laut.de-Kritik
Keine Band für eine Nacht.
Review von Toni HennigVor rund einem Jahr stieg Jojo aus persönlichen Gründen bei Tanzwut als Dudelsackspieler aus. Seinen Posten nahm Manu ein, der 2021 als Trommler und Perkussionist zur Band stieß, sich nun aber voll und ganz auf die Sackpfeife konzentriert. Der im normalen Schulalltag als Lehrer arbeitende Musiker hat sich auch komplett an den Aufnahmen zu "Herz Aus Stein" beteiligt. Textlich knüpft die Platte an den persönlichen und nachdenklichen Kurs von "Achtung Mensch!" an, ohne an Aufbruchsstimmung einzubüßen. Dabei rechnen Teufel & Co. mit der Kälte unserer Zeit ab, umarmen aber auch diejenigen, die sich darin verloren fühlen.
"Rosenkrieg" handelt von einem Paar, das nur noch Hass und Ablehnung füreinander empfindet. Am Ende kommt es aber dann doch noch zum Happy End. Musikalisch pendelt die Nummer zwischen harten Riffs, begleitet von Sackpfeifenklängen und getragenen orchestralen Momenten. "Keine Band Für Eine Nacht" erweist sich als geradlinige Fan-Hymne, die dank der tanzbaren mittelalterlichen Momente live ordentlich für Stimmung sorgen dürfte, aber auch recht kalkuliert wirkt.
Das Titelstück thematisiert jemanden, der sich von seinen eigenen Gefühlen distanziert und greift Motive von Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz" auf. Klanglich schlagen die Berliner etwas nachdenklichere und ruhigere Töne an. "Zeitgeist" wirkt dagegen treibender und aggressiver und richtet den Blick mehr nach außen, wenn es um Selbstoptimierung und politisches Mitläufertum geht. Leider machen die Rammstein-Anleihen hier und da einen etwas ungelenken Eindruck.
Das hymnische "Die Sänger Singen Noch" fragt, wie viel ehrliche, handgemachte Kunst in Zeiten von KI noch wert ist, besitzt jedoch gleichzeitig etwas Verbindendes. Rammstein-Elemente kehren in "Der König Ist Pleite" zurück, das einen autoritären, größenwahnsinnigen Herrscher zum Thema hat, und die Botschaft transportiert: Hochmut kommt vor dem Fall. Wer hier keine Parallelen zu einer bestimmten Person in den USA erkennt, die den Golf von Mexiko in Golf von Amerika umbenennen ließ, dürfte die letzten Jahre geschlafen haben.
"Ich Bin Kein Engel" bewegt sich durchgängig im getragenen Midtempo, hinterlässt aber nur wenig Eindruck. In "Sag Niemals Nie" und "Wir Haben's Übertrieben" zeigt sich die Band von ihrer trinkseligen Seite. Der letztgenannte Song wildert dabei größtenteils in akustischen Gefilden. "No Future" gerät danach geradezu punkig und rotzig, während Tanzwut ihrem Frust freien Lauf lassen. Inhaltlich kommt nochmals das Thema Trump auf. Mit seiner frechen Ausrichtung stellt der Track ein wohltuendes Kontrastprogramm dar. "Wenn Alle Stricke Reißen" beschwört stampfend den Zusammenhalt.
"Kein Abschied Für Immer" bewahrt die gemeinsamen Erinnerungen an jemanden, der nicht mehr unter uns weilt, verpackt Tod und Trauer jedoch in treibende, rockige Töne. Im Grunde genommen der perfekte Schlusspunkt, wäre da nicht die Zweitversion von "Die Sänger Singen Noch" als Bonusnummer, die unter Zuhilfenahme von Freunden wie Alea von Saltatio Mortis, Eric Fish von Subway To Sally oder Sotiria von Eisblume komplett im Kitsch ersäuft. Eine Version wie gemacht für den ZDF-Fernsehgarten.
So bietet "Herz Aus Stein" abwechslungsreichen, wenngleich routinierten Fan-Service. Ein wenig frischer Wind könnte den Berlinern im dritten Karriere-Jahrzehnt jedenfalls nicht schaden.


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