laut.de-Kritik
Metalcore in Selbstfindung.
Review von Emil DröllEs geht steil auf die Jahrtausendwende zu. Hardcore hat längst bewiesen, dass er mehr kann als nur alte Schule. Doch jetzt verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Bands wie Earth Crisis drücken Mitte der 90er mit metallischer Härte aufs Gaspedal, Hatebreed liefern mit "Satisfaction Is The Death Of Desire" die Blaupause für massenkompatibleren Beatdown. Und trotzdem: immer noch viel Testosteron, viel Haltung, viel 'wir gegen den Rest'.
Dann kommen Poison The Well und reißen das Fenster neu auf. Ihr Debütalbum ist kein Frontalangriff, sondern ein Nervenzusammenbruch. "The Opposite Of December... A Season Of Separation" verbindet die Kompromisslosigkeit des Hardcore mit melodischen Metal-Versatzstücken und einer Emo-Verletzlichkeit, die im Kontext der damaligen Szene fast schon irritierend wirkt. Kein 'fuck the system', stattdessen Selbstzweifel, Verlust, Schmerz. Der Blick geht nicht wütend nach außen, sondern tief nach innen.
Schon der Opener "12/23/93" macht klar, dass hier etwas anders läuft. Brutal, ja, aber nicht stumpf. Gut, mit der Line "Gouge out my eyes" war der Blick nach innen wortwörtlich nicht gemeint, besonders emotional erscheint das auch nicht. Aber wer Jeffrey Moreira zuhört, weiß einfach, wie es gemeint ist. Sekunden später kippt der Song in fast schon fragile Ruhe, bevor er wieder anzieht. Was genau am titelgebenden Datum passiert ist, bleibt unklar. Dass es nichts Gutes war, spürt man trotzdem in jeder Sekunde.
"A Wish For Wings That Work" treibt diese Dynamik weiter. Fast deathmetallische Vocals treffen auf cleane Gitarrenflächen, die wie ein kurzes Durchatmen wirken, nur um danach wieder von der nächsten Welle überrollt zu werden.
Mit "Artist's Rendering Of Me" etabliert sich ein Call-and-Response-Spiel, das zwischen Selbstreflexion und Selbstzerstörung pendelt. Generell gilt: Die Songs unterscheiden sich weniger in ihrer Struktur als in ihrer Intensität. Das Album wirkt wie ein einziger, halbstündiger Schrei, die Tracks sind weniger Kapitel als verschiedene Eskalationsstufen desselben Zustands. Die Produktion? Alles andere als perfekt. Und genau deshalb funktioniert sie. Diese Platte lebt von ihren Kanten, vom Unpolierten, vom Gefühl, dass hier jederzeit etwas auseinanderbrechen kann.
"Slice Paper Wrists" bringt etwas ins Spiel, das einer Hook am nächsten kommt, bevor "Nerdy" zum Zentrum wird: Trennung, Verletzung, emotionale Abhängigkeit, verpackt in einen Song, der gleichzeitig zerstörerisch und seltsam eingängig ist.
"To Mandate Heaven" lehnt sich am stärksten in Richtung Metal, während "Not Within Arms Length" mit Backingvocals ehemaliger Mitglieder eher ein Detail für Eingeweihte bleibt als ein echter Wendepunkt. "Mid Air Love Message" hält das Niveau, bevor "My Mirror No Longer Reflects" den finalen Tiefpunkt markiert: kein Ausweg, keine Katharsis, nur Leere. Musikalisch ist das einer der stärksten Momente, emotional ist es der härteste.
Und so ist nach knapp 28 Minuten Schluss. Für Hardcore-Verhältnisse nichts Ungewöhnliches, aber selten war ein Ende so konsequent. Mehr hätte diese Platte kaum ausgehalten, und wahrscheinlich auch der Hörer nicht.
"The Opposite Of December... A Season Of Separation" ist nicht unbedingt das technisch beste oder vielseitigste Album seiner Zeit. Aber es ist eines der ehrlichsten. Und vor allem: eines der wegweisendsten im Genre. Was hier angelegt wird, tragen Bands wie Converge noch weiter ins Extreme und Gruppen wie Bring Me the Horizon (in ihrer Frühphase) in neue Generationen. Metalcore, wie man ihn heute kennt, entsteht genau hier: im Spannungsfeld zwischen Härte und Verletzlichkeit. Und selten klang dieser Widerspruch so zwingend wie auf diesem Album.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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