Zurück im "Herr Lehmann"-Kosmos, stellen sich zwei Brüder die großen Fragen: Wer bin ich? Wo will ich hin? Und wo zum Teufel feiern wir Weihnachten?
Berlin (dani) - Ein Vierteljahrhundert liegt es inzwischen zurück, dass Sven Regener als Romanautor debütierte. Jede Wette, dass sich der Element Of Crime-Frontmann damals nicht hat träumen lassen, dass er mit seinem Herrn Lehmann nicht nur einen liebenswert-nahbaren Protagonisten ersonnen hat, sondern ein ganzes Universum. Fünf (teils erfolgreich verfilmte) Bücher gestatteten inzwischen bereits Einblick in diesen Figurenkosmos. "Frankie und Freddie" (Galiani Berlin, 288 Seiten, gebunden, 24 Euro) ist nun deren sechstes, und sein Urheber wuchert darin erneut mit seinem dicksten Pfund: seinem Talent, Dialoge zu schreiben, die wirken, wie direkt aus dem Leben zwischen die Buchseiten gefallen.
Der Strauß Charaktere, der "Frankie und Freddie" bevölkert, ist treuen Leser*innen inzwischen längst so vertraut, als gehörten sie zum eigenen Umfeld. Jede Person hat ihre Schrullen und Verschrobenheiten, manche mehr als andere, aber gänzlich unangeknackst hat es niemand bis an den Punkt geschafft, an dem die Handlung einsetzt. Die entführt erneut ins Berlin der frühen 1980er Jahre. Aus der Vorgeschichte wissen wir bereits: Frank Lehmann ist seinem großen Bruder Manfred aus Bremen nach Westberlin hinterhergezogen und versucht, in der Großstadt seinen Platz zu finden.
Odyssee durchs vorweihnachtliche Berlin
Im Grunde passiert in "Frankie und Freddie" gar nicht viel: Manfred, der sich inzwischen 'Freddie' rufen lässt, hat an einer Medikamentenstudie teilgenommen. Welche Sorte Mittel ihm genau verabreicht wurde, bleibt vage, ganz spurlos scheinen die Versuche aber nicht an ihm vorübergegangen zu sein: Als sein kleiner Bruder ihn abholen kommt, ist er in merklich lädierter Verfassung. Eine Tasche bleibt liegen, darin der Reisepass. Was blöd ist: Ohne Papiere kann aus Freddies geplanten Umzug nach New York nichts werden. Die Gebrüder Lehmann und ihre Mitbewohner*innen begeben sich also im vorweihnachtlichen Berlin auf die (teils buchstäblich fieberhafte) Suche nach dem verschlampten Dokument.
Unterwegs suchen sie eine Apotheke, eine Pizzeria und einen Weihnachtsmarkt auf, gehen mehr oder weniger zuverlässig diversen Brotjobs nach und kidnappen kurzzeitig ein Saxophon. Viel mehr Handlung is' aber tatsächlich nicht - oberflächlich betrachtet. Unter diesem dürren Plot jedoch brodeln die Zwischenmenschlichkeiten. Der vergessene Pass liefert eigentlich nur den Aufhänger für das wirre Beziehungsgeflecht, das sich über die Jahre zwischen den beiden Brüdern entsponnen hat. Frankie hadert damit, stets nur als der "kleine Bruder" wahrgenommen zu werden, als Anhängsel, verzweifelt bemüht um Anerkennung und darum, in den Fußstapfen des Älteren nicht zu straucheln oder vollends unterzugehen. Diese Perspektive kennen wir bereits aus früheren Romanen.
Unter Brüdern
Diesmal jedoch bekommen wir vor Augen geführt, dass durchaus auch Freddie so seine Probleme damit hat, dass ihm da jemand wie ein treues Hündchen folgt und sich in seinem Leben breitmacht. Erstmals kommt aufs Tapet, dass Manfred Lehmanns Aufbrüche, erst nach West-Berlin, dann (vielleicht bald) nach New York, eventuell gar nicht die mutig eingegangenen Wagnisse sind, als die sie zunächst erscheinen, sondern vielmehr eine Flucht: vor der Heldenrolle, die ihm unverlangterweise zugeschrieben wird, vor der Verantwortung für den jüngeren, nicht zuletzt vor den Erwartungen, die die Eltern in ihn, den ältesten Sohn, setzen.
Überhaupt: die Eltern. Mutter und Vater Lehmann kommen zwar nur am Rand vor, bilden aber den Dreh- und Angelpunkt einer Frage, um die alle Gespräche früher oder später kreisen: Weihnachten steht vor der Tür, das Fest der Liebe, ein Familienfest - wo werden die Gebrüder Lehmann es begehen? In der Absturz-Kneipe, in der Frank einen Thekenjob hat? Zusammen mit den wenigen versprengten in Berlin zurückgebliebenen verkrachten Existenzen, die unterschiedlich schwerwiegende Gründe haben, sich nicht unter dem Christbaum im jeweiligen Elternhaus einzufinden? Oder erfüllen sie den eher mehr als weniger deutlich zum Ausdruck gebrachten Wunsch der Mutter und kehren zum Weihnachtsessen heim nach Bremen?
Wer bin ich? Was will ich sein, wo will ich hin?
Im Grunde sehen sich beide Titelhelden mit der ziemlich existenziellen Frage konfrontiert: Was will ich eigentlich? Was will ich, unabhängig von den vielfach verflochtenen Erwartungen von Eltern, Brüdern, Freundes- und Bekanntenkreis, dem Arbeitgeber und, besonders schwammig, der Gesellschaft, was sollen die Leute denken? Manfred Lehmann muss sich irgendwann fragen: Will ich wirklich nach New York - oder habe ich es nur lange genug großspurig genug behauptet, so dass es jetzt kein Zurück mehr zu geben scheint? Warum will ich dort hin? Was will ich dort?
Für Frank Lehmann, von dem wir längst wissen, dass er keineswegs der hilflose Kleine ist, sondern in Extremsituationen regelmäßig über sich hinauswächst, geht es kaum weniger grundlegend zu: Wer bin ich, wenn nicht nur der kleine Bruder eines anderen? Trage ich wirklich sein Leben auf, wie früher seine abgelegten Klamotten? Folge ich nur vorgetrampelten Pfaden, wo verläuft mein eigener Weg? Und wo zum Teufel sollen wir jetzt Weihnachten feiern?
Als wirkten derlei Fragen nicht überwältigend genug, vernebeln dem einen Bruder die Nachwehen der verabreichten Drogen die Sinne, dem anderen die sich zart regende Verliebtheit in Mitbewohnerin Chrissie. Die wiederum ist ihrerseits von einer aufkeimenden Erkältung derart ausgeknockt, dass sie zur Klärung keines Sachverhalts besonders viel beizutragen vermag ... nein, es passiert wirklich nicht viel, und zugleich passiert jede Menge, im Lehmannschen Beziehungsgefüge.
Nicht der ideale Einstieg
Für alle, die "Herr Lehmann", "Neue Vahr Süd", "Der kleine Bruder", "Wiener Straße" und "Glitterschnitter" mochten, wird sich das Wiedersehen mit "Frankie und Freddie" und den ganzen anderen Gestalten wie Nachhausekommen anfühlen. Für Neulinge ist dieser vielleicht nicht unbedingt der Roman, mit dem man in diese Welt eintauchen sollte. So plastisch, wie Sven Regener seine Figuren auch zeichnet: Um wirklich zu raffen, was sich hier unter der Oberfläche des dürren Plots für Dramen abspielen, muss man die Geschichten der Figuren wahrscheinlich schon ein wenig kennen und vertraut damit sein, wie die alle so ticken.
Auch ohne große Vorkenntnisse lässt sich aber mühelos in die Stimmung eintauchen. Regener lässt das Berlin der Vorwendezeit aus Ruinen wieder auferstehen und tüncht es in melancholische, leise nostalgische, dabei nie kitschige Farben. Seine Figuren beschreibt er wie immer mit feinem Humor und liebevoller Zugewandtheit so detailliert, bis man sich irgendwann einbildet, selbst schon seit Jahren ein Zimmer in dieser WG in der Wiener Straße zu bewohnen. Ein gruseliger Gedanke, aber auch irgendwie ... schön?
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