laut.de-Kritik
Ganz der Neue.
Review von Zabih SafdariVor ein paar Jahren entdeckte ich auf YouTube einen Videoessay, der einen interessanten Gedanken über die Videospiel-Community präsentierte. Ums aufs Wesentliche herunterzubrechen: Gamer*innen lassen sich in zwei Gruppen spalten, nämlich "Honers" und "Innovators". Honer sind diejenigen, die sich auf eine Technik oder Strategie fixieren und daran feilen (eng. "to hone"), bis zur perfekten Beherrschung. Wer seine Strategie ständig verändert und neue kreative Lösungen findet, ist das Gegenstück zum Honer, ein Innovator.
Ich mag diese Archetypen, da sie sich auf verschiedene Sachverhalte anwenden lassen. Aber Gaming ist halt echt nicht meine Nische. Daher die passende Frage: Wie könnten diese beiden Strömungen aussehen, wenn unser Videospiel der Wahl das Underground-Rap-Game ist? Weiter als auf 4ersona, dem mittlerweile aufgelösten Internet-Rap-Kollektiv um Prettifun müssen wir gar nicht schauen. Zwei seiner wichtigsten Artists verkörpern diese Gegensätze erschreckend akkurat.
Der Innovator ist Che. Ein neuer Sound mit jedem Release, die Einflüsse reichen von Lil Tecca über Chief Keef bis hin zu Crystal Castles. Sowieso wird er sich nie zu schade sein, einen neuen Weg einzuschlagen. Prettifun hingegen ist ein Honer. Der Vorwurf, er mache das selbe Album zum vierten Mal in Folge, ist nicht ganz unbegründet. Und dieses Album liefert echt gute Argumente dafür, dass er mit seiner Herangehensweise der eigenen Bestform nie näher war als jetzt. "Pretti Loves U 2" ist die eingekochte Essenz von all dem, was Prettifun pretty fun macht (dieses sehr originelle Wortspiel musste ich mir erlauben, sorry not sorry).
Musikalisch fällt die Einordnung gar nicht so leicht, da die Nische, in der er existiert, noch gar nicht so alt ist. Streng genommen ist Prettifun Teil der Rage-Szene, zählt jedoch eher zu den Grenzgängern, die sich der Härte des Genres weniger hingeben, und deren Fans eher von außerhalb des Genres stammen. Auch ästhetisch passt er nicht in das Rage-Umfeld. Durch "Whole Lotta Red" losgetreten, hat Rage eine düstere Identität, die die neue Generation an Artists als mal mehr, mal weniger festen Bestandteil des Genres anerkennt, weiterführt oder amplifiziert. Prettis Sound ist dagegen hell und fröhlich, wozu er sich auch klar positioniert, wie etwa auf "Nobody": "Oh you don't like the happy shit? That's cool, I'm removin' all the doubt, bitch".
Das waren jetzt zwei große Hear-me-outs, doch wenn man sich darauf einlassen kann, erwartet uns jede Menge Spaß über zwölf Tracks, die unser junges Talent aus North Carolina komplett selbst produziert hat. Die Eigenproduktion bringt natürlich den Vorteil mit sich, dass alle Instrumentals perfekt auf Prettifun und seine hohe Stimme zugeschnitten sind. Insgesamt ist das wohl sein glatt geschliffenstes Werk.
"Rollacoasta" und "Room" berufen sich auf die Rage-typischen verzerrten 808-Bässe, die einen guten Kontrast zu den eher zärtlichen Synth-Melodien bilden. Auf "Steps" klingen die ähnlich, dafür gibt es weniger Bass und stattdessen Hypertrap-Drums mit hektischen Hi-Hats und viel Bounce. Das bereits als Single veröffentlichte "Moon And The Stars" dagegen ist eher auf die Melodie fokussiert, die klingt wie direkt aus dem OST einer Mariokart-Rennstrecke entnommen.
Na gut, letztendlich habe ich doch etwas zu bemängeln: Die Übergänge zwischen den Songs. Der Hype um Slayrs "Half Blood" machte ihn wohl zum bekanntesten Vertreter dieses Trends. Und der Gedanke allein ergibt auch Sinn. Man wehrt sich gegen die Playlist und feiert das Albumformat. Folglich sollten die Songs im Kontext des Albums also mehr hitten, oder? Na ja wenn man "Album" als "EDM-DJ-Set" definert vielleicht ... Auf "Pretti Loves U 2" entpuppt sich dieser Approach jedenfalls als kleiner Fehlgriff. Gute Songs, und davon haben wir hier wirklich einige, verschmelzen zu einem und heben sich letztendlich sehr wenig voneinander ab.
Mit "All Love!" verabschiedet er sich vorerst, möchte uns jedoch offenbar im Glauben lassen, dass sich dieses Jahr mit "You Can Die Laughing" noch ein Release anbahnen könnte. Bis dahin!


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