält.
Das Problem ist ein bisschen, dass Cole schon manchmal über seine große Fresse gestolpert ist. Der riesige Buhau um "KOD" hat sich in einem mittel-okayigen Album mit bescheuertem Gimmick materialisiert. Kriegt er dieses Mal seine PS auf die Straße, nach vielen Jahren in einer Karriere, in der er mehrmals als 'Nas ohne "Illmatic"' beschrieben wurde? Diese Vorab-EP, die man gerade für umgerechnet 87 Cent auf seiner Homepage erwerben kann, steigert auf jeden Fall die Vorfreude.
"Birthday Blizzard '26" ist ein wahrscheinlich im größeren Kontext der Rap-Geschichte absolut unerhebliches kleines Mixtape, gerade einmal vier Tracks bekommen wir. Aber ich will es hier einmal fixiert haben, denn es zeigt mir die Richtung, die ich mir so sehr für Cole wünsche. Nicht nur ist Cole ein 'Nas ohne "Illmatic"' - er ist erwiesenermaßen immer dann der beste Rapper, wenn es am wenigsten drauf ankommt. Er kann auf einem Album langweilige Musik darüber droppen, wie gerne er Mandelmilch trinkt, nur um dann kurz später Dekaden-Verses auf den Tracks von Benny The Butcher zu kicken.
Schon der eröffnende "Bronx Zoo Freestyle" zeigt nun endlich mal einen Cole, der bereit ist, auf einem Track mit dem eigenen Namen als Lead-Artist völlig loco zu gehen. "Just when you thought your boy was dead", geht er da in die Offensive und peitscht sich über einen Flip von Diddys 2004-Bad Boy Records-Jubiläumstrack "Victory" in absolute Ekstase. Stimmlich hat man den Kerl noch selten so aufgewühlt und manisch erlebt - aber das ist die Power, nach der ein so pompöser Beat auch verlangt. Und gerade für einen Cole, der auf eigenen Tracks öfter mal die Collectedness und Weisheit in den Vordergrund rücken will, ist das ein Gefühl von Aufregung, das er gerne mehr zeigen darf.
Ansonsten entsteht auch über die kurze Laufzeit ein überraschend kohärentes Bild. DJ Clue und die Präsentation helfen natürlich, aber man versinnbildlicht schon ein wenig, wie Cole da eingeschneit in New York sitzt und durchdreht, als wäre die eine Nacht Geburtstag im Blizzard sein persönliches The Shining. Wenn er auf dem Closer "99 Built" über das legendäre Lox-Instrumental "Money, Power, Respect" geht, hat man doch einfach die BoomBap-Oldhead-Energie, die man irgendwie doch vermisst hat. Mit "if Hip Hop is back, then J.I.D. should be platinum" reiht er sich auch noch in die Shoutout-Line-Geschichte ein, mit der schon über Common und Killer Mike gespittet wurde.
"Birthday Blizzard '26" ist also tatsächlich eine der schönsten und direktesten Enkapsulierungen, warum die Leute so verdammt doll an Cole glauben. Der ist fantastisch hier! Was die Form angeht, sollte er absolut ready sein, allen Ansprüchen gerecht zu werden und einen Klassiker zu droppen. Eine kleine, fiese Theorie habe ich trotzdem, was dieses Tape im Schnitt anders und (womöglich) besser macht als seine Solomusik sonst: Er rappt nicht über seine eigenen Beats. Diese gritty-monumentale New Yorker Instrumentierung aus den letzten Ausläufern, als BoomBap noch so richtig mit Gangster-Rap und Kommerz assoziiert wurde, steht ihm wunderschön zu Gesicht. Das sind hier einfach Beats, die er sonst bisher so nicht gepickt hat. Genau wie seine Stimme sonst eher ruhig war, war auch seine Produktion immer so unerträglich chill und geschmackvoll. Ich hoffe ehrlich, "The Fall Off" hat die richtigen Lehren aus diesem Mini-Mixtape gezogen - denn das ist der Cole, den man sehen will.


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