laut.de-Kritik

Die Schwedenkönigin winkt zum Abschied.

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Wo andere ihre Karriere noch einmal mit Pauken, Lasern und letzter großer Pose gegen die Wand fahren würden, steht Lykke Li mit ihrem – angeblich – letzten Album "The Afterparty" lieber im halbleeren Raum, schaut auf zertretene Plastikbecher und fragt sich, ob die Euphorie je mehr war als eine Beleuchtungsfrage. Das passt fast schon zu gut zu ihr. Kaum jemand konnte in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten so elegant leiden, so schön verschwinden, so dünnwandig zwischen Club, Schlafzimmer und Beichtstuhl herumgeistern, sexy und ephemer zugleich.

"Not Gon Cry" eröffnet entsprechend nicht mit Zusammenbruch, sondern mit Trotz. Lykke Li singt gegen die Tränen an, als ließe sich der Körper mit ein bisschen Synthieglanz und Selbstsuggestion noch einmal überlisten. Die Musik schiebt freundlich nach vorn, aber darunter liegt wieder dieser alte Riss, der ihre besten Songs seit "Youth Novels" und "Wounded Rhymes" durchzieht: Die Oberfläche darf glitzern, solange sich darunter jemand langsam auflöst. Das ist hübsch, das funktioniert, das kennt man.

Überhaupt ist "The Afterparty" ein Profi-Album samt richtiger Entscheidungen. Die Laufzeit bleibt mit knapp 25 Minuten angenehm schlank, kaum mehr als eine EP. Niemand zwingt hier aus einer Stimmung heraus ein Ereignis über Albumlänge, die Schwedenkönigin winkt dem Volk beim Abschied zu, statt auf standing ovations zu warten. Streicher, Flöten, Bongos und elektronische Beats umranden die Songs, statt sie zu erschlagen. "Lucky Again" zieht aus dem Max-Richter-Zitat eine hübsch überdimensionierte Disco-Andacht und findet tatsächlich so etwas wie den großen Lykke-Li-Moment dieser Platte. Die Vollprofis Björn Yttling und Jacob Oloffson führen die Kohorte an Produzenten und Musikern an, die Routine ist ihnen anzuhören.

Lykke Li weiß, wie man kleine emotionale Formeln so platziert, dass sie größer wirken, als sie auf dem Papier sind. "Sick Of Love" trägt seine Selbstironie fast zu lässig vor sich her, "So Happy I Could Die" zieht aus Akustikgitarren und bittersüßer Melancholie einen dieser Zwischenzustände, in denen Freude auf skandinavisch wie Vorstufe zur Katastrophe klingt. In "Knife In The Heart" stimmt dann sogar der große Pop-Impuls: Der Refrain ist simpel, fast kinderliedhaft, aber gerade dadurch gemein. Das Leben als Messer im Herzen – man muss solche Zeilen schon mit einer gewissen Unverschämtheit verkaufen können, und Lykke Li kann das.

Nur stellt sich eben irgendwann die Frage, warum aus all diesen richtigen Entscheidungen nicht mehr entsteht. "The Afterparty" ist geschmackvoll, atmosphärisch, gut gesungen, fein ausgeleuchtet. Aber es bleibt oft bei der perfekten Einrichtung eines Raums, in dem dann niemand wirklich randaliert. Liebe, Scham, Rache, Erschöpfung, Ruhm, religiöse Bilder, Ende der Party, Ende einer Ära: Das Album hat alle Zutaten für einen großen Abgesang. Es riecht nach Champagner, kaltem Rauch und endgültigen Sätzen. Und dann bleibt es doch erstaunlich höflich.

Lykke Li beherrscht ihre Ästhetik so sicher, dass selbst die Brüche poliert wirken. "Famous Last Words" kommt der Sache am nächsten, weil hier der Glamour endlich etwas schiefer hängt. Das Klavier klingt blechern, die Stimmung wird weniger dekorativ, die Person hinter der Pose tritt deutlicher hervor. Kurz scheint "The Afterparty" nicht nur vom Ende der Nacht zu erzählen, sondern selbst in diesem Ende festzustecken. Es ist einer dieser Momente, in denen man merkt, welche Platte hier möglich gewesen wäre: hässlicher, nackter, weniger gut parfümiert. Der Song stößt beim ersten Durchhören förmlich sauer auf; ab dem zweiten Durchgang ist man ihm dankbar dafür.

Stattdessen gleitet das Album nach "Euphoria" hinaus wie ein Gast, der die Jacke schon über dem Arm trägt und trotzdem noch einmal bedeutungsvoll zurückblickt. Das ist nicht falsch, nur ein bisschen wenig. Gerade weil Lykke Li womöglich wirklich einen Abschnitt beschließt, hätte man sich mehr Unordnung gewünscht. Eine Künstlerin, die einst aus Herzschmerz Pop machte, der nicht einfach traurig, sondern gefährlich elegant klang, verabschiedet sich hier eher mit einer schönen Visitenkarte als mit einem Brandfleck auf dem Teppich.

"The Afterparty" beinhaltet Lykke Lis Stärken: Nacht in Stimme verwandeln, Melodien wie Make-up über offene Stellen legen. Schön, dass es sie gab. Am Morgen danach bleibt kein Kater, nur ein milder Druck hinter den Augen und der Gedanke, dass diese Party eigentlich größer hätte eskalieren dürfen.

Trackliste

  1. 1. Not Gon Cry
  2. 2. Happy Now
  3. 3. Lucky Again
  4. 4. Famous Last Words
  5. 5. Future Fear
  6. 6. So Happy I Could Die
  7. 7. Sick Of Love
  8. 8. Knife In The Heart
  9. 9. Euphoria

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