laut.de-Kritik

Es ist immer Day One.

Review von

"Through it all / We are building a bridge to forever / Through the hard times and all kinds of weather / And we're still standing tall / Through it all." Wenn gar nichts mehr geht und die Welt am Arsch ist, spendet Melodic Rock das Licht am Ende des Tunnels. Vor allem in den 80ern waren die großen, melancholischen Rock-Gesten heilender Eskapismus – zwischen ständiger atomarer Bedrohung, Hunger und Aids. Einer der Hoffnungsstifter war seit jeher Survivor-Songwriter Jim Peterik, auf dessen Konto Hits wie "Eye Of The Tiger" oder "Burning Heart" gingen. Seit 2003 schafft er gemeinsam mit Sänger Toby Hitchcock und Pride Of Lions einen Sehnsuchtsort für die Melodic-Rock-Generation – auch wenn die Stadien mittlerweile Clubs für ältere Semester gewichen sind.

Auf den bisher sieben Alben fanden sich neben vielen Genrestandards für Die-hard-Fans auch immer wieder Kleinode des AOR. Besagtes "Through It All" vom Vorgängeralbum "Dream Higher" knüpft tatsächlich an alte Klassiker an und kann mit den größten Stücken aus Schweden mithalten. Ein solcher Monstertune gelingt Pride Of Lions auf ihrem achten Album "Unbridled" jedoch nicht ganz.

Am ehesten kratzt "Hell Or High Water" an diesem Level. Dank umarmender Violinen-Arrangements versprüht die Band Spandau-Ballet-Vibes. Alles tanzt auf der Geburtstagsparty überraschend federleicht durch die goldene, untergehende Sonne. Ebenfalls stark: "Edge Of Forever". Der wunderbar melancholische Midtempo-Tune überzeugt mit stabiler Leadgitarre von Mike Aquino und schmissiger Hookline.

Der Rest ist solide. Bis auf das arg generische "I Can See In The Dark" erspart uns Peterik echte Peinlichkeiten. Bei der Powerballade "Don't Waste A Wish On Me" taucht vorm inneren Auge Peter Cetera auf, wie er "Glory Of Love" singt und ein junger Ralph Macchio mit Kranich-Kicks durch die Rabatten hüpft. Der Titeltrack "Unbridled" rockt – und genau dieser Cringe-Review-Begriff passt hier perfekt – standesgemäß hymnisch los. Die Faust ballt sich, das Gaspedal wird durchgetreten. Da stört es auch nicht, dass die Harmonien altbekannt sind und zum hundertsten Mal Berge erklommen werden.

"Lose Like A Winner" kopiert die Formel von "Edge Of Forever", und "the hero in you will always shine through". "1000 Long Goodbyes" interpretiert das "Breaking The Law"-Thema auf Pop-Rock-Basis, und "I Can't Let Go" nimmt sich das alte Beziehungsklischee vor. Der Mann braucht die Frau, benimmt sich aber wie ein Arsch und leidet, während die Frau im Alter vor allem Unabhängigkeit sucht und nicht zurückkommt – wahrscheinlich, damit Musiker immer einen Aufhänger für neue Songs haben.

Das Album endet mit der Motivationshymne "A Mighty Noise". Pride Of Lions stellen hier die Frage: Wie kann das Individuum etwas verändern? Es war die Frage in den 80ern, im Angesicht des atomaren Wettrüstens. Es ist die Frage heute, wo der Einzelne zwischen Klimawandel, Neonazi-Aufschwung, Großmachtkriegen und KI-Oligarchen zerrieben wird. Die Adressaten sind jetzt jedoch keine Teenage Rebels mehr, sondern Eltern und Großeltern – und haben erst recht die Verantwortung, Lärm zu machen. Natürlich ist der Song etwas flach, und natürlich fühlt wohl kein junger Mensch diesen Track. Doch wir Boomer und Generation Xler müssen ran. Keine Angst, wie Danger Dan sagt. Es ist immer Day One.

Trackliste

  1. 1. Unbridled
  2. 2. Edge Of Forever
  3. 3. Don't Waste A Wish On Me
  4. 4. 1000 Long Goodbyes
  5. 5. What The Whole World Needs To Know
  6. 6. I'll Be Your Rock
  7. 7. Hell Or High Water
  8. 8. Ride The Lightning
  9. 9. Lose Like A Winner
  10. 10. I Can See In The Dark
  11. 11. I Can't Let Go
  12. 12. A Mighty Noise

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