laut.de-Kritik

Zwischen Lack, Leder und Legenden.

Review von

Diesem Album nähert man sich fast automatisch mit einer gewissen Erwartungshaltung. Klassischer Heavy Metal bildet das klare Fundament, handwerklich sauber gespielt, druckvoll produziert und tief in der Tradition des Genres verwurzelt. Abgemischt und produziert wurde "Midnight Blitz" von der Judas Priest-Legende K. K. Downing, das finale Mixing und Mastering übernahm Jakob Hansen.

Diese Namen setzen die Messlatte hoch und wecken große Erwartungen. Hinzu kommt, dass sich der Bandname Tailgunner direkt aus einem Iron Maiden-Song ableitet, was die musikalische Ausrichtung bereits andeutet. Auch optisch greift die Band tief in die Klischeekiste. Hochglanzpolierte Bandfotos in Lack und Leder gehören zum Konzept. Von Zurückhaltung kann keine Rede sein, doch genau das soll und darf in diesem Genre so sein. Authentischer wäre es kaum denkbar.

Tailgunner haben bewegte acht Jahre hinter sich, in denen sich die Band hörbar weiterentwickelt hat. Dem Debüt folgt nun mit "Midnight Blitz" das zweite Album, das in vielerlei Hinsicht einen deutlichen Schritt nach vorn macht. Die Produktion wirkt druckvoller, klarer und insgesamt deutlich reifer. Auch das Songwriting ist fokussierter und greift besser ineinander. Man merkt den Stücken an, dass hier mehr Erfahrung und Selbstbewusstsein eingeflossen sind.

Gleichzeitig bleibt die Band ihrem klassischen Metal-Sound treu. Große Refrains, treibende Riffs und heroische Melodien prägen weiterhin das Gesamtbild. Eine jüngere Heavy-Metal-Band klingt naturgemäß anders als eine seit Jahrzehnten eingespielte, gestandene Formation, und genau diese frische, etwas ungestüme Energie ist hier deutlich zu hören. Dadurch wirkt das Album lebendig und unverbraucht.

Besonders hervorzuheben sind Songs wie "Tears In Rain", "Barren Lands And Seas Of Red", "Follow Me In Death" und der Titelsong "Midnight Blitz". Diese Stücke liefern echte Highlights mit starken Hooks und kraftvollen Refrains. Hier zeigt die Band, wie souverän sie klassische Heavy Metal-Elemente in ein modernes Klanggewand kleiden kann. Die Gitarrenarbeit ist präzise und zugleich voller Energie und Drive.

Auch gesanglich bewegt sich das Album auf einem hohen Niveau. Die Rhythmussektion sorgt für konstanten Vortrieb, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Gerade in den Refrains entfalten die Songs ihre größte Wirkung. Man ertappt sich schnell dabei, einzelne Passagen mitzusingen. Diese Momente sorgen dafür, dass sich "Midnight Blitz" nachhaltig im Gedächtnis festsetzt.

Kritische Stimmen könnten anmerken, dass hier das zweite Album alter britischer Schule mit all seinen offensichtlichen Referenzen regelrecht auf Hochglanz poliert serviert wird. Die vielen Anleihen bei den großen Vorbildern wirken für manche vielleicht zu kalkuliert und zu offensichtlich. Man könnte den Vorwurf erheben, dass stellenweise etwas zu dick aufgetragen wird. Für Puristen mag diese Art der Inszenierung und der Soundästhetik zu viel des Guten sein.

Doch genau darin liegt zugleich die Stärke von "Midnight Blitz". Tailgunner verstecken ihre Einflüsse nicht, sondern zelebrieren sie ganz offen. Das Ergebnis wirkt dadurch konsequent und ehrlich. Die Band steht klar zu ihrer musikalischen Herkunft. Wer hier Innovation erwartet, wird möglicherweise enttäuscht. Wer jedoch klassischen Metal in zeitgemäßer Form schätzt, wird bestens bedient.

Unterm Strich ist "Midnight Blitz" ein starkes Statement für modernen Power Metal mit klassischer Seele. Das Album verbindet alte Tugenden mit einer zeitgemäßen Produktion und einem klaren Bekenntnis zur Szene-Ästhetik. Statt sich von Klischees zu distanzieren, werden diese bewusst aufgegriffen und stilvoll umgesetzt. Das mag nicht jedem gefallen, fügt sich hier aber schlüssig ins Gesamtbild ein. Die Songs sind kraftvoll, eingängig und mit spürbarer Leidenschaft geschrieben. Gerade in den stärkeren Momenten entfaltet das Album eine enorme Wucht.

Tailgunner zeigen überzeugend, dass sie ihren Platz im modernen Heavy- und Power-Metal gefunden haben. Wer auf große Refrains, schneidende Riffs und pathetische Metal-Hymnen steht, wird hier fündig. Für mich gilt daher: So darf und so sollte Power Metal anno 2026 klingen.

Trackliste

  1. 1. Midnight Blitz
  2. 2. Tears In Rain
  3. 3. Follow Me In Death
  4. 4. Dead Until Dark
  5. 5. Barren Lands And Seas Of Red
  6. 6. War In Heaven
  7. 7. Blood Sacrifice
  8. 8. Night Raids
  9. 9. Eye Of The Storm
  10. 10. Eulogy

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