laut.de-Kritik

Schwänzen klang selten so lame.

Review von

Kasi. Noch so eine deutsche Indie-Pop-Ausgeburt, die sich selbst als Rapper betitelt. Als ob Zartmann nicht schon zu viel des Schlechten wäre. Kasi hat es innerhalb dieses Umfeldes mit Kollaborationen wie "Meint Ihr Uns" zu größerer Aufmerksamkeit gebracht. Auf "Kids" tauchen wir nun auf Albumlänge in die Lebenswelt des gebürtigen Frankfurters ein. Mit dabei: Sein guter Freund und Produzent Antonius.

Inhaltlich tut sich hier nicht viel. Kasis Lyrics drehen sich hauptsächlich ums Erwachsenwerden oder besser gesagt: die Angst vor dem Erwachsenwerden. Für uns Zoomer durchaus ein brandaktuelles Thema in diesen rezessiven und weltpolitisch turbulenten Zeiten. Leider verkauft er es nicht gut, was vor allem daran liegt, dass er sich sehr oft wiederholt. Immer wieder muss er uns darauf hinweisen, dass er und seine Leute "einfach nur paar Kids" seien, das dann mehrfach über das ganze Album verstreut und fast ohne den Wortlaut dabei zu ändern.

Ähnlich gestaltet es sich mit dem Schule schwänzen. Weitere Themenkomplexe sind klassische Erste-Welt-Probleme wie Struggles im Studium, Struggles mit den Erwartungen der Eltern, dazu noch die üblichen Indie-Liebessülzen und Erinnerungen an "bessere" Kinderzeiten. Aber der Typ erweckt zu keiner Sekunde den Eindruck, als ob sein Leben nach der Kindheit so viel schlimmer wäre. Ich weiß nichts von seinem familiären Umfeld, nur dass ihm die Eltern wohl ein wenig Druck machen ("Und Papa sagt zu mir: 'Dein Lebenslauf sieht scheiße aus'"), ich vermute trotzdem, dass es nicht so schlecht um ihn bestellt wäre, falls das mit der "Rap"-Karriere nicht funktioniert.

Apropos "Rap": Lines wie "Weißt du noch? / Vor den Bullen renn'n oder vor sich selbst, bin nie angekomm'n" in "Weisst Du Noch" fühlen sich höchstens so rebellisch wie "Vorstadt-Krokodile"-Filme an. Ich wette, das ist vermutlich auch das Maximum an Rebellion, das kontemporärer Deutsch-Pop zulässt. Blöd nur, dass der Dude sich als Rapper betitelt, zum Beispiel auf "Wie Lang Geht Das Noch Gut": "Ich zu Mom so: 'Ich bin jetzt Rapper' / Doch sie sagt: 'Was Vernünftiges wäre viel besser.'" Das mag sich jetzt maximal nach Gatekeeping anhören, aber nichtsdestotrotz: Wie Niko Backspins Interview mit Fler, Sentino und Jalil verlaufen wäre, wenn es heute stattgefunden hätte? Ich glaube, neben Kollegah hätte auch ein Kasi heftig einstecken müssen.

Gerade bei Songs wie "Wie Lang Geht Das Noch Gut" merkt man ihm zudem an, dass ihn eher Pop-"Rapper" wie Cro inspirieren, der Track ähnelt jedenfalls sehr dem Cro-Hit "Einmal Um Die Welt". Generell lässt sich auf der Platte nichts großartig Eigenständiges erkennen, was Kasi auf "Alles Was Ich Anfass Geht Kaputt" fast schon auf metahafte Art und Weise anspricht: "Alles, was ich sag', nehm' ich mir selber nie ab / Und alles, was ich schreib', hat schon wer andres gesagt."

Nach dieser Selbsterkenntnis (wenn man das so nennen darf) tut er mir fast schon wieder leid ... Moment mal, was muss ich auf "Oktober" hören? "Warte auf 'ne Nachricht, da kommt gar nichts, find' im Kleiderschrank dann deinen Pullover / Damn, I hate being sober." Ich nehm' alles zurück. Lass' meinen Boi Chief Keef da raus.

Einen Totalausfall sehe ich in "Kids" trotzdem nicht, und hier kommt Antonius ins Spiel, der sich thematisch nicht von seinem Kompagnon abhebt. Er übernimmt die Hook auf "Oktober" und darf sich auf "Juli" komplett entfalten. Der Song geht total in Ordnung. Ich mag, wie der ruhige Akustik-Gitarren-Part in bedrückende Synthesizer übergeht.

Hier und da baut er auch mehr Spielerei und elektronische Sounds in das viel zu gewohnte Indie-Pop-Gitarren-Gerüst ein, besonders markant auf "Weisst Du Noch", "Kids", "2009", "Alles Was Ich Anfass Geht Kaputt" und "925", die den Hörgenuss der LP interessanter gestalten, jedoch alle auf der ersten Hälfte der Platte vorzufinden sind. Danach hebt sich produktionstechnisch nur noch der vorletzte Track "Kommst Du Runter, Bin Hier" ein bisschen ab. Feature-Gast Vince auf "Wir Drei" bringt auch nichts Neues an Land und die Platte endet mit "Die Welt Geht Vor Die Hunde". Die Apokalypse stelle ich mir spektakulärer vor. Aber was hätte ich auch sonst von diesem Long-Player erwarten sollen?

Joa, das war "Kids" von Kasi & Antonius. Wie soll ich es zusammenfassen? Zartmann in etwas elektronischer? Keine Ahnung. Trotz paar halbwegs interessanter und hörbarer Produktionen findet hier einfach nichts von großem Belangen statt. Noch einer, der nahezu perfekt ins Studenten-"Rapper"-Klischee reinpasst. Ich wünschte mir in diesem Moment, Kasi hätte die Schule ernster genommen und ein bisschen mehr auf seine Eltern gehört.

Trackliste

  1. 1. Weisst Du Noch
  2. 2. Kids
  3. 3. Wie Lang Geht Das Noch Gut
  4. 4. 2009
  5. 5. Alles Was Ich Anfass Geht Kaputt
  6. 6. 925
  7. 7. Juli (by Antonius)
  8. 8. Oktober
  9. 9. Herbst
  10. 10. Wir drei (mit Vince)
  11. 11. Kommst Du Runter, Bin Hier
  12. 12. Die Welt Geht Vor Die Hunde

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Kasi

"Zukunft liegt in Trümmern und ich rauch' ein'n in mei'm Zimmer". Mit diesen Worten gibt Kasi einen kurzen und knackigen Einblick in die Gefühlslage …

1 Kommentar mit einer Antwort