laut.de-Kritik

Die Ausnahmesängerin spielt ihre Stärken noch nicht voll aus.

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Es geht steil bergauf für Sienna Spiro. Innerhalb weniger Jahre hat sie sich vom TikTok-Cover-Account zu einer der größten Soul-Pop-Hoffnungen ihrer Generation entwickelt. Nach ihrem ersten Release 2024 hat nun vor allem die Erfolgssingle "Die On This Hill" große Erwartungen geweckt. Das erinnert natürlich zwangsläufig an Adele und Amy Winehouse, und tatsächlich ist Spiros Stimmfarbe ähnlich: etwas rauchig, kraftvoll und mit einer gewissen Schnoddrigkeit.

Ihr großes Glück: Sie wächst heute in einer Zeit auf, in der die Welt achtsamer mit ihren Idolen umgeht. Den menschenverachtenden Spott, der Amy Winehouse vor den Augen der ganzen Welt zerbrechen ließ, muss sie nicht aushalten. Sie singt offen über ihre Ängste und Zweifel und bekommt dafür von ihrem Publikum, das größtenteils aus jungen Frauen in ihrem Alter besteht, viel Liebe zurück. Sie erkennen sich in Spiros Geschichten wieder, die ihren eigenen Schmerz und Zweifel widerspiegeln.

Schmerz ist schließlich der Grundpfeiler der Soul-Musik, die großen Songs des Genres die musikalische Offenbarung der Seele. Es scheint, dass diese Songs mit zunehmenden Lebensjahren und einer wachsenden Sammlung enttäuschender Erfahrungen immer besser reifen. Insofern mag Sienna Spiro mit 20 Jahren stimmlich eine alte Seele sein, doch man merkt dem Pastiche von "We're Not In Love" an, dass sie die dunkelsten Stunden noch nicht erlebt hat. Es ist ein solides Jazz-Arrangement, gut produziert - eine Entscheidung, die sicherlich auch aus Karrieregründen nicht falsch ist. Auch Adele stiegen mit "19" und Amy Winehouse mit "Frank" zunächst wenig spektakulär ins große Haifischbecken der Musikindustrie ein. Auf beiden Alben ließ sich viel Potenzial erkennen, aber gewiss noch nicht der spätere Legendenstatus. So verhält es sich auch mit "Visitor". Verständlich, ja, aber etwas enttäuschend, wenn "Back to Blonde" von der EP "Sink Now, Swim Later" schon eine experimentellere Richtung versprach und Lana Del Rey zu ihren großen Vorbildern zählt.

Eine große Erwartungshaltung liegt schon jetzt auf ihren Schultern. Sie muss allein einen Herzschmerz-Song wie "Great Expectation" tragen, über den ältere Menschen nur milde schmunzeln, die sich aber bitte mal erinnern sollten, wie weltgroß die erste Liebe war und wie überlebensgroß die Enttäuschung einen in den tiefsten Abgrund zog. Spiro hätte den Weg in die Dunkelheit ruhig noch weiter gehen können, aber es bleibt bei einer sehr soliden Soul-Pop-Nummer. "Die On This Hill" ist einfach der Standout-Track auf "Visitor". Dieser Song ist im Kern auch "nur" ein guter Soul-Song, aber wenn Spiro endlich all ihren ganzen Mut zusammen nimmt und ihre Unsicherheit in einen inbrünstigen Selbstermächtigungsmoment umwandelt, entsteht ein mitreißender Moment.

"Visitor" ist nun erst einmal das große Empfehlungsschreiben, das bloß nicht zu viel Risiko eingehen und damit den guten Eindruck wieder zerstören soll. Der Titeltrack "The Visitor" verändert das Muster des Breakout-Hits "Die On This Hill" ein wenig: viel Stimme, große Dramatik und der große Spotlight-Moment, in dem Sienna Spiro das gesamte Volumen ihrer beeindruckenden Stimme einsetzt. Songs wie für eine große,teure TV-Produktion, perfekt inszeniert von einer Musterschülerin und sicher nach Hause gebracht durch die glatte Produktion von Omar Fendi (Yungblud, Lil Nas X, Sam Smith). So etwas funktioniert kurzfristig gut, aber genau der Faktor X, das wirklich Spezielle, trägt eine Karriere über die Zeit. Adele bekam auf "21" einen Rick Rubin zur Seite, Amy auf "Back To Black" einen Mark Ronson. Die beiden legten frei, was vorher vergraben war, aber noch nicht heraus durfte. "Visitor" ist das erste Album einer Ausnahmesängerin, die ihre Stärken noch nicht voll ausspielt.

Trackliste

  1. 1. This Is My House
  2. 2. We're Not in Love
  3. 3. Great Expectation
  4. 4. Die On This Hill
  5. 5. He's Not My Baby, I'm His
  6. 6. Pure
  7. 7. The Visitor
  8. 8. Time, You & Me
  9. 9. You Stole the Show
  10. 10. Mono No Aware

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