laut.de-Kritik
50 Jahre und kein Ende in Sicht.
Review von Franz Mauerer"Journey From Mariabronn" ist kein Englischversuch von Wolfgang Ambros, sondern der ganz hervorragende Titel und der älteste enthaltene Song des Best-Ofs der seit 50 Jahren aktiven Kansas - er stammt aus dem Jahre 1974 und überzeugt auch heute noch. Nicht zuletzt dank Sänger Steve Walsh und der Violine von Robby Steinhardt fühlt man sich schnell wieder in die Zeiten hineingezogen, in denen Kansas gleich mehrere Vierfachplatinalben raushauten. "Another Fork In The Road" tritt mit drei CDs und dem Anspruch an, einen Überblick über das gesamte Oeuvre der Band zu geben. Mein Ranking für das beste Albumcover 2022 führt es schon mal an.
Die EU- und Nordamerika-Versionen der zweiten CD unterscheiden sich, vermutlich aufgrund von Rechteproblemen. Das muss uns Altkontinentler nicht stören: Die EU-Version ist die mit Songs aus allen Alben der Band. Ohne Walsh und Co-Frontmann Steinhardt ist Kansas eine irgendwie schräge Nummer, aber mit dem nun wirklich nicht in dieser Qualität erwarteten "The Absence Of Presence" bewiesen Ehart und Williams, dass Kansas das Potenzial besitzt, als Band zum ewigen Völkerrechtssubjekt, losgelöst von Bandmitgliedern, zu werden. Von South Park bis GTA haben alle popkulturrelevanten Giganten der Gegenwart Kansas und ihren schier unerschöpflichen Fundus an cheesy Classic-Prog-Rock-Songs für sich entdeckt.
Und "Another Fork In The Road" zeigt eindrücklich, warum die Halbwertszeit dieser Band so grotesk lang ist. Mit der Neuversion des schon im Original nicht besonders starken "Can I Tell You" muss man nicht warm werden, aber was sind hier für Dinger drauf, maßgeblich dank dem Genius des Immer-Wieder-Mitglieds Kerry Livgren. Progungetüme à la "Death Of Mother Nature Suite", cooler 70s-Rock wie "Child Of Innocence", die Mutter aller 80s-Schmalzungetümer "Crossfire", das Schweine-Synth-Rock-Überbrett "Three Pretenders", die flirrende Klimpernummer "End Of The Age", der 90er-Radiohit "Carry On Wayward Son" in einer guten Live-Version und natürlich das von Film und Fernsehen totgenudelte "Dust In The Wind", das für seinen Missbrauch selbst am wenigsten kann und hier in der schmucken London Symphony Orchestra-Version enthalten ist, die den Song nicht überfrachtet und ihm noch etwas Verspieltheit mitgibt.
Nicht nur der Opener gerät nicht allzu stark, überhaupt muss man das überkandidelte "The Coming Dawn (Thanatopsis)" und die an Phoebes von Friends erinnernden Keyboard-Auswüchse "Crowded Isolation" ein Stück weit überspringen. "Another Fork In The Road" beginnt nämlich mit den jüngsten Veröffentlichungen, und die erreichten vor "The Absence Of Presence", das direkt zu Beginn eine gute Performance abliefert mit Titeltrack und "Throwing Mountains", schon ein Weilchen nicht mehr das Niveau früherer Glanztaten.
Aber das ist auf einer 41-Tracks-Best-Of nun mal nicht wirklich entscheidend. Die "Weggabelung" bietet eine Fülle an Genres, langweilt nie und wirkt tatsächlich mit großem Bedacht kuratiert. Viele der Songs sind für die Ewigkeit geschrieben, das Produktionsniveau ist mehr als vernünftig. Wer Prog, AOR, Violinen und/oder Keyboards im Classic Rock mag, wird sich hier etwas finden - wer ganz offen rangeht, kann eine der besten Rockbands des 20. Jahrhunderts neu entdecken und in ihren vielen Facetten schätzen lernen. Verdient hat sie es.
1 Kommentar
Und wie der findige Sucher allenfalls wissen möchten würde ist "Journey from Mariabronn" ein Bezug zu "Narziss und Goldmund" von Hermann Hesse, was auch textlich-inhaltlich zumd Songtext passt. Muss das Buch aber mal noch lesen.