laut.de-Kritik

Der Zauber des Anfangs bleibt unerreicht.

Review von

Noch einmal die innere Zerrissenheit der Teenager-Jahre fühlen, noch einmal frei von existenziellen Ängsten in den Tag hinein leben und alles mit dreifacher Wucht zum ersten Mal spüren. Wer diese Sehnsucht kennt und mit dem Post Hardcore-Sound der 2000er verbindet, muss meistens in alten Releases kramen, um sich die volle Dosis Nostalgie abzuholen: Nur wenige Bands haben es sich auch zwanzig Jahre später noch so kompromisslos zur Aufgabe gemacht, die Zeit zurückzudrehen wie Story of The Year.

Nachdem das Comeback "Tear Me To Pieces" schon keine Anstalten machte, den Geist der Vergangenheit ruhen zu lassen, klingt nun "A.R.S.O.N." ungefiltert wie ein Zeugnis längst vergangener Tage. Wer sich den oft banalen Erkenntnissen der jungen Jahre längst entwachsen fühlt, dürfte schnell abwinkend aussteigen. Wer dagegen den verkopften Vergleich mit der erwachsenen Perspektive in der Gegenwart für den Moment über Bord werfen kann, wird von "Gasoline (All The Rage Still Numb)" gleich mitgerissen.

Die Kombi aus wütendem Vorwärtsdrang in der Strophe und heroischem Chorus wärmt die Nackenmuskeln schonmal auf. Unterstrichen von einer schicken Produktion knallen die Gitarren-Interludes besonders heftig. Soundtechnisch ist die Zukunft also doch spürbar und scheppert auf Augenhöhe mit den Architects, While She Sleeps oder Bring Me The Horizon.

Angesichts der brutalen Energie, die sich vom Start weg entlädt, ist der Zeitsprung längst vergessen. Schon verblüffend, wie unangestrengt die Amerikaner ihren Stil trotz fortgeschrittenem Alter ins Hier und Jetzt transportieren. Noch nicht ganz überzeugt? Dann schiebt "Disconnected" eine melodische Rauscherfahrung hinterher. Die bewährte Mischung aus zurückgefahrener Strophe und Monster-Chorus lässt sich nicht treffsicherer ausschlachten.

"Sick of being disconnected from everything I need. How am I gonna clear the wreckage, when it's crashing down, crashing down on me?" Auch wenn die Message kaum besser zum aktuellen Zeitgeist passen könnte, Songwriting und Sound katapultieren die Hörgewohnheiten in all ihrer Schlichtheit zwanzig Jahre zurück. Für den geneigten Metalcore-Fan mit Hang zum Pop-Punk passt hier alles.

Schade nur, dass die Platte mit dem starken Einstieg eine Erwartungshaltung aufbaut, die mit jedem weiteren Ton desillusionierend verpufft. Der Zauber des Anfangs bleibt auf allen Ebenen unerreicht. Statt sich weiterhin kopflos in jugendliche Gefühlswelten zu stürzen und das Energielevel hochzuhalten, wiegt der Realitätscheck plötzlich schwerer als gedacht.

Zu krampfhaft klammern sich die Mittvierziger in "See Through" oder "3 a.m." an den schablonenhaften Pop-Punk-Chorus. Zu konstruiert schaltet sich Jacoby Shaddix (Papa Roach) in "Fall Away" mit ein, um über rapartige Crossover-Passagen einen Überraschungseffekt zu erzwingen. So schnell das Album mich authentisch in die 2000er zurückversetzt hat, so schnell lässt es mich entfremdet zurück.

Zumindest "Halo" knüpft mit dem ungeschliffenen Garagen-Sound nochmal an das Eingangsniveau an. Über alle elf Songs hinweg rettet der jung gebliebene Ansatz einzelne Passagen, kaschiert damit erste Abnutzungsspuren und verschafft eingefleischten Fans ein versöhnliches Gefühl von Zuhause. Nur wer es wagt, den Frieden zu hinterfragen, muss feststellen: Die Leichtigkeit von damals lässt sich eben nicht mehr rekonstruieren.

Endgültig bemerkbar macht sich dies mit der uninspirierten Ballade "My Religion" und der vorhersehbaren Hymne "I Don't Wanna Feel Like This Anymore". Der jugendliche Pathos im schmerzvollen Verlust lässt sich dann doch am besten von Menschen vermitteln, die näher dran sind an der Erfahrung. Stattdessen drängt sich der abgedroschene Ratschlag der Alten leider nur allzu unumstößlich auf: Zeit, erwachsen zu werden!

Trackliste

  1. 1. Gasoline (All Rage Still Only Numb)
  2. 2. Disconnected
  3. 3. See Through
  4. 4. Fall Away (feat. Jacoby Shaddix)
  5. 5. 3 a.m.
  6. 6. Into The Dark
  7. 7. My Religion
  8. 8. Halos
  9. 9. Good For Me / Feel So Bad
  10. 10. Better Than High
  11. 11. I Don't Wann Feel Like This Anaymore

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