laut.de-Kritik
Der Himmel ist ein sattes Mädchen.
Review von Josephine Maria BayerParis Paloma ist eine Art gemeinsames Kind von Hozier und Florence Welch. Die Songwriterin aus Derbyshire verbindet düstere, musikalische Erhabenheit mit einer Vorliebe für eindrückliche Bilder und die großen Fragen des Lebens.
Vor vier Jahren absolvierte Paloma ihr Kunstgeschichte-Studium an der Londoner Goldsmiths University. Seitdem benutzt sie ihr scharfsinniges Urteilsvermögen, um die Gesellschaft wie ein Kunstwerk zu analysieren. Die Sängerin, die vor Gemälden weint ("I Cry In Front Of Paintings") begibt sich erneut in die Untiefen der menschlichen Existenz.
Ihre Single "Labour" ging 2023 auf Social Media viral. Die feministische Botschaft überraschte mit ihrer unverblümten Klarheit. Schnell wurde Paris Paloma zu einer ernstzunehmenden gesellschaftskritischen Stimme, die unfassbar viel zu sagen hat. Nach ihrem Debütalbum "Cacophony" folgt nun "The Fatal Flaw". Ihre ohnehin schon große musikalische Welt wächst noch einmal über sich hinaus: Die Songs klingen orchestraler, hymnischer und selbstbewusster, ohne dabei ihre Verletzlichkeit zu verlieren.
Schon der Opener kündigt Großes an: "I have something to say as has anyone who's ever made anything worth enjoying". Mit bildgewaltiger Poesie legt sie gesellschaftliche Tabus Schicht für Schicht frei und offenbart darunter die existenziellen Fragen des Lebens: Liebe, Tod, Sex, Geld, Trauma, Gerechtigkeit und Freiheit. Zu dieser thematischen Farbpalette vermischt sie Motive aus Mythologie, Kunst und Literatur.
Immer wieder kommt die Kunstkritikerin in ihr zu Wort. Die Künstler*innen und Epochen, die sie inspirierten, würdigt sie mit eigenen Songs, zum Beispiel "Miyazaki", "Rothko" und "Pre-Raphaelite". Die Leinwand, auf der sie ihr musikalisches Bild malt, ist das Patriarchat: "I wasn't born an angry child but I became an angry man", singt sie in "Stem The Flow". Mit dieser Zeile schließt sie sämtliche Geschlechter ein. Wäre dieses Album ein Essay, hätte es die Kernthese: Egal, wer man ist, das Patriarchat macht uns alle zu wütenden Männern, obwohl das gar nicht in unserer Natur liegt.
Die internalisierte Wut, die sich so oft gegen sich selbst gewendet hat, dreht Paris nun um. Man hört die Wut in jedem ihrer Songs, auch in den sanften. Doch ist diese, die lauteste aller Emotionen, wirklich alles, was uns Paris mitteilen möchte? Tritt man näher an das Bild heran, lassen sich Details erkennen: Verletzungen, unerwiderte Liebe, Enttäuschung und das Gefühl, weder gesehen noch gehört zu werden.
In ihrem Buch "Unspeakable Things" (2014) schreibt die Feministin Laurie Penny: "Von allen Sünden der Frauen ist der Hunger die am wenigsten verzeihbare; der Hunger nach allem – nach Essen, Sex, Macht, Bildung, ja sogar nach Liebe. Wenn wir Wünsche haben, wird von uns erwartet, dass wir sie verbergen, sie kontrollieren und uns im Zaum halten. Wir sollen Objekte der Begierde sein, keine begehrenden Wesen." Diese ernüchternde gesellschaftliche Einschätzung unterstreicht auch Paloma. Es sei nun aber an der Zeit, dem "Good Girl"-Dasein eine Absage zu verpassen: diesen ständigen Erwartungen, in eine vorgegebene Form zu passen, eine Frau zu sein, die sich runterhungert, schwach und gehorsam ist. Schluss damit. "Heaven is a fed girl": Der Himmel ist ein sattes Mädchen.
In "Pyrrhus (You Go Where I Cannot)" beschreibt sie das Gefühl der Hilflosigkeit Deidamias, einer Mutter, die zusehen muss, wie ihr Sohn sich von den Werten abwendet, mit denen sie ihn erzog. Pyrrhus, der Sohn von Achilles, zieht in den Krieg und tötet für Gott und Ehre. Seine Mutter versteht nicht, wie es dazu kommen konnte: "Do you hear the screams, Pyrrhus?" Ob es sich um einen Zufall handelt, dass "Pyrrhus" wie "Paris" klingt? Möglicherweise spielt Paloma hier erneut auf den inneren "angry man" an, der sie zu gewaltvollen Gedanken zwingt, in denen sie sich selbst nicht wiedererkennt.
"Ich wusste, dass ich eines Tages zusehen müsste, wie mächtige Männer die Welt in Schutt und Asche legen würden. Ich hätte nur nicht gedacht, dass sie solche Loser sein würden." Mit einem Zitat der Autorin Rebecca Shaw, gesprochen von Emma Thompson, leitet Paloma "Good Boy" ein, das Gegenstück zu "Good Girl".
Wie schon in "Pyrrhus" blickt sie mit Unverständnis auf die Werte der kapitalistischen Gesellschaft, in der sich alles nach der Hackordnung des Patriarchats richtet. Dabei sucht Paloma nicht die Schuld bei den Männern selbst, sondern in dem System, das auch ihnen schadet. In diesen Strophen ist der Einfluss der feministischen Autorin Bell Hooks deutlich zu spüren.
"The Fatal Flaw" klingt groß und weit: Mit viel Hall, Synths, kraftvollen Harmonien und Streichern entsteht ein geheimnisvolles Klangbild. "Ich wollte diese Songs so schreiben, als wären sie für große Wände, Wandteppiche und schwere Gemälde bestimmt, nicht nur für Tagebücher", sagt sie selbst.
Das ist ihr zweifellos gelungen. Ihre Songs sind intelligente gesellschaftliche Beobachtungen, denen eine Wertschätzung der Schönheit des Lebens, aber auch eine tiefe Schwermut zugrunde liegt. Manchmal beneidet sie die Frauen in Gemälden, die, mit ihrer Leichtigkeit wohl nur über ihre realen, menschlichen Probleme lachen würden ("Pre-Raphalite").
Unbeschwert klingt sie allein in "Beautiful Birds", einer Art Antwort auf "get her the fucking flowers", in der sie das rührende Paarungsverhalten männlicher Vögel lobt. An ihnen könnten sich die Männer ein Vorbild nehmen, findet sie. Bei Vögeln gibt es nämlich keine "Male Loneliness Epidemic": "And they won't die alone / They know something that you don't."


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