laut.de-Kritik

Desillusionierte Rap-Poetik auf Italienisch.

Review von

Das Einzige, was man als Kind werden wollte, ist erwachsen. Wenn eines Tages die 18 Kerzen auf der Torte brennen, erlischt die Begeisterung. Im neuen Album der Rapperin Madame dreht sich alles um diese Desillusionierung, die sie auf Italienisch "Disincanto" nennt und sie nicht nur traurig, sondern auch schön zugleich klingen lässt. Im Interview mit der italienischen Ausgabe der Vanity Fair erklärt sie: "Mir ist klar geworden, dass Musik keine Mathematik ist, sondern eine Frage des Gefühls." Es ist ein poetisch meisterliches Comeback nach zwei Jahren ohne neue Veröffentlichungen, voller harter und unangenehmer Emotionen, denen samtige Bässe und rhythmische Beats den Rücken stärken.

Mit übersteuerten Klängen läutet Madame, die mit bürgerlichem Namen Francesca Calearo heißt, ihren dritten Longplayer ein. Titelsong "Disincanto" zeichnet ein Stimmungsbild für das Werk - roh, wortflink und faszinierend. In "Come Stai" erklärt sie ihre musikalische Dürrephase mit einem psychischem Zusammenbruch, der in der Klinik endete. Sie zeigt sich wütend über die Ohnmacht, die sie in der schweren Zeit überkam, und verwandelt die negative Emotion in einen ungebremsten Track, der über die Musikbranche drüber heizt und nichts als grauen Qualm hinterlässt.

Hierzulande noch eher unbekannt, spielt Madame im italienischen Rap bereits schon länger eine Rolle. Ihr Feature auf Marracashs Album "Persona" (2019) wurde auf Spotify fast 100 Millionen mal gestreamt. Nun holt sie sich für "Voleva Capire" Unterstützung von dem italienischen Hip Hop-Pionier und hinterfragt, was von ihr abseits ihres Erfolgs bleibt. Eine Antwort kredenzt die Rapperin nicht, was jedenfalls zurückbleibt ist ein massiver Ohrwurm.

Zeit zum Luft holen bleibt nicht, denn mit "OK" landet Madame gleich den nächsten Banger. Was anfangs noch harmlos klingt, schwingt bald ins Harte um. Der Track strotzt nicht nur musikalisch, sondern auch textlich vor Kontrasten. Einerseits entsteht durch Lines wie "Wie geht's dir? Gut / Komm her, okay / Mach du das, okay / Nimm das hier, okay" ein Gefühl der Willenlosigkeit, das sie dann wenig später relativiert und ihre sexuelle Anziehungskraft mit einem Gravitationsfeld vergleicht.

Ein bisschen wie ein Kind, das am liebsten das hätte, was es eigentlich nicht haben kann, spielt Madame in "Invidiosa" mit der Vorstellung, ein Mann zu sein. Der Titel drückt ihre Eifersucht auf die männliche Unbekümmertheit aus und erklärt sich den Neid mit der immer noch nicht vorhandenen Gleichbehandlung.

Simplere Texte, massentauglichere Themen und weniger Obszönitäten."Das hat mir ein Untertan seines eigenen Egos vorgeschlagen" rappt Madame über die Vorschläge, ihrer Musik die Ecken abzuschleifen. Der Titel "Mai Più" bedeutet nie wieder - denn die Rapperin hält von der Idee herzlich wenig und vergleicht den Produzenten und Manager Shablo, mit dem sie bei Sanremo zusammengearbeitet hatte, mit dem Teufel.

Vom Teufel zur Bestie. Madame spricht nicht nur über Dämonen in der Branche, sondern auch über die in ihrem Kopf. Sie bahnen sich harmlos gemeinsam mit Klavierklängen an und wirbeln so wie die unaufhaltsamen Gedanken bei Nacht zu einem Sturm zusammen, in dem das besungene Fabelwesen in Madames Märchenlied zum Leben erwacht. Mit Kindheitsreferenzen geht's weiter. Chiptunes, die an ein altes Videospiel erinnern, erweitern den Track "Puttana Svizzera" von einem mit sexuellen Anspielungen überlaufenden zu einem verspielteren. Gemeinsam mit einem Rudel an italienischem Rap-Inventar, bestehend aus Nerissima Serpe, Papa V und 6Occia, erschafft Madame einen Party-Track, so aufregend wie der Moment, in dem sich die eigenen mit den Augen des Objekts der Begierde im Club kreuzen.

"An den, der es will, es aber nicht schafft / An den, der seine Wünsche äußert, die sich nie erfüllen / Ich bin nicht anders, aber ich habe das Glück auf meiner Seite / Mit dem schlechten Gewissen, dass das Glück mir gehört" Madame setzt sich in "Rosso Come Il Fango" sensibel mit Armut und ihrem eigenen Glück es aus ihr herausgeschafft zu haben auseinander. Nachdenklich schwebt danach "Non Mi Tradire" durch die Luft. Die Rapperin gesteht die Angst vor ihrer eigenen Verletzlichkeit und vertont sie mit einer langsamen Melodie und ihrer kirchenatmosphärischen, halligen Stimme. Die findet sich auch im Refrain von "Allucinazioni" wieder, ein zärtlicher Song über Calearos Mutter.

Wenn Beziehungen zu Ende gehen, gibt es einen Schuldigen. Oder dieser wird zumindest oft gesucht. "La Persona Peggiore" ist im vorletzten Track Madame selbst. "Lass meine Hand los und stürz allein / Damit du – nur dieses eine Mal – spürst, wie es sich anfühlt / Ich mag der schlimmste Mensch der Welt sein / Doch dieses Mal werde ich mich nicht opfern".

"Disincanto" schließt mit einem Art Therapiegespräch. Die Italienerin teilt in "Grazie" Gedanken über ihren Alltag, der wenig alltäglich klingt, ihrer schlechten Beziehung zu ihren Eltern und ihrer Sexualität. Sie konkludiert: "Aber so schlimm ist es gar nicht – nein, wirklich nicht. / Im Vergleich zum Rest der Welt ist mein Leben außergewöhnlich."

Obwohl mein Italienischunterricht aus der Schulzeit etwas zurückliegt, erreicht Madame, dass mich Gefühle überschwappen. Es sind Denkanstöße, Soundwellen und das komplexe Bild einer Musikerin, die sich immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtet und ihr Innerstes dann herausseziert.

Trackliste

  1. 1. Disincanto
  2. 2. Come Stai?
  3. 3. Volevo Capire
  4. 4. OK
  5. 5. Invidiosa
  6. 6. Mai Più
  7. 7. No Pressure
  8. 8. Bestia
  9. 9. Puttana Svizzera
  10. 10. Rosso Come Il Fango
  11. 11. Non Mi Tradire
  12. 12. Allucinazioni
  13. 13. La Persona Peggiore Del Mondo
  14. 14. Grazie

Videos

Video Video wird geladen ...

Noch keine Kommentare