laut.de-Kritik

Nudeln gegen den Weltschmerz.

Review von

Engelchen können ja vieles sein: niedlich, heilig, harmlos, Deko fürs Regal. The Toten Crackhuren Im Kofferraum (kurz: The T.C.H.I.K.) sind eher die Sorte "Flauscheflügel an, Mittelfinger raus". Genau so funktioniert auch ihr neues Album "Love, Hate & Engelenergie": erst einlullen, dann ans Schienbein treten, danach kurz umarmen, plötzlich schreit dir jemand ins Ohr.

Musikalisch ist das – wie man es von der Truppe kennt – eine wilde Mischung: provozierender DIY-Punk, Electro-Pop, ein bisschen Techno-Rap- und Schlager-Ästhetik, krachige Gitarren und zwischendrin sogar ein Saxofonmoment, als hätte jemand im Proberaum plötzlich einen Jazz-Musiker herbeigezaubert. Inhaltlich pendeln die Crackies zwischen Dada, komplettem Quatsch und erstaunlich treffender Gegenwartsbeobachtung – das macht auf jeden Fall ordentlich Spaß.

Nur macht es "Love, Hate & Engelenergie" einem nicht durchgehend leicht. Gerade am Anfang klumpen Melodie- und Rhythmusideen teils so sehr zusammen, dass man kurz denkt, man sei in einer Endlosschleife zwischen "ballert schon" und "ähnelt sich aber auch alles". Wenn aber die Songs kommen, die eine stabile Meta-Message wirklich tragen und musikalisch noch mal eine neue Tür aufstoßen, hat das Album plötzlich richtig Zug. "Love, Hate & Engelenergie" ist eine wirklich gute Electropunk-Platte, aber sie bleibt an zu vielen Stellen hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Im Intro "Supernova" heißt es: "Wir sind gekommen, um euch zu geben – nicht, was ihr wollt, was ihr verdient. Vielleicht bringen wir die Erlösung, vielleicht tut's auch ein bisschen weh." Schade, dass ich im weiteren Albumverlauf anscheinend mehrere Songs lang musikalische Eintönigkeit, wenig melodische Ideen und ein Rhythmus, der auf Dauer eher sediert als anstachelt, verdient zu haben scheine. Das tut auch bisschen weh. "In Meinem Herzchen" und "Skincare Routine" geben mir einen Vibe von "gleiches Muster, andere Zeile", während "Du Bist 'ne Geile!" gar feuilletonistische Lyrics bereithält: "Mit niemandem red' ich so gern übers Kacken" – Crackhuren-Charme, maximal drüber, aber so sympathisch frech, dass man trotz allem grinst.

Danach funktioniert "Lieber Gott" als ironisch-sakraler Moment und als kleine Atempause zwischen dem Vorpreschen der restlichen Tracks: "Ach, lieber Gott, bitte steh uns bei" – ein Stoßgebet mit Augenrollen, bevor mit "Kink" ein inhaltlicher Sweet Spot des Albums folgt: "Mein Kink ist es, gut behandelt zu werden." Faszinierend, wie die Band hier vom Quatsch-Regal direkt zu "brandaktuelle Lyrics mit echter Message" abbiegt. Und dann das Saxofon-Solo – nicht nur textlich, auch musikalisch der Peak der Platte.

Zu Beginn von "Meine Wut" könnte man sich fast fragen, ob man aus Versehen statt den Crackies eher ein Opern-Stück in den Gehörgang geleitet bekommt. Doch schnell erinnert einen der Track freundlich daran, dass das hier immer noch trashiger Punk ist – übrigens einer, der erstaunlich gut ballert. Der Text hat mehr Inhalt, als man ihm anfangs zutraut: "Aber seien wir einmal ganz ehrlich, Männer lieben ist gefährlich." Und wenn der Song dann plötzlich komplett aufdreht und dich in den Techno-Club teleportiert, ist das exakt die Art Eskalation, für die Fans diese Band lieben.

Im einzigen Feature des Albums "Nackt Auf Dem Balkon" (mit Remote Bondage) bleibt die musikalische Stimmung mit Techno-Pop-Rap erstmal im Club. Sehr direkt, sehr "wir sagen's jetzt einfach" mit vulgären Lyrics, die sich als gesellschaftliche Kommentare tarnen (vielleicht sind es aber auch Kommentaren, die sich als Vulgarität tarnen): "Ich denk' an Gleichberechtigung, wenn ich's mir selber mache. Kurz bevor ich komme, schrei' ich meinen eigenen Namen."

"Mach Dir Keine Sorgen, Mach Dir Nudeln" klingt wie die perfekte Lebensweisheit für den kriselnden Zeitgeist: "Dein süßer Mund muss nicht alleine sein." Nudeln gegen den Weltschmerz quasi. "Geist" und "Unsere Liebe Ist Ein Rausch" sorgen anschließend für Ablenkung und ein bisschen Luft im Set – weniger "Song des Jahres", mehr "gut, dass es das gibt, sonst wäre der Mittelteil noch gleicher". Zum Schluss wartet mit "Kein Freund (Ein Täubchen Will Ich)" jedoch noch ein Highlight: Elektro-Punk aus dem Bilderbuch, essenzielle Message blitzt durch, aber vor allem überzeugt dieser spezielle Crackhuren-Vibe aus Krawall, Witz und wenn man sich drauf einlassen kann, macht's großen Spaß.

"Love, Hate & Engelenergie" ist oft wirklich witzig und ziemlich gut gemacht – und immer dann am besten, wenn die Band ihre Dada-Pose kurz fallen lässt und die Message ohne Schutzhelm nach vorne schiebt ("Kink", "Meine Wut"). Gleichzeitig bremst sich das Album selbst aus: zu wenig Varianz bei Melodie und Rhythmus, vor allem zu Beginn zu eintönig. Unterm Strich gilt: Wer The T.C.H.I.K. und punkige Eskalation sowieso mag, wird das hier definitiv feiern. Wer's schon immer scheiße fand, dem liefert die Platte aber auch ein gutes Beispiel, warum.

Trackliste

  1. 1. Supernova (Intro)
  2. 2. In Meinem Herzchen
  3. 3. Du Bist 'ne Geile!
  4. 4. Skincare Routine
  5. 5. Halt Dein Maul
  6. 6. Lieber Gott
  7. 7. Kink
  8. 8. Meine Wut
  9. 9. Nackt Auf Dem Balkon (feat. Remote Bondage)
  10. 10. Mach Dir Keine Sorgen, Mach Dir Nudeln
  11. 11. Geist
  12. 12. Unsere Liebe Ist Ein Rausch
  13. 13. Kein Freund (Ein Täubchen Will Ich)

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