laut.de-Kritik
Fingerpicking-Flower-Power für ein kleines bisschen Schönheit.
Review von Philipp KauseSlow Leaves steht für akustische Musik, made in Canada. Gerne verrichtet er so vieles wie möglich an seinen Aufnahmen selbst, hält die Kunst kompakt und direkt. Dass irgend etwas bei ihm unfertig oder unvollendet sei, fiel bislang gleichwohl nicht auf. "The Ruins Of Things Unfinished" untersucht jetzt also die Überreste abgeschlossener Sachen. Auch hier wirkt alles sehr geschliffen, zielstrebig und reif für die Öffentlichkeit. Eine solch vielschichtige Melodie wie "Not Your Fault" kann mit den Überresten also kaum gemeint sein. Da klingt die Oberfläche niedlich und eingängig, doch darunter überrascht dann wiederum eine harmonische Wendung, die eher unüblich ist.
Akustisch, naturbelassen heißt bei Grant Davidsons Einsiedler-Projekt mitnichten immer langsam, trotz des Projektnamens. Langsamkeit gibt es schon auch, wie im beschaulichen "Matters Now" über unerwiderte, einseitige Gefühle, ungestillte Liebe, oder in der knarzigen Americana-Ballade "Could've Been Something". Legen viele andere in diesen Tagen Folk-Alben mit der Dopplung leise und lahm vor, fließen bei Slow Leaves hingegen oft die Akkorde in behaglichem Mid-Tempo oder zügigem Beinahe-Uptempo. Liebliche Liebes-Ideale, Tagträume von Hollywood-Happy Ends und flauschige Flower-Power-Poesie zeichnen die idyllischen Stimmungen in "Happen Like That" und "Tell By Your Eyes".
Man schrieb dem Herrn aus Winnipeg auf vergangenen Alben immer wieder mal eine psychedelische Schlagseite zu. Allzu deutlich ausgeprägt wirkt sie hier nun nicht, muss man einräumen. Bei trocken-traditioneller Folk-Romantik belässt es der Fingerpicking-Gitarrist mit den transparenten Lied-Gebilden trotzdem nicht. "Don't Give A Damn" oder "Matters Now" erweisen sich etwa von der Haltung her als introspektiv und urban produziert, als persönliche Poesie aus Sicht eines Homestudio-Guys, der nur sich selber folgt und keine vorgegebenen Pfade beschreitet. Ein bisschen mutet Davidson da wie der zurückgezogene Wohnwagen-Einzelgänger J.J. Cale an.
Innovationen muss man hier folglich missen. Doch die Art und Weise, wie der unbedarfte Singer/Songwriter seiner Intuition folgend ein wunderschönes kleines Stück neben das andere setzt und sich dabei wohl nie verstellt, sorgt für seltenen Zeitgeist-immunen Output. "Wo ich geschäftlich gescheitert bin, habe ich doch meiner Ansicht nach Erfolg im Kunst-Machen. Ich habe ein kleines bisschen Schönheit in die Welt hinein gebracht. Das ist nicht nichts", resümiert Grant auf Instagram. Seinen Brotjob gab er auf, um Zeit für seine Songs, Alben, Konzerte zu haben - hat er nun, sammelt aber monetär nur Krümel auf, von denen er nicht leben kann. Sich der Musik verschrieben zu haben, bereut er jedenfalls nicht. Seine romantischen Zeitreisen in den Soft Rock der Siebziger lassen sowieso die Härte heutiger Inflation hinter sich und erschaffen für 39 Minuten eine gänzlich eigene, autarke Welt, die sich rund um die sechs Saiten dreht.


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