laut.de-Kritik
Synth-Art-Pop für Nachteulen.
Review von Kerstin KratochwillAuf dem mittlerweile fünften Album des Acts aus New York agiert nur noch Künstlerin Jasmine Golestaneh. Das anfängliche Duo ist zu einem Solo-Projekt geschrumpft. Der Vielfalt und Verdichtung der Musik schadet das allerdings überhaupt nicht. "Delusion" beginnt dem Titel entsprechend schleierhaft schimmernd: Der Opener "Sublevel" lässt Echos von Anne Clark oder schattenhafte Soundskizzen à la Siouxsie And The Banshees erklingen, stellt aber eine luzide und leuchtende Ansage des neuen arty und ambitionierten Klangs von Tempers dar. Dieser liegt nun zwischen Synth-Pop, Gothic, Techno und Industrial.
Thematisch dreht sich auf der Platte alles um Illusionen. Golestaneh begreift diese als Überlebensstrategie und versucht, sie musikalisch durch desorientierende, dissonante und düstere Melodien zu fassen. Die Singer-Songwriterin lettisch-iranischer Abstammung lebte lange Zeit in Europa, bevor sie in die USA zog. Schon über ein Jahrzehnt arbeitet sie behutsam an der Klangidentität von Tempers.
Ihre frühen Songs waren von Clubsounds und den Achtzigerjahren geprägt, wovon etwa der catchy Electronica-Underground-Hit "Strange Harvest" zeugt. Nun klingt der Sound wesentlich entspannter und expandierter als noch auf dem Vorgänger "New Meaning" (2022). Mit Tracks wie "Who Says" finden sich dennoch auch tanzbare Tracks für den vernebelten Gothic-New-Wave-Dancefloor, der in einer Playlist mit Boy Harsher, Dina Summer oder The KVB durchaus dunkel-harmonisch und hypnotisch-drängend dahinfließt.
Tempers bleibt auch als Soloprojekt schlafwandlerisch schön und poetisch post-punkig, auch wenn der Fokus nun auf filmisch flirrenden Klangbildern liegt, die mehr für den Kopfhörer als den Club gemacht sind. Opulente balladeske Songs, durchsetzt mit Streichern und Synthteppichen begleiten dieses introspektive wie irisierende Album, das von Selbstheilung und Sehnsucht erzählt und zuweilen pocht wie ein Herzschlag.


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