laut.de-Kritik

Die Motte fliegt streckenweise auf Autopilot.

Review von

Es fühlt sich falsch an, jemandem wie Souly die gleiche Wertung zu geben wie dem röchelnden Abschiedsalbum von Megadeth. Jemandem wie Souly, der aktuell so einen anderen, faszinierenden Film im deutschen Hip-Hop fährt, der seine künstlerische Welle so eigenwillig und gleichzeitig kommerziell erfolgreich reitet wie nur wenige in Deutschland. Und der schlicht so viele großartige Projekte raushaut.

"Traence" ist erst ein halbes Jahr her und Souly droppt so häufig, dass man sich fast verwöhnt vorkommt. Da darf natürlich dann auch mal eine mixed bag dabei sein. Nicht, dass "Moth Music" schlecht oder langweilig wäre. Im großen Ganzen ist das immer noch ein ziemlich einzigartiges Tape, das sich jeder Deutschrap-Fan dieses Jahr anhören sollte. Aber es ist doch durchwachsener und schwächer als Soulys übliches Qualitätslevel. Große Momente seiner Brillanz sind darauf immer noch vorhanden, aber auch manches, das nicht so recht klicken will.

"Hallelujah" klingt leer, als hätten zum Ende hin noch ein paar Ideen gefehlt. "Song 2" und "So Weit Weg (Molekül)" bieten ein paar tolle Elemente und stricken bewusst Ideen von den "Traence"-Songs "Mein Blut" und "Molekül" (Bonus-Track) weiter, die im Original aber prägnanter waren. Wir lieben psychedelischen Souly, aber er klingt auf einigen Songs nicht so sehr verträumt, sondern eher kaum präsent bei der Sache. Kompositorisch und textlich fliegt er leider ein bisschen auf Autopilot.

Ein Feature von UK-Rapper Fimiguerrero ist zwar ein großes Ding, nur leider ist sein Part ziemlich austauschbar. Und ja, Souly liebt seine Popkultur- und Musikreferenzen, dennoch ist die Akon-Interpolation auf dem Song eindimensional, erwartbar und bietet wenig neuen Kontext. Bessere Gegenbeispiele wiederum: Wie "Motte" auf Kanyes "Flashing Lights" anspielt, macht Spaß und passt thematisch; und das ikonische Pop-Sample auf "Igotthisfeeling" ist phänomenal.

Ohnehin ist "Igotthisfeeling" ein absolutes Highlight: Die Chemie mit Boondawg stimmt, die Percussion blubbert tropisch und die Synths tragen eine wunderbare Tristesse in sich. "Regentage" ist ähnlich melancholisch und toll. Diese erste Single des Tapes wächst seit August mit jedem Hören zu einem immer großartigeren Track, zu der Lucio101 überraschend gut passt.

"Motte" ist zum Schluss dann vor allem textlich einer von Soulys stärksten Tracks. Das Thema der verbissenen und ungesunden Suche kennt man von Souly, doch mit der Motten-Metapher verpackt er es gut in Worte. Egal ob die Sehnsucht nach Liebe: "Ich bin die Motte an deinem Licht, ich setz' mich auf dich drauf / Das Flattern in der Nacht, ich bin der Schatten an deinem Haus". Oder die Jagd nach Geld: "Ich bin die Motte in deinem Zimmer und mein Körper will zum Licht / Du bist die Dunkelheit und eigentlich will ich dich." Souly kann nicht anders, als vom Erfolgsdrang immer wieder angezogen zu werden, auch wenn er eigentlich lieber Ruhe hätte.

Ähnlich wie auf seinen vorherigen Projekten baut er das Motiv des Tape-Titels in viele Tracks ein, um die Songs zusammenzubinden, und dass er das Motten-Konzept dann erst am Ende des Tapes erläutert, macht es zu einem besonderen Moment. Abseits dieses sich immer wiederholenden Titels wirkt "Moth Music" nämlich eher orientierungslos – klar, ist auch ein Mixtape, das muss kein kohärentes Gesamtprojekt sein. Das Produktionsteam aus primär Waterboutus und Stoopidlou liefert immer noch einige geniale Beat-Highlights, die hierzulande von wenigen überboten werden. Trotz Soulys nachweislich spannenden Präsenz am Mic wirkt "Moth Music" dennoch wie ein kleiner Schritt zurück.

Trackliste

  1. 1. Oxygen
  2. 2. Song 2
  3. 3. Lonely
  4. 4. Igotthisfeeling
  5. 5. So Weit Weg (Molekül)
  6. 6. Vibration
  7. 7. Regentage
  8. 8. Hallelujah
  9. 9. Hannah Montana
  10. 10. Motte

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