laut.de-Kritik

Ein Abgrund – musikalisch wie inhaltlich.

Review von

Auf dem Weg ins Innere schieben The Hirsch Effekt immer mehr Kryptisches beiseite und lassen tief blicken. Das siebte Studioalbum "Der Brauch" ist ein sehr persönliches Werk geworden. Wer das im vergangenen Jahr veröffentlichte zweite Buch von Sänger, Gitarrist und Komponist Nils Wittrock gelesen hat ("Ein Hirsch, ein Virus und ein Baby"), der weiß, dass es hinter den Kulissen nicht immer einfach ist, Bandalltag und Familienleben in Einklang zu bringen. Und so tut sich im Frühjahr so mancher Abgrund auf – musikalisch wie inhaltlich.

Von Selbstzweifeln geplagt und mit vielen Fragezeichen versehen, tüfteln die Hannoveraner an ihrem musikalischen Schutzschild. Abermals geht es komplex und vielschichtig zu. Doch im Gegensatz zu früheren Werken, in denen stilistische Drehungen und Wendungen im Mittelpunkt standen, geht es auf dem neuen Album vermehrt um Stimmungen und das Erzeugen von Atmosphäre. Der Opener und Titeltrack beleuchtet den Weg des größten Widerstands: Eine Minute lang bestimmen eine gezupfte Akustikgitarre und Wittrocks leidvolles Timbre das Klangbild, ehe das Schlagzeug mit merkwürdig vorgezogenen Bassdrum-Kicks und verzerrten Gitarren das Kommando übernehmen. Die sphärische Verzerrung mündet in einen verzweifelten Refrain.

Einmal Blut geleckt, legen The Hirsch Effekt nach. "Der Faden" besticht durch einen druckvollen Instrumentalteil. Der Refrain prescht hart und episch nach vorne. Die Band ist nun ganz in ihrem Element. Einer kurzen Korn-Sequenz folgt ein ungewohnt melodischer Soloteil ("Das Seil"). Im Anschluss an ein handzahmes Instrumental ("Brauch Reprise") ertönt ein gefälliges Zusammenspiel zwischen Schlagzeug und Gitarre. Nach dreieinhalb Minuten erhöht sich der Härtegrad, ehe das Ende die beeindruckte Hörerschaft im Highspeed-Modus konfrontiert ("Der Doppelgänger").

Die zweite Albumhälfte präsentiert sich noch zugänglicher. "Die Lüge" entzückt Tool-Fans mit sphärischer Komplexität. Mit "Die Brücke" setzen The Hirsch Effekt schließlich das dickste Ausrufezeichen: Beinahe radiotauglich verdichtet die Band alle Stärken. Episch und voller Energie drängt der nachhaltige Refrain durch die Boxen. Hier könnten auch die Verantwortlichen von Biffy Clyro und den Deftones mit am Werk gewesen sein. Was für ein wunderschönes Brett!

The Hirsch Effekt nehmen aber auch entgegengesetzt richtig Fahrt auf. Kurz vor Schluss schmeißen die Niedersachsen noch einmal sämtliche Extreme in die Waagschale. Wie der Bosskampf-Soundtrack des dunkelsten "Silent Hill"-Abenteuers aller Zeiten, bricht "Das Nachsehen" alle Dämme und schafft Platz für "Die Heimkehr". Ein Sound-Spektakel sondergleichen. Wieder einmal. Auf dem siebten Studiowerk erweitert die Band ihr Klangspektrum, ohne dabei ihre Trademarks aus den Augen zu verlieren. "Der Brauch" klingt anders, aber dennoch unverkennbar nach The Hirsch Effekt.

Trackliste

  1. 1. Der Brauch
  2. 2. Der Faden
  3. 3. Das Seil
  4. 4. Brauch Reprise
  5. 5. Der Doppelgänger
  6. 6. Die Lüge
  7. 7. Die Brücke
  8. 8. Das Nachsehen
  9. 9. Die Heimkehr

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4 Kommentare

  • Vor 5 Stunden

    Ich struggle mitunter mit Stimme und Intonation, ziehe aber gleichzeitig meinen Hut vor so ambitionierter und dennoch gefälliger Musik in deutscher Sprache. Kannte die vorher nur vom Namen und das Ding ist neben A$ap Rocky das zweite spannende Album in diesem Jahr für mich.
    Der Doppelgänger tönt sehr mächtig.

  • Vor 4 Stunden

    Ich hab vor Jahren mal in die Band reingehört und damals waren sie mir zu heavy. Das ist auf dem Album hier stellenweise auch noch so, aber der Rest gefällt mir ziemlich gut. Muss mal schauen, ob ich mit den härteren Stellen umzugehen lerne.

  • Vor 4 Stunden

    Der Track "Agitation" von The Hirsch Effekt ist immer noch einer meiner Lieblingstracks auf deutscher Sprache. Bin gespannt auf das Album!

  • Vor einer Sekunde

    Eskapist war wirklich wirklich gut, die Jubiläumstour hab ich dann gesehen, das hat gut gescheppert, aber auch ein wenig gelangweilt auf Dauer. Danach ein wenig aus den Augen verloren, das erste Buch war super, ich glaube, ich sollte mir das zweite mal bestellen...