laut.de-Kritik

Das innere Vakuum in schmerzvoller Schönheit ausgestellt.

Review von

Nur wer eine solch loyale, leidenschaftliche Gefolgschaft in seinem Rücken weiß, kommt mit einem Albumtitel durch wie "Piss In The Wind". Jede Vorabsingle wird abgöttisch gefeiert und Joji zum Messias erhoben, der verletzte Seelen tröstend in den Arm nimmt. Endlich versorgt er seine Fans mit elegischen Fragmenten, damit sie sich verstanden fühlen. Es besteht jedoch eine feine Linie zwischen einem viel umjubelten Sadboy und einem kitschigen Edgelord. Wie steht es beim vorliegenden Longplayer, der nicht wie üblich von 88rising gepublished wird?

Joji serviert 21 "Songs", die gerade einmal 45 Minuten erreichen. Viele davon bleiben unter 120 Sekunden, enden abrupt oder dienen als aufgehübschtes Interlude. Ein Zeichen unserer Zeit, jedoch nutzt er diese kurzen Intervalle meistens gewinnbringend und formuliert sie formschön aus. Durch dieses musikalische Korsett verlangt er indes, dass man sich mit seiner kryptischen Lyrik stärker auseinandersetzt, um Interpretationen zu ermöglichen.

"Piss In The Wind" erbaut ein Manifest aus unerfüllter Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Wehmut, Trauer, Verletzlichkeit und vor allem radikale Resignation. Joji legt hier eine entfesselnde Ehrlichkeit zugrunde, dass er Nähe mit Erschöpfung assoziert und Liebe eher Schutz vor der Welt bedeutet als tatsächliche Belebung. Gefühle investieren, sich öffnen, hoffen, und am Ende ändert sich nichts. Beziehungen scheitern, Erfolg fühlt sich leer an, Nähe bleibt flüchtig. Am Ende kämpft er mit Orientierungslosigkeit, Gedankenschleifen und einer Last ohne Erlösung. Klingt maximal schwermütig, doch er verpackt es in gut verdaulichen Portionen.

Der grandiose Opener "Pixelated Kisses" kokettiert mit gecrunchtem, bratzigem Bässen, während unser Protagonist über eine ermüdende Fernbeziehung lamentiert. "Love You Less" erzählt von ungleicher Liebe sowie Abhängigkeit im Kleid aus schlurfendem Indie-Pop samt hallender Gitarren. Die ziehen sich auch durch den Folktronica "If It Only Gets Better".

Generell lässt sich konstatieren, dass Joji im Bereich des poppigen Lo-fi verharrt, obgleich er den Fächer ausbreitet und ein interessantes Klangbild liefert. Astreiner Neo-R'n'B mit Giveon als exzellentem Feature in "Piece Of You", sanfter Ambient-Synthwave in "Hotel California". Industriell anmutende Loops mit pittoreskem Chillwave im Outro bei "Forehead Touch The Ground", Distortion und Upbeat in "Sojourn". Verträumter Drum'n'Bass in "Last Of A Dying Breed" und eine Trap-Ballade mit Don Toliver auf "Fragments".

Zwei Songs zeugen von Jojis Talent, wie wenig es benötigt, seine innere Marter nachfühlen zu können. Im schüchternen "Can't See Sh*t In The Club" croont er wehmütig, verträumt und fragil über diverse Projektionsflächen, offeriert persönliche Themen wie Selbsttäuschung oder emotionale Desorientierung. Im sinistren "Horses To Water", flankiert von Piano und Flöte, parliert er beinahe bedrohlich über erreichte Erfolge, die ihm versprochen wurden, aber nicht erfüllen. Er fühlt sich angeödet: "Keep it on my shoulder and I feel it every day / Carried on my back and it's all in the legs / They say the water's different, but it all tastes the same". Mehr ein nüchternes Feststellen als ein Klagen.

An einer Stelle übertreibt er es dann doch: "Past Won't Leave My Bed" rutscht als Power-Ballade auf seinem eigenen Schleim aus, eine schnulzige Variante von "Glimpse Of Us" - das hätte nun nicht sein müssen. Genauso wie Yeat in "Rose Colored", ein schräger Auftritt, textlich wie phonetisch mit zu viel Autotune.

Sei's drum: "Piss In The Wind" ist ein starkes, melancholisches Winteralbum, das mit liebreizender Tristesse nicht nur tröstet, sondern auch konsequent sein inneres Vakuum ausstellt. Ihm gelingt es, tonal stimmig zu bleiben, ohne sich in bloßer Larmoyanz zu verlieren.

Trackliste

  1. 1. Pixelated Kisses
  2. 2. Cigarette
  3. 3. Last Of A Dying Breed
  4. 4. Love You Less
  5. 5. If It Only Gets Better
  6. 6. Love Me Better
  7. 7. Piece Of You
  8. 8. Hotel California
  9. 9. Tarmac
  10. 10. Forehead Touch The Ground
  11. 11. Past Won't Leave My Bed
  12. 12. Fade To Black
  13. 13. Can't See Sh*t In The Club
  14. 14. Sojourn
  15. 15. DYKILY
  16. 16. Rose Colored
  17. 17. Silhouette Man
  18. 18. Fragments
  19. 19. Horses To Water
  20. 20. Strange Home
  21. 21. Dior

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2 Kommentare

  • Vor einem Monat

    "Sei's drum: "Piss In The Wind" ist ein starkes, melancholisches Winteralbum, das mit liebreizender Tristesse nicht nur tröstet, sondern auch konsequent sein inneres Vakuum ausstellt."

    Der Winter mit seinen lichttechnischen Herausforderungen setzt mir auch immer mehr zu. Ich hab' mir jetzt so ne' Anti-Depressions-Lampe gekauft, die passt perfekt in die Vorratskammer, wenn wieder Sommer ist - Festivalsaison, ich grüße Dich schon mal. Wo war ich? Achja, was mich halt nervt, ist, dass viele Termine leider über den Winter liegen, auch. Tabletten nehme ich nicht so gerne, weil die ungesund sind und nicht in den Diätplan passen, außerdem kotze ich davon regelmäßig. Ich wollt' jetzt demnächst mal meine Mitmenschen in sämtlichen Kontexten darüber informieren, dass ich mutmaßlich depressiv bin. Ich bin jetzt nicht so der Typ, der möchte, dass viel Rücksicht genommen wird, aber vielleicht erkennen sich auch die Anderen hier irgendwie wieder und wir können insgesamt etwas dadurch verbessern, das fänd' ich schön. Dann hätte das Alles was gutes. Was haltet Ihr denn von dieser Idee?

  • Vor 10 Tagen

    Ich muss mich leider den anderen, kritischeren Stimmen anschließen. Das Album war es nicht. Vor allem nach dem Smithereens schon so unausgegart war, aber alle so meinten "Hey, der macht das nur, um aus dem Vertrag zu kommen, sein nächstes Album wird besser!" war ich echt gespannt. Wie funktioniert ein Joji ohne kreative Begrenzung? Spannende Frage.

    Stattdessen wurde hier für mich alles, was ich an Smithereens scheiße fand, jetzt auf doppelte Länge gestreckt. Die Songs, die gerade anfingen, mir zu gefallen, waren direkt schon vorbei und Standard-Slop, den man in deutlich besser von anderen Vertretern des selben Genres gehört hat, wurde zu monotonen 3 bis 4 Minuten gestreckt. Wobei, nicht nur andere Vertreter, sondern auch er selbst hat von vielen der hier veröffentlichten Songs teilweise bessere Varianten in den Jahren zuvor veröffentlicht.

    Wenn der Anspruch ist, Musik für die nächsten Videokollagen auf Instagram und Tik Tok zu erstellen, ja dann, Ziel erreicht. Es ist dann allerdings nur enttäuschend, wenn man Abseits von Short Form Content die Songs hören will, nur im festzustellen, dass hinter dem 15-Sekunden-Snippet nicht viel mehr passiert. Fast schon so, als würde man die Fassade eines Schloßes sehen, doch geht man durch die Tür, stellt man fest, dass es nur eine Attrappe war, weil nichts dahinter ist.