laut.de-Kritik
David Lynch als Internetrapper.
Review von Yannik GölzAls ich letztes Jahr das Durchbruchs-Album von Stickerbush & Heavensouls gehört habe, habe ich versucht, mit einer fetten Grippe drei Kisten Altglas um den verschneiten Block zu schleppen. Objektiv betrachtet: Furchtbare Idee. Aber wahrscheinlich hätte es keinen besseren Modus gegeben, "Darkskin N***** With Lightskin Problems" das erste Mal zu hören.
Stickerbush und Heavensouls sind die Sorte experimenteller Hip Hop-Duos, wie sie nur genau diese Ära Internetzeitalter hervorbringt. Die beiden Artists kommen aus allen Ecken der Internetmusik, haben schon von Ambient bis zu Vapor-Sounds alles Mögliche gemacht, und schicken sich seltsame Soundscapes hin und her, in deren Weirdness sie sich hereinsteigern können, ohne sich je begegnet zu sein.
Wenn sie sich auf ihrem neuen Album dann musikalisch mit David Lynch und Donnie Darko vergleichen, dann haben sie alles Recht dazu. Denn auch "Darklight" ist ein grotesker, befremdlicher Klangteppich, eine bis zur Unkenntlichkeit dekonstruierte Hip Hop-Mondlandschaft. Schon der Opener "Understand Me" klingt, als wäre man zum automatischen Soundcloud-Mix eingeschlafen und in einer anderen Dimension wieder aufgewacht.
Es wird tatsächlich gerappt auf "Darklight", auch wenn man es zwischen den ganzen Sample-Collages fast überhören könnte, so eigenwillig und beiläufig tauchen die Flows aus dem Urschlamm auf. Man ist ja fast ein bisschen verwirrt, wenn auf "Everyday Fishing" kurz MF DOOMs Flow auf "Rapp Snitch Knishes" anskizziert wird. Aber wenn der Rest des Tracks dann in seltsame Analog-Synth-Spielereien abdriftet, entstehen surreale Cartoon-Vibes, die selbst die strangesten Instrumental-Momente auf "MM..FOOD" überflügeln.
Aber wer nach der ersten Hälfte glaubt, dass "Darklight" nur Quirk um des Quirks willen ist, bekommt besonders in der zweiten Hälfte ein paar ehrlich wunderschöne musikalische Momente geboten. "So Much Fun" klingt wie ein Harvest Moon-Soundtrack für eine alte Nintendo-Konsole, bevor es sich in einen überraschend tanzbaren Beat auffächert. "I Love You" verschüttet Anflüge von R'n'B-Schmalz unter Internetzeitalter-Ambient vergräbt. Die zehn Minuten Abschluss auf "It's About That Time" schließen das Projekt entsprechend kosmisch und trippy ab.
Keine Frage: Stickerbush und Heavensoul leben sehr davon, ziemlich Weirdcore zu sein. Aber da ist in ihren seltsamen Collage-Techniken und dem hyper-online Rapstil tatsächlich eine sehr partikuläre Atmosphäre und eine bizarre Schönheit, die so sonst niemand macht. Gut möglich, dass ihr aktueller Run für die Entwicklung von experimentellem Rap der kommenden Jahre bedeutsam sein wird.


Noch keine Kommentare