laut.de-Kritik

Sensibles Grunge-Update für die Gen Z.

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Zur Zeit führt kein Weg an "Iris" von den Goo Goo Dolls vorbei. Der 90er-Klassiker dreht seit Monaten seine Runde durch die Social-Media-Welt und unterlegt Reels, in denen zumeist Prominente ihr Fotobuch öffnen. Lindsey Jordan war noch nicht einmal geboren, als dieser Song veröffentlicht wurde. Sie gehört aber zu einer Generation, für die dieses Jahrzehnt als Projektionsfläche für eine bessere und spannendere Zeit dient. Wenn man selbst in einer Zeit aufwuchs, in der Rock als maximal unspannend und uncool galt, müssen einem die Alben der Breeders, von Nirvana, Oasis und vor allem den Smashing Pumpkins wie wundersame Kostbarkeiten aus einer weit entfernten Vergangenheit vorkommen.

So triumphal die Rückkehr von Oasis auch geriet - gerade Billy Corgan darf sich mittlerweile wie der stolze Grandpa fühlen, der sieht, wie Momma, Rocket und auch Snail Mail sein Liederbuch genau studierten. "Mellon Collie And The Infinite Sadness" bleibt einfach die Blaupause für zerstörte Jugendträume und die allerletzte Flucht vor dem Eintritt in das grausame Erwachsenenleben. Kaum ein anderes Album fängt diese Seelenwelt aus zu vielen Emotionen zwischen Melancholie, Wut und dem bitteren Abschied von Teenager-Träumen so gut ein. Lindsey Jordan war als Indie-Rock-Wunderkind mit ihrem Debüt "Lush" ein paar Jahre zu früh dran. Der Euphorie-Eskapismus und überdramatisch inszenierten Nihilismus der Neunziger passt im Gegensatz zu 2018, als die Welt nicht großartig, aber etwas besser schien, nun wirklich perfekt.

Warum also nicht das alles nehmen? So klingt bereits "Tractor Beam", der Einstieg in das neue Album, wie eine sehr gute Mischung aus den niedlich-knuffigen "Peaches" von The Presidents Of the United States of America, dem aufbrausenden Oasis-Feeling und sehr, sehr vielen Streicher-Arrangements. Kaum ein Gen-Xer, dem bei den genannten Bands nicht vor Freude der Puls nach oben schnellt. Snail Mail schaffen hier einen tollen Vintage-Pop-Song, in dem das Indie-Element weiter nach hinten rückt. Die Vorliebe für Pop-Melodien schimmerte schon auf den Vorgängern durch; so ganz sicher war Lindsey Jordan dabei nie, ob sie nun doch lieber ein Darling der Kritiker bleiben sollte oder doch mal weiter und größer denken wollte.

Diese Zerrissenheit löst "Ricochet" nicht ganz auf, weil Snail Mail immer noch zu schüchtern für das große Arrangement klingt. "Cruise" schlingert dementsprechend zwischen Swiftscher NPC-Musik und radiofreundlichem Alternative-Rock umher; so richtig kommt der Track leider nirgendwo an. Lindsey möchte auf keiner Party anecken, nicht zu laut sein oder im Mittelpunkt stehen. Das ist im Gegensatz zu einem nervigen Hauptdarsteller wie Corgan super-sympathisch, doch genau solche Typen greifen sich am Buffet alles ab und sind später das Gespräch des Abends. Es fühlt sich auch falsch an, sie komplett konträr zu ihrer Persona nach vorne zu schubsen, aber nach fast zehn Jahren und zwei positiv aufgenommenen Alben wie "Lush" und "Valentine" kann sie doch mehr wagen.

Die dick aufgetragenen Streicher-Arrangements sollen etwas Selbstbewusstsein vortäuschen, doch sie verdecken in Wirklichkeit eine große Unsicherheit. Irgendwann kommt der Moment, in dem alles austauschbar klingt und die leisen Indie-Songs unter diesem Bombast endgültig zusammenbrechen. Ärgerlich in einer Musikwelt, in der absurder Personenkult oder die größte Fresse die Oberhand behält und Snail Mail dementsprechend leer ausgehen. Wie auf dem Album-Cover, das eine Tigermuschel abbildet, zieht sich Lindsey oft in ihre eigene Schutzhülle zurück. Vor zwei Jahren spielte sie in einer kleinen Indie-Horror-Produktion mit, die "Buffy“ erinnert. Es gab dort die Figur "Xander", die im Gegensatz zu allen den Dämonen und Vampirjäger keine Superpower besaß, aber mit großer Empathie und Sensibilität ein verbindendes Element schuf. Die scheue Sängerin wäre die perfekte Besetzung für ein Remake gewesen und hätte diese Rolle perfekt ausgefüllt.

Lindsey Jordan ist einfach nicht die Person für schroffe Wut, die auf "Mellon Collie And The Infinite Sadness" für einen Kontrast zu den zärtlichen Momenten sorgte. Dort folgte auf ein schmerzhaftes "To Forgive" ein aggressives "And Ode To No One". Auf "Ricochet" folgt auf das schwermütige "Dead End" ein leise-nachdenkliches "Butterfly". Die perfekte Teenager-Musik, um unter Tränen etwas ins Tagebuch zu schreiben und wie in "Nowhere" die Entfremdung zu einer geliebten Person zu beschreiben: "You covered me all in kisses / I said I couldn’t feel it, but I wanted to." Wieder zurück in der Muschel, mit der man alles Negative, aber auch Gute aus seiner Gefühlswelt aussperrt. Zwischen niemals zu viel Wut und nie zu heftiger Verzweiflung bleibt "Ricochet" in einem Status der notorischen Vermeidungstaktik.

Auch "Hell" erfüllt nicht unbedingt die Erwartung, die man bei so einem düsteren Songtitel vermutet. Die wirkliche Hölle findet in den Identitätskrisen der Sängerin statt, ansonsten erinnert einiges an The Cranberries. Die liebenswürdigen Iren fügten ihrem gefälligen Pop ein paar Rock-Riffs hinzu, blieben dabei aber eine weichgespülte Alternative-Rock-Cosplay für das Format-Radio. Wer also den rohen Schmerz und die emotionale Wucht sucht, wird auf "Ricochet" enttäuscht; wer hingegen ein sensibles Grunge-Update für die Generation Z sucht, findet in Lindsey Jordan eine loyale, wenn auch fast zu vorsichtige Freundin. "Richochet" bleibt ein schönes Alternative-Pop-Album, das mehr Mut zur hässlichen Kante vertragen hätte, um wirklich einen Standpunkt zu setzen.

Trackliste

  1. 1. Tractor Beam
  2. 2. My Maker
  3. 3. Light On Our Feet
  4. 4. Cruise
  5. 5. Agony Freak
  6. 6. Dead End
  7. 7. Butterfly
  8. 8. Nowhere
  9. 9. Hell
  10. 10. Ricochet
  11. 11. Reverie

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