laut.de-Kritik

Es kann so einfach sein, weird zu sein!

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Wir befinden uns in einem bizarren Wettrüsten. Wo der neue Hip Hop-Sound gefühlt up for grabs ist, streiten sich neue Rapperinnen und Rapper darum, wer am meisten mit dem Bass übersteuern und den Carti-Intonationen überborden kann. Die Ergebnisse sind manchmal cool, oft immerhin skurril, immer wieder aber auch schlicht unhörbar. Es macht also Sinn, dass eins der ausdauerndsten Alben des Genres eins derjenigen ist, die Songwriting über Gimmicks stellt.

Philly-Rapper Slayr hat im vergangenen Jahr mit "Half Blood" einen potentiellen Rage-Klassiker veröffentlicht. Diesen Monat hat er es mit der Deluxe auf komplettes Album-Kaliber aufgestockt und kein bisschen Charme verloren gehen lassen. Im Vergleich zu "Rest In Bass" oder 2Slimey ist "Half Blood" quasi absoluter Fluff. Aber die Musik auf diesem Tape ist so vielseitig und effektiv, wie man diese jungen Genres noch selten erlebt hat.

Das hat viel damit zu tun, dass Slayr offensichtlich ein Album-Artist ist - und einer der wenigen Rapper seiner Generation, der ihre Album-Formel nicht von Playboi Carti ableitet. Der hat Klassiker gemacht, indem er mit immens vorpreschendem Sound die Datpiff-Mixtape-Formel emulierte. Das war gewagt und hat funktioniert, funktioniert aber wirklich nur, wenn man sich sicher sein kann, dass man genug Dynamit und eine so stimmige Soundkulisse hat, dass die eigenen Witze sich nicht schon übers erste Hören auserzählen.

Slayr hält sich dagegen eher an Artists wie Lil Uzi Vert, XXXTentacion und Travis Scott, die ein klein bisschen mehr in der Kanye-Tradition des Albummachens stehen. Bedeutet konkret: Diese Tracks entwickeln sich auch auf kurze Spieldauer immer wieder durch distinktive Phasen. Wenn das Opening "Brain Fog" zum Beispiel in einen elektronischen, fast hyperpoppigen zweiten Verse umschaltet, baut das richtig Momentum auf. Immer wieder bekommen wir Momente, als würde man die Mike Dean-Formel für atmosphärische Outros auf den Digicore übertragen.

Dazu kommen einfach wahnsinnig effektive Produktions-Momente, an denen Slayr auch selbst beteiligt war: "Sloppy Joe" könnte das Pendant von Uzis "Do What I Want" sein. "Holding" wäre dann dementsprechend "You Was Right". Das ist übrigens auch einer der Momente, in denen Slayr soliden Micskill und ordentlich Humor in seinen Parts beweist. Allein dieser Kontrast auf "Hardknock": "I'm getting fried like a Krabby Patty / Hard knock life, yeah, shoutout Annie" - das macht schon Spaß.

"Half Blood" und die zugehörige "Bloodluxe" rekalibrieren eine grundsätzliche Annahme: Neuer Rap muss dir nicht vorkommen wie eine völlig andere Galaxie. Slayr macht vieles neu genug, fühlt sich aber trotzdem wie aus einem seelischen Gewebe mit der 2016-Freshman-Class. "Half Blood" macht ein Album, das immer wieder für Überraschungen sorgt, einen witzigen Genre-Sprung nach dem anderen vollzieht und dabei wieder und wieder gute Grooves und Pockets findet. Es kann so einfach sein, weird zu sein!

Trackliste

  1. 1. Brain Fog
  2. 2. Hard Knock
  3. 3. Flashout Freestyle
  4. 4. Daytona (feat. Lucy Bedroque)
  5. 5. Toxic
  6. 6. Eyesight
  7. 7. Brand New
  8. 8. Racks
  9. 9. Paint A Picture
  10. 10. Died But Came Back
  11. 11. Love Blur
  12. 12. Demigod
  13. 13. Sloppy Joe
  14. 14. Never Go Down
  15. 15. Wipe Yo Nose (feat. Ezcodylee)
  16. 16. 24/7
  17. 17. Phone (interlude) (feat. Tjayy)
  18. 18. Holding
  19. 19. Death By Mp3
  20. 20. The Sky
  21. 21. Set In Stone

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Grüße an die statistisch gesehen zwei oder drei User*innen dieser Seite, die eigentlich zur fast gleichnamigen Metalband durchgestellt werden wollten.

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