laut.de-Kritik
Futuristischer hat Rap nie geklungen.
Review von Yannik GölzWürdet ihr gerne in die Zukunft gucken können? Ich würde. Also nicht nur, um die Lottozahlen abzugreifen und die generelle Verwüstung zu begutachten. Ich würde so gerne ein paar Jahrzehnte in die Zukunft springen und alle neuen Klassiker-Alben und neuen Genres bingen.
Aber wäre ich happy mit den Ergebnissen? Wie groß wäre die Chance, dass auch im Steampunk-Jahr 2055 gerade einfach nur Jeremy Dingensdorf-von Forster der Dritte das große Disco Revival-Revival-Revival mit einem Sample eines Dua Lipa-Klassikers dominieren würde? So ähnlich wirkt zumindest der Vibe, wenn man von 2000 auf 2025 springen würde. Der Mainstream-Vibe ist mehr als retro. Aber immerhin findet man richtigen Futureshit, wenn man ein bisschen buddelt.
Ich habe den chinesischen Plugg-Rapper Jackzebra schon geliebt, als er einfach nur ein Regional Artist war. Seine Interpolation von modernen Amirapsounds in die Erfahrung der chinesischen Working Class auf Mixtapes wie "Above And Beyond" haben verrückte Vibes gehabt. Aber mit seinem Signing zum US-amerikanischen Weirdo-Kollektiv der Surf Gang steht ihm nicht nur endgültig die physische Welt jenseits des großen Firewalls offen - sondern auch eine ganz neue Palette an Underground-Producern, die noch einmal völlig neue Möglichkeiten öffnen. Und stellt sich raus: Jack hat Bock, richtig wilde Dinge mit diesen Möglichkeiten anzustellen.
Das Album ist zwar mit 45 Minuten bisher sein Kompaktestes, hat dafür aber musikalisch die meisten Ideen. Grob gefiltert ist es in drei Teile. Im letzten Drittel arbeitet er mit Shed Theory-Producer Elipropperr, der schon für manch coolen Ambient Plugg Pate stand. Im Mittelteil gibt es ein paar Hyperpop-Beats von Glaive-Producer Glasear und Yung Lean-Producer Woesum. Und das ist alles cool und gut, aber die Passage, die mich komplett umgehauen hat, ist das erste Drittel.
Da ist ihm nämlich ein richtiger Coup gelungen. Er hat mehrere Produktionen von James Ferraro bekommen, einem der besten und einflussreichsten Electronica-Artists des Jahrhunderts. Von den Utopian Virtual-MIDI-Sounds auf "Far Side Virtual" über den Hypnagogic Pop von "iAsia" bis hin zum bizarren elektronischen Ambient-Country auf "Last American Hero" - dieser Kerl hat nicht nur Untergrundklassiker auf Untergrundklassiker - er ist auch ein waschechter Genre-Polyglot und Sound-Abenteurer, bei dem es wirklich aufregend ist, was passiert, wenn man ihn auf das Medium Rapbeat loslässt.
Ich berichte voller Freude: Es ist eine absolute Wucht. Es ist genau die futuristische Musik, von der ich in der Einleitung geredet habe. Die liquide, marodierende Bassline auf "Leon" macht intensive Klaustrophobie. Auf "Luxury Humble Style" bauen sich Synthesizer Schritt für Schritt weiter auf. "Human" ist ein elektronisches Tohubawohu.
Dieses erste Drittel von "Hunched Jack Mixtape" ist ein einziger Mahlstrom. Ferraro und Jack verstehen sich in ihrer Weirdness blind und geben einander die abstrakten, formlosen und komplett konturlosen Sounds, die der jeweils andere verdient - und es entsteht ein musikalischer Hip Hop-Sci-Fi-Film, wie man ihn noch nie gehört hat.
Dieses erste Drittel ist so gut, dass der Rest des Projekts im Direktvergleich fast ein bisschen zurückfällt. Ja, Jack kann auch soliden, trippy Hyperpop, und sein klassischer Stil im letzten Drittel macht auch Spaß. Aber es spricht schon Bände für die künstlerische Evolution, dass "Givenchy", das bisher zu seinen größten und interessantesten Hits gehört hat, sich nicht einmal mehr wie ein großer Standout anfühlt. "Hunched Jack Mixtape" denkt so radikal nach vorne, wie Hip Hop es gerade braucht. Denn am Ende werden es Weirdos wie die hier sein, die den Sound der Zukunft zuerst anzapfen.


1 Kommentar
Nach nur wenigen Minuten frag ich mich schon, wie der mit LSD-Eiswürfeln im Mund noch rappen kann, oder gurgeln
Aber mal weiterhören...