laut.de-Kritik
Das Alte und das Neue als gleichberechtigte Einheit.
Review von Toni HennigAuf "Phaedra", das als experimentelle Session in Richard Bransons Manor Studios in Oxfordshire seinen Anfang nahm und 1974 erschien, verwendeten Tangerine Dream, damals bestehend aus Edgar Froese, Christopher Franke und Peter Baumann, zum ersten Mal einen Moog-Synthesizer und veränderten damit die elektronische Musik für immer. Am 7. Oktober 2024 kehrte die Band, mittlerweile weitergeführt von Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane & Paul Frick, ins Londoner Barbican zurück, um den Geist dieser Aufnahme mit genau den Instrumenten wieder aufleben zu lassen, die Froese und Co. mitentwickelt hatten.
Auf "50 Years Of Phaedra: At The Barbican" bekommt man "Phaedra" erstmalig als vollständig realisierte Version, da die ursprünglichen Sequenzen nie wirklich quantisiert waren. Jedes Motiv besitzt nun eine kristalline Präzision, die bisher nicht zu hören war. Dabei ging es Tangerine Dream neben der angemessenen Würdigung des Werkes auch darum, es für eine neue Ära neu zu interpretieren. Das gelingt den Berlinern auf diesem Live-Dokument überaus gut.
Der Abend beginnt mit großem Applaus, als die Band die Bühne betritt, wie man in "Phaedra Suite Initial Applause" nachhören kann. Danach bietet "Sequent C, 2024" mit langen mellotron- und flötenartigen Klängen einen melancholischen Einstieg in das Set. In "Movements Of A Visionary, 2024" setzen sich nach und nach hypnotische und trancige Sequenzer-Töne durch, die man am ehesten mit dem Sound der Berliner verbindet, während in "Mysterious Semblance At The Strand Of Nightmares, 2024" mit dramatischen, auf- und abebbenden Sounds die filmmusikalischen Qualitäten Tangerine Dreams zum Tragen kommen.
Herzstück der Aufnahme bildet die 8-teilige "Hippolytos Session", die, kurz unterbrochen von "Phaedra 2024", verschiedene Motive des Titelstücks des Originalalbums aufgreift, sie aber mit modernen Klängen verbindet, so dass man die Nummer völlig neu erlebt, ohne dass die ursprüngliche Essenz verloren geht. Das Spektrum reicht dabei von atmosphärischen, flächigen Tönen über kreisende, lange Sequenzerpassagen bis hin zu ruhigen, meditativen Klaviermomenten. Danach gibt es in "Phaedra Suite Applause & Words" mächtig Applaus sowie einen Einblick, was uns in der zweiten Hälfte des Abends erwartet.
Die hat es ziemlich in sich, da uns die Berliner kein klassisches Best Of-Set kredenzen, sondern sich eher auf Material ihres aktuellen Albums "Raum" sowie Tracks fokussieren, die man in diesem Live-Rahmen nicht unbedingt erwartet hätte. "No Happy Endings" aus dem "Grand Theft Auto V"-Soundtrack heißt hier "Happy Ending", verbreitet aber genauso nostalgische, zurückgelehnte Synthwave-Stimmung.
Den spannungsgeladenen "Sorcerer Theme" erweitern Tangerine Dream mit Breakbeats, ohne dass es auch nur ansatzweise aus dem Klangfluss reißt, so dass sich das Stück als Highlight der zweiten Hälfte herauskristallisiert. In "You Are Always On Time" vom aktuellen Longplayer findet man sich wieder in trancigeren Sphären wieder, während "Dolphin Dance" und "Rare Bird" bestes, oldschooliges 80s-Feeling versprühen.
Im weiteren Verlauf finden sich noch weitere Tracks aus den 70ern und 80ern wie "Logos (Velvet)" oder "White Eagle". Mit den melodischen Nummern aus den letzten Jahren wie "Continuum" oder dem "Raum"-Titelstück schlagen Tangerine Dream aber mehr die Brücke zur Moderne. "Phaedra 2022" lässt den Abend, gefolgt von einer Vorstellung der Band-Mitglieder und einer Danksagung an das Publikum in "Closing Words", gelungen ausklingen.
Insgesamt verbinden sich auf dieser Liveaufnahme das Alte und das Neue zu einer gleichberechtigten Einheit. Letzten Endes dürften Tangerine Dream bei Quaeschning und Co. längst in guten Händen sein.


1 Kommentar
Nennt mich Banause, aber mein liebstes TD-Album ist Hyperborea. Phaedra ist dennoch ein Klassiker und in die Neuinterpretation wird zumindest reingehört.