laut.de-Kritik

Sing, Motherfucker!

Review von

"I will make him sing. I will make that motherfucker sing!" Klingt komisch, wenn das eine junge Sängerin, von der kaum jemand je gehört hat, über Marvin Gaye sagt. Aber, oh, sie hat ihr Wort gehalten. Sie hat ihren (im Gegensatz zu ihr selbst) längst etablierten Kollegen, immerhin das Zugpferd der Hitfabrik Motown, zum Singen gebracht wie keine vor und niemand mehr nach ihr. Ihr Name: Tammi Terrell. Ihre Story: die traurigste von allen.

Eine Warnung vorab: Im krassen Gegensatz zu den wunder-wunderschönen, die Seele in luftige Höhen entführenden Songs, die Tammi Terrell hinterlassen hat, steckt ihre kurze Biografie voller Leid. Wer sich außerstande fühlt, sich mit Missbrauch, Gewalt, Gaslighting, Ausbeutung, Krankheit und Tod zu konfrontieren: Ihr könnt nun überlegen, ob ihr das möchtet. Glücklicherweise habt ihr die Wahl.

Tammi Terrell hatte keine. Es war ihr Leben, und sie verdient, dass ihre Geschichte erzählt wird, auch wenn sie wirklich niederschmetternd deprimierend ist. Sie beginnt am 29. April 1945 in Philadelphia. Ihre Eltern, die Mutter ist Schauspielerin, der Vater betreibt einen Barber-Shop und engagiert sich in der Lokalpolitik, hatten eigentlich einen Jungen erwartet. Statt dessen bekommen sie ein Mädchen, das sie dann eben nicht Thomas nennen, wie geplant, sondern Thomasina: Thomasina Winifred Montgomery.

Ihr Talent und der unbedingte Wille, einmal im Rampenlicht zu stehen, zeigen sich früh. Ihre Schwester Ludie erinnert sich im Rahmen der Dokumentation "Unsung: The Story Of Tammi Terrell": "Sie wollte schon immer ein Star sein. Nicht nur irgendeine Entertainerin - ein Star." Ihre Eltern fördern sie in diesem Bestreben: Schon mit drei Jahren bekommt Thomasina Klavier- und Tanzunterricht. Klingt nach einer fröhlichen Kindheit ... eigentlich.

Tatsächlich gestaltet sich das Leben im Hause Montgomery weit dunkler. Die Mutter kämpft mit psychischen Problemen und depressiven Episoden. Immer wieder landet sie deswegen in einem Sanatorium, wo man - state of the art, damals - versucht, ihr die Krankheit per Elektroschock-Behandlung auszutreiben. Wegen der häufigen Abwesenheit der Mutter lastet die Verantwortung für die jüngere Schwester früh auf der älteren. Die heftigen Kopfschmerz-Attacken, die Thomasina schon als Kind plagen, nimmt keiner so recht ernst. Auch ihre Mutter habe das schon gehabt, heißt es. Es liege eben in der Familie.

Sie ist elf Jahre alt, als Thomasina auf dem Heimweg Opfer eines Überfalls wird. Drei Männer lauern ihr auf und vergewaltigen sie. Mitte der 1950er Jahre spricht noch niemand von therapeutischer oder sonst wie gearteter Hilfe, schon gar nicht, wenn das Opfer ein Schwarzes Mädchen ist: "Die Sache wurde damals mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt", blickt ihre Schwester zurück. Totschweigen, so tun, als sei nichts geschehen, das wird schon wieder.

Als sie ihr Zimmer, in das sie sich nach dem Verbrechen verkrochen hatte, wieder verlässt, ist Thomasina nicht mehr dieselbe. "Sie war wilder, rebellischer, und sie änderte ihren Namen, den sie ohnehin gehasst hatte", so Ludie. Schon früher hatte sie Thomasina zu "Tommie" abgekürzt, jetzt macht sie "Tammy" daraus. Außerdem verfolgt sie ihren großen Traum vom Ruhm nun noch entschlossener als zuvor und tingelt von Talentshow zu Talentshow.

Ihre begnadete Stimme bleibt nicht lange unbemerkt: Bald bekommt Luther Dixon von Scepter Records Wind davon, was für ein junges Gesangstalent ungesignt da draußen herumschwirrt. Mit gerade einmal 15 unterschreibt Tammy beim Scepter-Sublabel Wand ihren ersten Plattenvertrag. Sie ist nun quasi Labelkollegin von Dionne Warwick und den Shirelles. Für letztere macht sie Demoaufnahmen, zudem nimmt sie unter dem Namen Tammy Montgomery erste Singles auf. Sie tourt mit diversen angesagten Gruppen, leistet sich diverse Affären und entwickelt enormes Selbstbewusstsein.

Doch Tammy will höher hinaus, und wieder befeuern die Eltern ihr Tun. Ihre Mutter fährt eigens nach Atlantic City, um einem gewissen James Brown nahezulegen, sich doch bitte einen Auftritt ihrer Tochter anzusehen. Offenbar ist sie überzeugend: Der Godfather of Soul tut das tatsächlich und engagiert Tammy vom Fleck weg für seine James Brown Revue, mit der sie fortan durchs Land reist. Auf Browns Label Try Me veröffentlicht sie 1963 eine Single: "I Cried" ist ihre erste, die den Sprung in die Billboard 100 schafft, sie landet immerhin auf Platz 99.

Zu diesem Zeitpunkt geht Tammy eigentlich noch zur Schule, ihre Hausaufgaben erledigt sie irgendwie zwischen den Shows, on the road. Der offensichtliche Altersunterschied und der Umstand, dass sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm steht, jucken Brown nicht, oder es fordert ihn gerade heraus: Jedenfalls beginnt er eine Beziehung mit der Teenagerin. Wie ihr, einem traumatisierten Missbrauchsopfer, das bekommt, kann man sich leicht vorstellen, Browns Umgang mit Frauen ist ja gut dokumentiert. Tammy erzählt mehreren Freundinnen und Kolleginnen von den Prügeln, die sie wieder und wieder einsteckt, viele bekommen Browns Ausbrüche auch unmittelbar mit. So richtig zu kümmern scheint es wieder einmal niemanden, es will einfach keiner hören.

"Wir wussten alle Bescheid über Tammy und James Brown", so Otis Williams von den Temptations. "Wir wussten, wie James Brown mit Frauen umging und dass er ihnen den Arsch versohlte. Damals bekamst du nie die Sichtweise der Frauen zu hören, so dass die Leute, berechtigter- oder unberechtigterweise davon ausgingen: Wenn er sie verdroschen hat, dann wird sie ihn schon irgendwie provoziert haben."

Jahre später erst erzählte auch Gene Chandler, R'n'B-Sänger und Produzent, er habe gesehen, wie James Brown ausgerastet sei und Tammy nahezu bewusstlos geprügelt habe. Ihr Vergehen: Sie hatte gewagt, einen seiner Auftritte nicht bis ganz zum Ende anzuschauen. Dafür tritt und stößt Brown seine junge Gespielin eine Treppe hinunter und drischt auch dann noch auf sie ein, als sie längst am Boden liegt.

Immerhin scheint dieses Erlebnis auf Tammy wie ein Weckruf zu wirken: Nach sieben Monaten verlässt sie James Brown und seine Revue. Sie landet bei Checker Records. Ein Duett mit Jimmy Radcliffe, an dem sie selbst mitgeschrieben hat, floppt jedoch. Tammy verabschiedet sich danach zunächst komplett aus dem Musikzirkus. Sie zieht ein Vollstipendium an Land und schreibt sich damit an der University of Pennsylvania ein. Zwei Jahre lang studiert sie Mathematik, Naturwissenschaften, Psychologie und Französisch. Ihr Traum vom Showbusiness scheint ausgeträumt.

... bis Jerry Butler auftaucht: Der Gründer der Impressions überredet Tammy, ihn bei einigen Auftritten in diversen Nachtclubs zu unterstützen. Unter der Bedingung, dass der Tourplan mit ihren Studien vereinbar bleibt, sagt sie zu. Im April 1965 steht sie zusammen mit Butler im Twenty Grand Club in Detroit auf der Bühne und plättet Motown-CEO Berry Gordy im Publikum derart mit ihrer Präsenz, dass er ihr noch am selben Abend schwört, sie auf sein Label zu holen. Am Tag nach der Show löst er sein Versprechen ein: Wir schreiben den 29. April 1965, Tammy Montgomery unterzeichnet bei Motown, an ihrem 20. Geburtstag.

Apropos Tammy Montgomery: viel zu lang und zu sperrig. Tammi Terrell, wie der Neuzugang der Hitschmiede fortan firmiert, passt da schon besser auf ein Plattenlabel. Ihre ersten beiden Singles reißen kommerziell zwar keine Bäume aus, charten aber zuverlässig. Fortan Teil der Motortown-Revue, tourt Tammi nun mit anderen Hochkarätern der Branche, unter anderem mit den Temptations, in deren Leadsänger David Ruffin sie sich wild und wahnsinnig verliebt.

Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit, so scheint es. Jedenfalls macht er ihr mit Ring und allem Pi-Pa-Po einen Heiratsantrag. Als sie ihr Glück von der Bühne herab kundtut, kommt aber heraus, dass Ruffin offenbar "vergessen" hat, ihr zu sagen, dass er bereits eine Ehefrau, drei Kinder und noch eine weitere Geliebte in Detroit hat. Upps. Die äußerst toxische Beziehung zieht sich danach dennoch noch eine Weile hin, Streit und Handgreiflichkeiten inklusive. Auch Tammi soll dabei durchaus zugeschlagen haben. Nicht jedoch, wie Ruffin, mit einem Hammer. Oder mit einem Motorradhelm gegen den Kopf.

Die Prügel machen die Kopfschmerzen, die Tammi seit ihren Kindertagen plagen - Überraschung! - nicht besser. Inzwischen leidet sie nicht mehr nur schubweise darunter, sondern permanent.

Im Hause Motown sucht Berry Gordy unterdessen nach einer neuen Duettpartnerin für seinen Star-Sänger Marvin Gaye. Er hatte ihn zuvor bereits mit Mary Wells und Kim Weston für jeweils ein Album zusammengespannt. "Ich wäre liebend gerne die nächste gewesen, so wie jede Künstlerin bei Motown", gesteht Supremes-Mitglied Mary Wilson. Doch Gordy hat anderes im Sinn: Er pickt die weitgehend unbekannte Sängerin in seinem Stall, die bis auf ein paar ganz okaye Singles noch nichts vorzuweisen hat, und bringt damit zusammen, was zusammengehört.

Drei Alben mit Duetten nehmen Tammi Terrell und Marvin Gaye gemeinsam auf, deren zweites, "You're All I Need" bereits Spuren ihrer schweren Krankheit durchscheinen lässt. Vom dritten, "Easy", munkelt man, Tammi habe über weite Strecken gar nicht mehr selbst gesungen, es sei die Stimme von Valerie Simpson, die man da höre. Die jedoch bestreitet das: Sie sei zwar während der Aufnahmen phasenweise für die Kollegin eingesprungen. Terrell habe jedoch die betreffenden Stellen neu eingesungen, sobald sie sich dazu in der Lage fühlte.

"United" jedoch zeigt Tammi Terrell auf ihrem Zenit, zudem dient es dem Songwriting-Duo Ashford und Simpson als Einfallstor zu Motown: Ihr "Ain't No Mountain High Enough", den Eröffnungstrack und Überhit auf "United", hätte Dusty Springfield gerne gesungen. Bekommen haben es aber Tammi und Marvin, und es in einen Klassiker verwandelt. Dazu brauchen sie gar nicht viel: ein bisschen Klingeling, eine Basslinie, ihre Stimmen, die wie füreinander gemacht scheinen, und die irrsinnige Chemie, die zwischen ihnen knistert.

Angesichts der zauberschönen Lovesongs, die sie einander zu Füßen legen, kaum vorstellbar, dass diese beiden kein Liebespaar sein sollen. Sind sie übereinstimmenden Aussagen zufolge aber nicht: Er ist verheiratet, wenn auch nicht besonders glücklich, sie David Ruffin verfallen. Seelenverwandt fühlen sich Tammi und Marvin aber wohl, sie bezeichnen ihre enge Freundschaft als "platonisches, nahezu geschwisterliches Verhältnis". Egal: In den Momenten, in denen sie zusammen singen, ist es reine Liebe. Sie klingt aus jedem einzelnen der zwölf Tracks auf "United".

Dabei stehen Gaye und Terrell anfangs gar nicht zusammen am Mikrofon: Die ersten Duette nehmen sie noch getrennt voneinander auf. Harvey Fuqua und Johnny Bristol, die den Großteil der Platte produzieren, schneiden die Einzeltakes erst später zusammen. Bei "Hold Me Oh My Darling" und "Two Can Have A Party" handelte es sich ursprünglich um Solo-Songs Terrells, über die Marvins Gesang erst nachträglich darübergelegt wird, um Duett-Versionen daraus zu zimmern. Der Vibe zwischen den beiden Beteiligten bahnt sich trotzdem überall seinen Weg.

Wie nahezu jedes Album aus dieser Zeit, ist auch "United" nicht frei von Füllmaterial. In diesem Fall fällt wahrscheinlich "Somethin' Stupid" darunter, eine Interpretation des Songs, mit dem Frank und Nancy Sinatra wenige Monate zuvor an die Chartspitze schossen: Beim parallelen Nebeneinander-her-Singen zeigt sich zwar, wie gut Terrells und Gayes Gesangsstimmen harmonieren. Wahre Dynamik entsteht aber erst im Wechselspiel, wenn sie einander gegenseitig zu wahren Höhenflügen treiben.

Ein "Ain't No Mountain ..." absolut ebenbürtiges Highlight setzt, ebenfalls den Federn von Ashford und Simpson entsprungen, "Your Precious Love": Den Funk Brothers, Motowns phänomenaler Studioband, und dem Detroit Symphony Orchesta komplett die Show zu stehlen, das müssen zwei erst einmal hinbekommen. Tammi Terrell demonstriert hier ihre Bandbreite, wechselt so nahtlos von verführerischem Raunen in höchste Höhen, dass die schwelgerischen Streicher dahinter kaum noch interessieren. "You showed me what happiness is in so many ways", Tatsache.

"Hold Me Oh My Darling", versteckt auf der B-Seite dieser Single: gleich der nächste Hit. Langsame Walzer gehen ohnehin immer, genau wie der Blues-getränkte Revue-Sound von "Little Ole Boy, Little Ole Girl" ... Im Grunde ist dieses Album eine einzige Hit-Parade.

Berry Gordy höchstselbst produziert "You Got What It Takes": Marv Johnson hatte mit der Nummer schon 1959 einen Top Ten-Hit. Das Original ist allerdings noch ein Jahr älter, sagt Bobby Parker: "Ich habe 'You Got What It Takes' geschrieben, das war MEIN Song", behauptet er 2008 in einem Newsletter namens "Forgotton Hits". "Auf meiner Aufnahme spielte sogar die Paul Hucklebuck Williams Band mit mir zusammen. Und dann kam Bery Gordy und hat ihn mir einfach gestohlen und seinen Namen draufgeschrieben. Was hätte ich tun können? Ich habe versucht, mit Spielen und Singen irgendwie über die Runden zu kommen. Wie hätte ich gegen Berry Gordy ankommen können, so groß wie er war, und gegen Motown Records? Ich konnte wirklich nichts dagegen tun, sie waren zu groß, ich hatte keine Möglichkeit, sie zu bekämpfen."

Unabhängig von den fragwürdigen Methoden ihres Labelchefs, beweisen Tammi Terrell und Marvin Gaye ein ums andere Mal, dass das Ganze eben doch mehr ist als die Summe seiner Teile, und ein ums andere Mal singt sie ihren berühmten Kollegen dabei gnadenlos an die Wand. Nie wirkt Marvin Gaye blasser als neben Tammi Terrell, und nie steht ihm diese Blässe besser. Er singt fantastisch. Sie singt nur eben immer noch ein bisschen besser, und er liebt es offenbar.

Die Menschen da draußen empfinden ähnlich: Sämtliche Singles charten. Um das zugehörige Album zu promoten, gehen Tammi Terrell und Marvin Gaye zusammen auf Tour. Am 14. Oktober 1967 treten sie im Hampden-Sydney College in Virginia auf. Obwohl die ständigen Kopfschmerzen an diesem Tag nahezu unerträglich sind, will sie unbedingt singen. Ausgerechnet bei "Your Precious Love" spielt ihr geschundener Körper aber nicht mehr mit: Sie bricht während des Songs in Marvin Gayes Armen zusammen.

Im Krankenhaus vermuten sie eine Schlaganfall, schicken die Patientin dann aber doch mit dem Befund "Erschöpfung" nach Hause. Zurück in Detroit ergeben weitere Untersuchungen: ein fataler Irrtum. Tammi Terrell ist nicht "erschöpft", sie hat einen fast faustgroßen Hirntumor.

Mit der Diagnose beginnt ihr letzter Leidensweg: Eine Operation befreit sie zwar von dem Geschwür und kurzzeitig von den Kopfschmerzen. Die melden sich jedoch bald zurück, und mit ihnen der Krebs. Ein zweiter Eingriff ist nötig, um Drainagen einzusetzen, über die im Tumorgewebe entstehende Flüssigkeit abfließen kann, ein dritter und ein vierter, um den Sitz der Stents zu korrigieren. Wieder wuchert der Tumor, wieder schneiden sie ihn aus Tammis Gehirn. Wieder und wieder, obwohl den Medizinern klar ist, dass der Kampf, den Tammi Terrell da verzweifelt kämpft, längst verloren ist. Warum?

"Man operiert normalerweise nicht immer weiter", so Chirurg Dr. Richard Harner. "Man sagt irgendwann: Schauen Sie, es wächst einfach zu schnell, wir haben alles getan, was wir konnten. Das wars. Aber das hier war Tammi Terrell, okay? Ärzte sind eigentlich dazu ausgebildet, objektiv zu bleiben. Aber angesichts einer Persönlichkeit wie der ihren, war das nicht immer möglich." Also schneiden sie Tammi Terrell ein siebtes Mal den Kopf auf, genau so erfolglos wie die Male zuvor. Die achte OP ist dann nur noch ein Versuch, den Schmerz zu lindern. An Heilung glaubt da niemand mehr.

"Acht größere Eingriffe am Gehirn in drei Jahren, das sollte eigentlich niemand erleiden müssen", so Dr. Harrer rückblickend. Für Tammi Terrell kommt diese Erkenntnis zu spät. Im Verlauf der durchlittenen Tortur verliert sie dramatisch an Gewicht, ihr gehen die Haare aus, Lähmungserscheinungen zwingen sie in den Rollstuhl, am Ende ist sie blind. So lange es aber noch irgend geht, schleppt sie sich ins Studio, und nimmt auf, soweit sie es eben schafft.

Die Singles, die dabei entstehen, bescheren ihr ihre ersten Nummer-eins-Erfolge, die Terrell allerdings, genau wie ihr 1969 aus bereits existierenden Aufnahmen zusammengeschustertes Solo-Album "Irresistible" - nicht mehr genießen kann, weil sie schon wieder im Krankenhaus liegt. Nach dem achten und letzten Eingriff fällt sie ins Koma, knapp zwei Monate später, am 16. März 1970 stirbt sie.

Tammi Terrell hat alle, die ihren Weg kreuzten, nachhaltig beeindruckt: zunächst mit ihrem Gesang, ihrer Lebenslust und ihrer Sexiness, später mit ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihrem Durchhaltevermögen. "Sie glaubte wirklich bei jeder Operation felsenfest, es sei die letzte und danach sei sie geheilt", schreibt ihre Schwester in ihrer Biografie "My Sister Tommie". Immerhin fand Tammi Terrell auf den letzten Metern in Person von Ernest Garrett, einem ihrer behandelnden Ärzte, doch noch das Glück in der Liebe.

Ihren letzten musikalischen Auftritt hat Tammi Terrell im Spätherbst 1969 im Apollo Theater. Marvin Gaye und Carla Thomas, die Queen of Memphis Soul, headlinen die Show, bei der Terrell in ihrem Rollstuhl in der ersten Reihe sitzt, schwerst krank, nahezu unfähig zu gehen oder zu sprechen, an singen gar nicht zu denken. Wirklich nicht? "Sie sangen 'Ain't No Mountain High Enough', und dann 'You're All I Need To Get By'", erinnert sich ihr Verlobter Ernest, "da stand sie auf und begann zu singen. Und Marvin ... er ließ Carla einfach auf der Bühne stehen, schrie 'Tammi!' und kam rüber zu ihr. Er gab ihr ein Mic und ... oh, boy."

Bei Tammi Terrells Beerdigung verbittet sich ihre Mutter ausdrücklich die Präsenz von irgendjemandem aus dem Hause Motown. Sie wirft Berry Gordy vor, ihre Tochter gnadenlos ausgebeutet und vor allem, sie nicht vor den Übergriffen David Ruffins beschützt zu haben. Einzig Marvin Gaye besucht die Trauerfeier mit ihrem Segen. Er spricht ein paar Worte, dann begleiten die Klänge von "You're All I Need To Get By" Tammi Terrell auf ihrem letzten Weg.

Marvin Gaye stürzt nach dem Tod seiner Freundin in eine schwere Krise. Er braucht lange, um sich aus dem Abwärtsstrudel aus Depressionen und Drogensucht wieder halbwegs zu befreien, ganz überwindet er den Verlust nie. Doch das ist eine andere Geschichte, die wir an anderer Stelle erzählt haben.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Ain't No Mountain High Enough
  2. 2. You Got What It Takes
  3. 3. If I Could Build My Whole World Around You
  4. 4. Somethin' Stupid
  5. 5. Your Precious Love
  6. 6. Hold Me Oh My Darling
  7. 7. Two Can Have A Party
  8. 8. Little Ole Boy, Little Ole Girl
  9. 9. If This World Was Mine
  10. 10. Sad Wedding
  11. 11. Give A Little Love
  12. 12. Oh How I'd Miss You

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