laut.de-Kritik
Er besetzt das freigewordene CCN-Segment.
Review von Stefan JohannesbergBushido bewegt sich im Promibacken-Segment, Flizzy fährt auf Zypern lieber Jetski, und Silla der Killa wittert seine Chance – und besetzt auf "SBM" das freigewordene CCN-Segment. So scheint es zumindest auf den ersten Blick.
Fürs Intro pickt er standesgemäß Joe Pescis Charakter Nicky Santoro aus Martin Scorseses Kriminalfilm "Casino" von 1995. Dieser droht einem Banker, ihm den Kopf einzuschlagen, dafür ins Gefängnis zu gehen und es nach seiner Entlassung direkt noch einmal zu tun. Offensichtlich will Silla es wirklich der hohlsten Frucht klarmachen: Ich kann nicht anders. Straßenrap ist mehr als mein Leben. Straßenrap bin ich.
Produzent NIZA, der bereits für Savas, Kurdo oder Samra arbeitete, liefert Silla dafür das perfekte Fundament aus einsamen Loops, trockenen Drums und passenden New-York-Cuts. In "Revier" hängt die Skyline voller trauriger Geigen. Der stets nachgeschobene "Yeah"-Adlib, die direkte Verbindung zu Bushidos "Mein Revier" und dazu Zeilen wie "Ich bring die Bitch wieder back in die 70er" oder "Flizzy hat mich nie entdeckt": Silla referenziert den bekanntesten Berliner Sound und will ihn selbst ownen. Das laut polternde "Auf Asphalt" setzt noch einen drauf und disst Fler offen: "Flizzy gibt die Cordon ab, Undercover Carlo Cokxxx."
Der Südberliner möchte alle glauben machen: "Silla zeigt seine wahre Gestalt, diese Straßen sind kalt, schreib meinen Namen auf Asphalt." Ja, er macht "Cordon Sport Massenmord" wieder salonfähig, liefert als "Luca Brasi" eine wunderbare, gar hitverdächtige Hook und hat beim intensiven Mobb-Deep-Paris-Hybrid "Krieg" "ein Auge aufs Business, eins auf die Streets". Doch trotz stimmiger Beats und Raps will der Funke nicht überspringen.
Spätestens bei Aussagen wie "Ich geh in die Disco mit fünf Riesen, und wenn ich geh, sind in meiner Tasche fünf Riesen", "Ich verteil weißes Pulver auf den Straßen Deutschlands" oder "Ich ficke dich und deine Clique hier im Schatten Berlins" verliert man endgültig den Bezug zu ihm als Künstler. Er muss ja kein Gangster sein – wer ist das schon? –, aber selbst eine irgendwie geartete Gnadenlosigkeit beinhaltet seine Marke halt nicht.
Fler beschwerte sich einst in den legendären Real-Talk-Interviews darüber, dass seine Leute groß reden, es dann aber nicht leben würden. Auch Silla positionierte sich in Interviews eher als Nice Guy und Künstler denn als starker Mann. Man kann Bushido alles vorwerfen, doch um seine Aussagen zu claimen, wagte er den riskanten Weg in härtere Milieus, während Fler mit nur wenig Unterstützung stets großmäulig all-in ging. Wie ironisch, dass gerade die von Silla gewählte Joe-Pesci-Referenz in ihrer absurden Sturheit wesentlich besser zu eben jenem Ex-Freund gepasst hätte.
So, genug gehatet, denn Silla zeigt auf "SBM" auch, wer er wirklich ist, und kann hier durchaus überzeugen. Bei "Messerklinge" wähnt man sich kurz im gleichen CCN-Film wie Bushido. Doch trotz Air-Max-, BMW- und Lederjacken-Gedöns bleibt er hier Reporter des Straßenlebens und nimmt sein Bragging und Boasting wohltuend zurück. Wie disste Jay-Z Nas einst? "You witnessed from your folks' pad / You scribbled in your notepad and created your life." Damals übersah der gute Jigga, dass genau diese Beobachtungsgabe auch Bestandteil eines jeden ernst zu nehmenden Künstlers ist.
Die Höhepunkte sind jedoch jene Tracks, auf denen man den Menschen hinter der Silla-Persona kennenlernt. Im Opener "Mein Geschäft" rappt er über seinen Whiskey-Struggle und Probleme mit falschen Freunden und gibt Einblicke in seine Rap-Karriere. In "Stadt Gottes" schlägt er die Brücke von seinem Leben zu Beobachtungen aus ärmeren Vierteln und setzt alles in einen größeren Kontext.
Die Motivationshymne "Rap Zieht" lebt von einem Kool-Savas-Vocalsample, während Silla auch lyrisch komplett aufblüht: "Rap zieht mit sich, dass du neben fremden Frauen schläfst / Wenn's mal nicht so gut läuft, in Designer-Hoodies klauen gehst.
Der Höhepunkt versteckt sich im letzten Drittel. Auf "Ab und an" macht er den Curse und dreht sich komplett von innen nach außen. Die Hook rahmt die Raps gekonnt ein: "Ab und an hab' ich noch ein'n letzten Fünfer und bin blank / Und dann bring' ich wieder Bündel auf die Bank / Ab und an handel' ich vernünftig wie ein Mann / Aber dann fahr' ich alles ohne Rücksicht an die Wand, ab und an."
So offen und reflektiert hört man Straßenrapper seiner Generation selten. Doch genau dieses Spannungsfeld zwischen Verletzlichkeit und Stärke, zwischen Sieg und Niederlage ist es doch, mit dem alle erwachsenen Menschen etwas anfangen können, oder?


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