laut.de-Kritik
Nerdiger Trip auf Jesus' Spuren in der Musikgeschichte.
Review von Philipp KauseHimmel versus Hölle hieß es stets im binären System der christlichen Kirchen. Im Gut-Böse-Schema würde man Nina Hagen mit ihrer kratzenden Stimme und ihrer Punk-Haltung eher als freche Ketzerin verorten, statt als Stewardess auf dem Abflug-Terminal namens "Highway To Heaven". Was eine Antwort auf AC/DCs "Highway To Hell" suggeriert, ist zwar keine Hardrock-Scheibe, atmet aber trotzdem den Geist des Rock'n'Roll und covert gleichwohl lauter Gospel-Songs.
"Ich wusste gar nicht, dass es diesen Song gibt", sagt Nina über das Titelstück. Sie habe das Album schon so genannt gehabt, danach dieses Lied von 1952 entdeckt und ein Duett draus gemacht, "There's A Highway To Heaven ft. Gitte Hænning". Tief hat sie sich in ihr Thema eingefuchst. Sie kramt Nummern heraus, die man in Europa wahrscheinlich nie wahrgenommen hat. Textlich fügt sich alles gut zusammen. Der gedankliche Überbau, dass Jesus einen nicht alleine lasse, tröste und begleite, dass dadurch alles in Ordnung sei und stets jemand anderes an einen denke, schlängelt sich als roter Faden durch die ausgesuchten Stücke hindurch.
Was im nerdigen und etwas monomanisch wirkenden Vorhaben der Verweltlichung eines angerosteten Kirchenkanons weniger gelingt, ist die musikalische Umsetzung. Nina vergaloppiert sich dabei mehrmals in Töne, die nicht einmal unter dem Gesichtspunkt einer subtilen Provokation gut getroffen klingen. "Somebody Prayed For Me" schwingt das Western-Lasso und lobt Gläubigkeit als Rezept, um mit der eigenen Sterblichkeit umzugehen.
Der Sound hört sich ungefähr nach aussortierter ZZ Top-C-Ware an, lässt Bässe vermissen und macht einen seltsam verwaschen abgemischten Eindruck hinsichtlich der Instrumente. Melodie lässt diese Aufnahme kaum mehr erkennen, Hagen intoniert trocken, und wie sie es nennt, 'punkig'. Vor allem wirkt die Performance strohig, stolpernd und überhaupt nicht harmonisch, und das auch ganz gezielt. Eigentlich hat die Gospel-Autorin Dorothy Norwood in dieses Stück jede Menge Pfeffer gestreut und walzt einen beim Anhören mit einem großen Chor und inbrünstigen Lead Vocals nieder. Ninas Version klingt im Vergleich missglückt. Das Label besaß dennoch die Chuzpe, den Tune vorab als Single auszukoppeln.
Auch an anderen Stellen mag man sich kneifen. "Gospel Ship" ist meiner persönlichen Meinung nach unzumutbar. Auch für den Fall, dass es humorvoll gemeint sein sollte, passt da weder rhythmisch noch gesanglich irgend etwas: Das Arrangement versandet lieblos, das Snare-lastige Mastering ist brutal und alles zusammen ein Verstoß gegen jegliches ästhetische Gespür. Das Duett "Never Grow Old ft. Nana Mouskouri" beginnt säuselnd gesungen zu seifiger Fiedel und kriegt auch im Verlauf nicht mehr die Kurve. Den Zweck der hingeschmetterten 'good old times'-Reproduktion "Everybody's Gonna Have A Wonderful Time Up There" nachzuvollziehen wird angesichts des blutleeren und klapprigen Band-Spiels schon schwierig. Hagens Gesang wirkt routinehaft herunter gespult, passend zur Aufnahmequalität, die einen befremdlichen Eindruck erweckt - schal und ausgedünnt.
Wenn die in der DDR professionell ausgebildete Sängerin ('staatlich geprüfte Schlagersängerin') Blues, Soul, Funk und Reggae-verwandte Spielarten im sakralen Mantel anstimmt, legt sie mehr Lebendigkeit in ihre Cover-Interpretationen. Bei "Trouble Of The World" reinkarniert sie auf Orgeltönen das Marla Glen-Timbre und Feeling der '90er und wirkt smart und souverän. Bei "Walk With Me Jesus" scheint der Komponist, ein christlicher kalifornischer Countryrocker namens Darrell Mansfield vorher Creams "I'm So Glad" gelauscht zu haben. Ninas Aufnahme ist ein schlichtes, aber gehaltvolles Unplugged.
Trip Hop ist üblicherweise meist ein getragener, schlurfender, langsamer Stil. Bei "Dust On The Bible" geht Hagen einen eigenen anderen Weg. Die Nummer der Bailes Brothers aus West-Virginia von 1946 vertont sie als zügige Version. Das Lied ruft dazu auf, selbst in der Bibel zu blättern, statt sich nur in Predigten daraus vorlesen zu lassen, die Heilige Schrift also von Staub zu befreien. "Dry Bones" könnte ein schöner Dub sein, würden die Hi-Hats nicht nach Roboter klingen. Textlich erinnert das Stück in seiner Beschreibung des menschlichen Bewegungsapparats an Laurie Andersons süffisantes "From The Air", wird aber aufgrund der mechanischen Gestaltung des Liedes schnell langweilig.
An der 'Soul Train'-Referenz "Everything's Gonna Be Alright" hätte sich mit Saxophon, kräftigerem Chor oder anderen Extras weitaus mehr machen lassen, und das steile Fade-Out am Schluss erstickt das Stück und ist eines der weiteren Fails dieser CD. Immerhin bringt Hagen als besonderen Kniff eine ganz nett ins Deutsche umgetextete Strophe ein. Sobald Nina bei "Alle Wollen In Den Himmel" in ihrer unnachahmlichen Weise einige R in 'Herr' und 'Bertolt Brecht' rollt, erlebt man sie in der gewohnten Form. Das makabre englische Original stammt von Loretta Lynn, 1965. Hagen besorgte selbst die schwarzhumorige, augenzwinkernde deutsche Übersetzung. Damit rettet sie den Longplayer trotzdem nicht.
In ihren besten Momenten kläffend, trillernd und gurrend, meist aber eher krächzend, führt Hagen das Lebensgefühl von Gospel, nämlich eine Botschaft gemeinsam gen Himmel zu posaunen, ad absurdum. Leider springt dabei wenig über, und so bleibt "Highway To Heaven" ein Laboratorium, das wir mit Schulterzucken quittieren können.


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