laut.de-Kritik
Live aus der DAK-Telefonwarteschlange.
Review von Yannik GölzEs gibt noch einen Limbus unter der geläufigen Schicht der deutschen Wackness. Vergesst die Forsters, die Bendzkos, die SDPs. So wack die alle sein mögen, immerhin haben sie noch den Selbstanspruch, irgendwo genug Persönlichkeit zu haben, dass man sie ausreichend greifen kann, um sie zu hassen. Guck, es ist gar nicht schwer, die auseinanderzuhalten! Forster ist der wacke Kobold mit der Mütze, Bendzko der wacke Kobold mit den Locken. Easy! Aber jenseits dieser Speerspitze der deutschen Wackness, irgendwo ganz tief im Höllenfeuer, gibt es Deutschpop-Industriesoldaten wie Kamrad.
Wer ist Kamrad? Das wissen wahrscheinlich nicht einmal seine Eltern so genau. Ich glaube, Robert Musil hat mal einen Roman über ihn geschrieben. Er ist ein musikalisches Facebook-Standardprofilbild, in einem Labor gezüchtet, damit Baustellenradios irgendetwas zu dudeln haben, das der akustischen Sensation von Musik gerade nahe genug kommt, aber nie Gefahr läuft, irgendjemanden von irgendetwas abzulenken. Kamrad macht die Sorte Musik, die die DAK dir in die Warteschlange schmeißt, damit du dein Leben in den zehn Minuten vor dem unhilfreichen Beratungsgespräch noch ein kleines bisschen mehr hasst.
Ich habe mich ehrlich gefragt, ob ich diese Review wirklich schreiben soll. Um zu verifizieren, dass dieser Mann tatsächlich in Fleisch und Blut existiert, habe ich mir Interviews angeguckt, im ZDF-Morgenmagazin, und Tatsache: Da isser. Nett genug. Gibt es einem Grund, einem so untoxischen und unproblematischen Kerl, dessen einziges Verbrechen es ist, seine eigene Musikkarriere zu quiet-quitten, aktiv ans Bein zu pinkeln?
... und meine Antwort ist: Ja. Denn Kamrad ist ja nicht nur irgendein Typ mit fünf Euro und einem Traum. Dieser Kerl macht in Deutschland Hits! Der Track "Be Mine", Flaggschiff seiner neuen EP "Trying Not To Panic" (nichts auf diesen zwölf Minuten gibt irgendeinen Anhaltspunkt, warum er sie so genannt hat, nein), ist seit Release ein absoluter Radio-Behemoth. Der Kerl wird europaweit als Vorgruppe und auf Tour geschickt. Das Label hehlt seine Liveshows als "intime Veranstaltungen" - ergibt Sinn, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass dieser Kerl so etwas wie Fans hat. Ich meine: Er hat Follower auf Instagram, wo er mit nachtmahrischer Robotik die lieblosen Anweisungen irgendeiner beschissenen Marketing-Agentur einhält. Aber bedeutet diese Musik irgendjemandem irgendetwas? Wäre sie dazu in der Lage?
Ich schiebe jetzt schon eine ganze Weile auf, über die tatsächliche Musik zu sprechen. Das liegt daran, dass diese EP wirklich an der Untergrenze der Begriffsdefinition entlangschrammt. Der Sound von Kamrad hat etwas zutiefst Lobotomisierendes. Die beste Musik hat diese transportative Fähigkeit, dich mental an andere Orte und in andere Zustände zu versetzen. Kamrad gibt mir die tiefe Immersion, gerade in einem Kaufland zu sein. Oder bei einer Behörde zu warten.
"Trying Not To Panic" hat nicht einmal so etwas wie ein Genre. Das Genre ist, wenn überhaupt, Pop-Akademie. In der Wissenschaft des Songwritings gibt es ein paar gewinnende Formeln und Kniffe, die man anwenden kann, damit Musik rund klingt, und das muss man ihm lassen: Diese Musik klingt auf die Groove- und Funk-losest mögliche Art rund. Es ist eine glatte, matte Legierung an Presets und Best Practices, gegen die man im Singular nichts einwenden kann. Immer wieder poppt eine kurze Melodieline auf, die vage an das Beste der Achtziger, Neunziger und von heute erinnert, zwischen dem es in Camouflage verschwinden möchte. Aber es reicht doch nicht, Sachen nur nicht falsch zu machen, irgendwann müsste man auch mal etwas richtig machen?
Unter all der musikalischen Nichtigkeit, vergisst man fast, dass da auch irgendetwas getextet wird. "Hug Yourself" versucht wohl so etwas wie das neue "ABCDEFU" zu werden. Versteht ihr? "Hug yourself", "fuck yourself" - für die Langsamen buchstabiert er es mit "H-U-G you" noch einmal genau aus. Hihi! Dieser 28-jährige Mann ist damit davongekommen, im Radio "fuck" zu sagen! Ihr seht das nicht, aber ich rolle gerade mit den Augen. "If I Break Your Heart" erzählt nominell von einer extrem intensiven Beziehung, von gebrochenen Herzen, zerstörten Zimmern, brennenden Gitarren. Aber sorry, Jung, ich höre weiterhin nur Kaufland. Spürst du diese Diskrepanz zwischen dem Versuch, etwas zu erzählen, und dieser Musik nicht?
"Trying Not To Panic" ist vielleicht das nichtigste musikalische Projekt, das ich je gehört habe. Es ist eine beige Wand, und Kamrad ist ja nur ein Symptom, nicht ein Übeltäter: Labels signen Artists wie diesen und pushen sie dann massiv in Richtung Radio, weil Radio nicht aufhören kann, Kacke wie diese hier zu spielen. So viele Label-Ressourcen, so viel Promo, so viele Festival-Slots, so viel Radiozeit wird an dieses Pop-Pendant von White Noise verschwendet. Glaubt mir: Ich erwarte nicht von euch, avantgardistischen Jazz an seine Stelle zu nehmen. Aber gebt doch zumindest Artists die Chance, die so tun, als würde ihnen Musik etwas bedeuten.


1 Kommentar mit einer Antwort
Wenn Musiker Musik machen, um wie andere Musiker zu klingen, die Musik machen, um wie andere Musiker zu klingen.
Deutschlands Musikbranche in a nutshell, sag ich mal.