laut.de-Kritik
Dieses Album kennt nur eine Richtung: Vorwärts mit Pop-Optimismus.
Review von Kerstin KratochwillZuckrige Getränke machen glücklich und süchtig – ersteres zumindest kurzfristig und letzteres kann auch schnell in einem Kater enden. Und so kann man auch den beschwingten Ohrwurm-Hit "Lemonade" von Louis Tomlinson beschreiben, der ersten Single seines dritten Albums "How Did I Get Here?".
Wie kam der Ex-Boygroup-Star und Sänger von One Direction zu seinem Solo-Musikerd-Dasein? Ähnlich wie Robbie Williams löste er sich von dem starren Muster einer gecasteten Band, um mit nur einer leichten Verschiebung des puren Pop-Sounds, dem Anstrich von Authentizität und Indie-Anleihen wie auf dem Debüt "Walls" (2020) und dem Follower "Faith In The Future" (2022) noch erfolgreicher zu werden – und dann als Juror in Casting-Shows zu richten, in seinem Fall "The X Factor", dem Labor, in dem One Direction gezüchtet wurde.
Die wichtigen Faktoren auf "How Did I Get Here?" sind solide Produktion (Nico Rebscher, der bereits Aurora oder Alice Merton perfekten Schliff verlieh), catchy Melodien und die ganz große Portion Optimismus. Eher eine Ed-Sheeran-Pub-Version als der so erfolgreiche wie extravagante Ex-Kollege Harry Styles, versucht sich Tomlinson an einem Album, das jeder potenziellen Hörerin oder jedem potenziellen Hörer gefallen könnte und lässt so ein wenig eine eigene Handschrift vermissen.
"How Did I Get Here?" bietet im Programm des Mainstream-Radios für jeden Abschnitt des Tages den passenden Song: Mit dem ersten Kaffee in der Hand und "Lazy" im Ohr – ein unverschämt lässiger, psychedelisch angehauchter Pop-Song, der sich wie eine Katze anschmeichelt und cool dahinwabert – lässt es sich im Moderatorensprech sicher super in den Tag starten. Dann geht es in Richtung Tagwerk mit hymnischem Gitarrenrock bei "Palaces", der Oasis sowie Britpop zitiert und Energie simuliert. Den gepflegten Abend begehen wir dann mit strahlendem Pop in "Sunflowers" und einem Rotwein im Glas.
Besser gesagt, einem halben Glas – und das ist ja je nach Betrachter immer halb voll oder halb leer. Aber immerhin, Tomlinsons Glas steht an der Bar eines nordenglischen Pubs und ist somit immer nachfüllbereit.


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