laut.de-Kritik
Alles, nur nicht nach vorne.
Review von David Maciej LaskowskiWie der Titel dieser Platte "Alles, Nur Nicht Zurück" impliziert, versucht sich Tim Bendzko neu zu erfinden. Ich vermute ja, dass die Menschheit vorher die Quantentheorie erfolgreich mit der Allgemeinen Relativitätstheorie verknüpft, ehe der Bendzko sich was Brandneues einfallen lässt. Bis dahin dürfen wir uns weiterhin an seinen plattitüdenüberzogenen Texten auf generischen Pop-Beats ergötzen.
Beginnen wir doch gleich mit der Produktion. Positiv anzumerken habe ich die klotzig klingende Snare auf dem Opener "Alles, Nur Nicht Zurück", vermutlich der instrumental interessanteste Moment auf der Platte. Kann ja nichts Gutes heißen, wenn ich schon damit anfange, in den winzigsten Teilaspekten dieses Soundbilds irgendetwas Spannendes herauszufischen, um nicht einfach nur stumpf rumzuhaten. Weniger erfreulich waren dagegen die manischen Vocal-Skits, bei denen die Drums im Intro kurz aufhören, damit Bendzko aus einem Getümmel der Gedanken verlautbaren lässt: "Alles, nur nicht zurück."
Ironischerweise klingt es so, als würde er sich verzweifelt selbst einreden, sich verändern zu müssen. Über den Rest des Albums hinweg ist er dieser Aufgabe nicht gewachsen, auch wenn er einige Zeilen später behauptet: "Hab' meinen Kopf auf den Kopf gestellt / Bin seit letztem April wie ein neuer Mensch / Bin wieder am leben für ein anderes Leben." Im nächsten Vers heißt es jedoch wieder: "Bin immer noch derselbe, immer noch voller Zweifel." Als wäre Sisyphos der Stein erneut abhanden gekommen.
Deswegen ist einer der letzten soliden Momente auf der Platte auch nicht ihm, sondern der Produktion zu verdanken, in diesem Falle die kräftigen Streicher auf "Unter Steinen", zu hören nach den Strophen, die dann aber im Refrain im Hintergrund gammeln und Platz machen müssen für Bendzkos Lyrik: "Unter den Trümmern / Ein letzter Hoffnungsschimmer / Fragen, ob es noch Sinn macht / Doch kein Versprechen hält für immer."
Abseits dieser mikroskopisch kleinen Lichtblicke, spielen sich die übrigen Instrumentals nach typisch seichtem und uninnovativem Deutschpop-Schema ab. Auf Songs wie "Zwei Gramm", "Zu Verschieden" oder "Angekommen" geht es ein wenig elektronischer zu. Apropos "Zwei Gramm": Ich weiß, dieses Gequassel, die Seele solle was wiegen, ist totaler Humbug. Aber sprach man nicht immer von 21 Gramm statt zwei? "Da war diese Schwere tief in meiner Seele / Tonnenschwere zwei Gramm, die mich runterzieh'n." Andererseits: Wen juckt's?
"Wach Auf" liefert mit seinem Chor-Intro und den dramatischen Streichern die "NPC"-Motivationshymne schlechthin. Ja, "NPC" klingt overused. Aber kommt schon, was soll mir bei diesem Refrain auch sonst einfallen? "Wach auf, wach auf / Bitte geb uns nicht auf, auf / Wir wachsen über uns hinaus / Überwinden alle Mauern und tanzen darauf." Ich kann das Kontra-K-Feature förmlich riechen.
Weniger epochal, aber ähnlich "anspornend" gibt sich die Single "Alles In Bewegung". Auf diesem Track werden wir nebenbei Zeuge einer Weisheit, auf die nicht mal die größten Denker der gesamten Menschheitsgeschichte gekommen sind. Was hat uns Fivehead Bendzko zu sagen? "Was wäre das Licht ohne die Dunkelheit?". Bahnbrechend.
"Immer", ein Titel, den er seiner Ex-Frau widmet, ist zumindest in dem Sinne verzeihlich, dass es nicht der schlimmste Break-Up-Song aller Zeiten ist, nur leider auch nichts Besonderes, wobei der Abschluss der zweiten Strophe, in dem er ihren gemeinsamen Sohn referiert, eigentlich recht süß kommt: "Brachtest die Hoffnung zurück zu mir / Er hat die Augen von dir."
Trotz sporadischer netter Momente bleibt zum Schluss das Fazit: Statt alles daran zu setzen, nicht zurückzugehen, wirkt Tim Bendzko auf "Alles, Nur Nicht Zurück" eher so, als hätte er alles dafür getan, sich bloß nicht weiterzuentwickeln.


2 Kommentare
Umfangreiche Marktforschungen werden sicher ergeben haben, dass genau dieses - und kein anderers - Rezept die Sales am besten pushen wird. Insofern war es unfreiwillig komisch, dass irgendwo im ARD- oder ZDF-Nachmittatgsprogramm versucht wurde, diese Meterware als radikal schonungslos persönlichstes Werk zu verkaufen (schon die paar Klangschnipsel dort besagten das glatte Gegenteil). Und dazu hatte man "Fans" rekrutiert, die den PR-Text bestätigten. Ob die das selbst glaubten oder eine adäquate Vergütung bekamen, blieb unbeantwortet.
Damit wird er nicht die Welt retten.