laut.de-Kritik
Zu echt für Castingshows.
Review von Julius StabenowDie am Untergrund interessierten Deutschrap-Hörer*innen haben Sazou möglicherweise seit ihrer selbstbetitelten und durchnummerierten Single-Reihe, ihrer Zusammenarbeit mit Torky Tork oder ihrem Beitrag auf dem Produzentenalbum "Believe in Gerda" auf dem Schirm. Bei den allermeisten dürfte sie aber zuerst als Teilnehmerin der Hip Hop-Castingshow "Prototyp Rapstar" im Feed aufgeploppt sein. Dort fällt sie mit ihrer Sturmmaske und ihrem straighten und unverblümten Rap auf, nicht unbedingt der Stil, der aktuell in so einer Show gefragt ist. Am Ende belegt sie trotzdem einen respektablen 8. Platz und schafft es eigentlich nur deshalb nicht weiter, weil ihrer Musik wohl doch etwas das massentaugliche Potenzial fehlt.
Ginge es in solchen Shows nur um die persönlichen Meinungen der Jury, sie hätte die Stimmen der überzeugten Mitglieder Massiv, PA Sports, Ali Bumaye und vor allem Sido, der ihr am Ende sogar einen Labeldeal anbot, definitiv gehabt. Der musikalische Ansatz der Rapperin passt halt zur Sozialisation dieser älteren Herren, die allesamt in den späten 90ern und frühen 2000ern mit Hip Hop in Kontakt kamen. Das bedeutet keinesfalls, dass die Musik danach klingt. Trotzdem bringt die Kölnerin eine Kernkompetenz aus dieser Zeit mit: knallharte Straßenlyrics ohne Schnörkel und ohne Kompromisse.
Neu hinzu kommt im Vergleich zu damals die Beschäftigung mit den eigenen psychischen Krisen. War Mental Health vor 25 Jahren noch ein absolutes Tabuthema, wirken roughe Texte und mentale Struggles in Songs heute nicht mehr wie ein Widerspruch, und kaum jemand bringt diese zwei Themen so hervorragend zusammen wie Sazou auf ihrer EP. Der Titel "Nächste Ausfahrt Crashout City" lässt bereits erahnen, was in Sazous Kopf vor sich geht.
Doch zunächst werden die Eier auf den Tisch gelegt, wenn sie sich im Opener selbstbewusst als "King Of Rap" bezeichnet. Nicht Queen wohlgemerkt, die Kölnerin lässt sich nicht auf ihr Geschlecht reduzieren, sie verlangt den ganzen Kuchen. Auf einem monumentalen Trap Beat bricht Sazou direkt rein und stellt schon in den ersten zwei Zeilen klar, was den Hörer zu erwarten hat: "Ich habe schon Geld gesehen, bin erst broke seitdem ich ernst rappe, catch mich an der Aura, sowas kann man nicht verstecken". Sazous Talent besteht nicht in verschlungenen Flows oder ausgeklügelten Wortwitzen, sondern roher, ungefilterter Energie mit der sie ihren rotzigen Rapstil und ihre absolut humorlosen Punchlines setzt - "ich brauche keine Doppelreime, ich habe Statements" ("UiUiUi").
Das darauf folgende "Gewitter" mit MU$A386 schaltet musikalisch einen Gang runter und orientiert sich eher an düster bedrohlichem Straßensound. Die beiden Artists knüpfen inhaltlich jedoch direkt an die beiden ersten Tunes an - obwohl Sazou immerhin einen kleinen Kompromiss eingeht: "Ich besser mich, ich finde nicht alle scheiße, sondern fast alle". Mehr scheint da einfach nicht drin.
Spätestens auf "Sazoulicious" kommen langsam auch die eingangs erwähnten Krisen zum Vorschein. Schon bei "Prototyp Rapstar" sprach Sazou über ihre posttraumatische Belastungsstörung, in ihren Songs wird sie zwar selten konkret, es geht viel mehr allgemein um Laster und Dämonen. Was andere über sie denken, scheint dabei völlig irrelevant zu sein, denn sie stellt unmissverständlich klar: "Meine Meinung über dich – alles Sonderzeichen".
Das Zusammenspiel aus Ansagen und Vergangenheitsbewältigung gelingt Sazou jedoch am besten auf "Von Garnichts". Zeilen wie "Ich komm mit Krisen, komm mit Abfucks, komm mit Geistern, Kopf will Frieden, Kopf will Money, Kopf will Freiheit" oder "Alles was du durchgemacht hast, war bei mir dreimal schlimmer, meine täglichen Probleme machen bei dir Kammerflimmern, ich will kein Mitleid, weil ich in der Täterrolle bin, so viele Missgeburten um mich rum, mal gucken welchen opfer ich" stehen Lines wie "Du verlierst dein Gesicht und ich verliere meinen Anstand, ich mache dir die Ansagen, die dein Vater nicht gemacht hat" gegenüber. Das Sample aus dem Klassiker "Many Men" von 50 Cent erzeugt die passende musikalische Stimmung. Leider plätschert der Part von Feature-Gast Ramo etwas unauffällig durch, wodurch der Song am Ende doch nicht sein volles Potenzial ausschöpft.
Eine andere Wirkung versprüht MP Freshly auf "Keine Regeln Freestyle", der zwar inhaltlich auch keine wesentlich neuen Erkenntnisse zu Tage fördert, dafür aber mit seiner tiefen, bösen Stimme eine perfekt Ergänzung zur wütenden Attitüde der Gastgeberin darstellt. Trotzdem liefert Sazou auch auf dieser Kollabo den deutlich stärkeren Part. Zeilen wie "Spiel meine Lieder nicht auf Partys, weil hier gibt es nichts zu feiern" oder "Der Teufel flüstert in dein Ohr, mir macht er Ansagen" geben die Richtung vor und fassen die generelle Stimmung der EP zwischen treffgenauen Punchlines, Abfucks und Kopfficks noch mal zusammen.
Zum Abschluss lässt Sazou die Deckung komplett fallen und überrascht mit einer Gesangshook von Steve Jackson und einem bedrückenden Storytelling. "Was Siehst Du" bietet authentische Geschichten vom Block, die die Rapperin ganz schonungslos und unromantisch erzählt zwischen Verbrecher-Paranoia, Leben am Rande der Gesellschaft und Kindheit unter Drogentickern und -junkies.
Sazou ist ein Kind der Straße und hinterlässt nie einen Zweifel an ihrer kaputten Herkunft, ihrem Dachschaden, aber auch ihrer Durchschlagskraft, ihrer Authentizität und dem Fakt, dass sie dich jederzeit umklatschen würde. Der Zusatz "zu echt" entpuppt sich als mehr als nur eine Floskel. Würde sie ihre Geschichten noch konkreter erzählen und ihren rotzigen, unverwechselbaren Stil beibehalten, steht ihr eine vielversprechende Zukunft bevor.


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