laut.de-Kritik
Cancel Culture Nightmare?
Review von Julius Stabenow"Will Smith is canceled!" So beginnt das Intro des neuen Albums "Based On A True Story" von Will Smith – und der absolute Boomer-Elefant steht sofort im Raum. Es entspannt sich ein klassischer Barbershop-Dialog, in dem mehrere Personen über den Superstar lästern und natürlich alle ihre feste Meinung haben. Bis zum Ende des Gesprächs besagter Rapper und Schauspieler den Laden betritt und alle verstummen. Seine Musik spielt eine eher untergeordnete Rolle in der Diskussion, denn die aktuelle Platte ist die erste seit 20 Jahren.
Aktuell scheint die Zeit für die Comebacks alternder Rapper zu sein. Doch hat es eine musikalische Rückkehr des Man in Black überhaupt gebraucht? Naja, geht so. So viel vorab: Hollywood steht ihm deutlich besser. Der ehemalige Fresh Prince ist definitiv kein Common und auch kein Ice Cube oder LL Cool J. Er ist maximal Snoop Dogg und Dr. Dre: große Ambitionen, kleine Ergebnisse.
Der Vergleich schlägt sich direkt im Sound nieder. Denn Will folgt hier keiner klaren Linie, sondern versucht es mit einem Mix aus Bangern und poppiger Live-Instrumentierung, ähnlich wie das Duo aus Compton und Long Beach. Während man von "Missionary" allerdings einen bestimmten Sound erwartet hat, bezieht es sich doch direkt auf zwei Westcoast-Klassiker, war Will Smith zwar im Mainstream sehr erfolgreich, aber nie stilprägend.
Pop-Rap fühlt sich bei dem Philly-Native, gerade aufgrund seiner Schauspielkarriere, nicht falsch an, macht es aber nicht unbedingt besser. Will probiert sich an verschiedenen Styles, 20 Jahre Ruhepause schreien eben nicht nach einem experimentellen Konzeptalbum. Es geht von klassischen Representern ("Lookin' For Me") über monumental marschierende und bildhafte Filmmusik ("Rave In The Warteland", “Bulletproof” mit Jac Ross) und poppigem R'n'B ("Hard Times" mit Teyana Taylor) hin zu sehr technisch flowendem und böse schepperndem Trap à la Eminem oder dem als Featuregast auftretenden Joyner Lucas ("Tantrum").
All diese Songs vereint dennoch ein Fakt: Sie klingen absolut mittelmäßig. Zu glattgebügelt, zu wenig Risikobereitschaft, obwohl Will Smith fast 40 Jahre nach seinem Debüt eigentlich niemandem mehr etwas beweisen müsste. Ein überraschendes Highlight findet sich jedoch in "First Love", einem zwar recht simplen, aber erstaunlich unkitschigen und gefühlvollen Song über die ersten Male mit wunderbaren Flamenco-Einflüssen, der talentierten spanischen Sängerin India Martinez und dem Gitarristen Marcin.
So weit, so unspektakulär. Kommen wir zum wirklich unangenehmen Teil dieses Longplayers. Will Smith ist bekanntlich ein Mann Gottes. "Based On A True Story" bezeichnet er als sein persönlichstes Album, was weniger ein Hinweis auf die oberflächlichen Texte darstellt, sondern viel mehr die sehr intensive Beschäftigung mit der Religion. Auf das Intro und den ersten Song folgt eine Art zweites Intro oder Skit, betitelt als "Sermon", vorgetragen von einem Pfarrer.
Von diesem Zeitpunkt an zieht sich das Kirchenthema durch das Album und hält es inhaltlich zusammen. Für nicht-religiöse Menschen wie mich wird das häufig sehr unangenehm, und es wird nicht unbedingt klar, weshalb dieses Thema Will Smith so sehr beschäftigt, dass es die komplette Platte bestimmen muss. Seine religiöse Erleuchtung scheint die wahre Geschichte zu sein, die Big Willie uns erzählen will. Das gipfelt in dem Totalausfall "You Can Make It", einem ultra-pathetischen Gospelsong mit platten Texten und verstörenden Heile-Welt-Vibes, ganz nach der Logik des American Dream. Und nebenbei die Nummer eins in den offiziellen Billboard Gospel Charts.
Ebenfalls grenzwertig: Neben dem Sänger Fridayy featured der Track den Sunday Service Choir. Der Chor wurde 2019 von Kanye West ins Leben gerufen wurde, als dieser in der Entstehungsphase seines Albums "Jesus Is King" regelmäßige Gottesdienste abhielt. In diesem März gab Ye nun in seinem Nazi-Wahn bekannt, das Logo des Chors in die SS-Runen aus dem dritten Reich ändern zu wollen. Der Song entstand vermutlich lange vorher, doch die Kontroverse um Mr. West ist wahrlich nicht neu. Und bekannt ist auch Will Smith' Nähe zu fragwürdigen religiösen Vereinigungen wie Scientology.
Es folgt der abschließende Track "Work Of Art" mit seinem Sohn Jaden sowie Rapper Russ, der zeigt wie man das Thema Spiritualität modern und unpeinlich bearbeiten kann: Smith präsentiert sich hier als allmächtiger und gleichzeitig widersprüchlicher Mann aller Religionen. Gleichzeitig gehört der Tune mit seiner mystischen Produktion zu den stärksten des Albums und stellt genau das Gegenteil zum cheesy unangenehmen "You Can Make It" dar.
Hat man diese Platte nach 20 Jahren also gebraucht? Nicht wirklich. Über alle Maßen reiche und sich trotzdem missverstanden fühlende Boomer gibt es wahrlich genug auf dieser Welt. Daran ändert auch nicht, dass sich Will Smith von Gott berufen fühlt und das als große true Story verkaufen möchte. Es bleiben ein paar interessante Ansätze, viel mittelmäßiger Standard und einige besorgniserregende Ausfälle eines 56-Jährigen, der einfach seinen Katalog für sich sprechen lassen und sich auf das konzentrieren könnte, was er nach wie vor am besten kann: Schauspielerei.
8 Kommentare mit 3 Antworten
"La-di-da-di, I like to party" ("You Lookin’ For Me?")
Beweisführung abgeschlossen.
1/5
La-di da-di, free John Gotti, ! The King of New York!
Eine Ohrfeige dem Musikgeschmack.
Find's immer noch erschreckend, wie er sich über Jada hinwegsetzen konnte und diesem Typen eine geschmiert hat. So viel Bad-Ass-Sh*t hatte sie ihm wohl auch nicht zugetraut, so wie viele Fans. Das war schon ein Ding, du.
Slappt genuin. In jeglicher Hinsicht.
zu MIB Zeiten war da noch etwas, ich erinnere mich - doch das...kann sein, muss aber nicht. Reinhören lohnt allemal.
Beautiful scars ist top
Schade eigentlich, dass das talentierteste Mitglied der Smiths - also Willow Smith - nicht als Feature dabei ist.
Die Vergleiche in der Review find ich ein bisschen komisch. Dr. Dre und Snoop Dogg haben immerhin mal Großtaten vollbracht, auch wenn das schon lange her ist. Will Smith hat gefühlt schon immer hauptsächlich die Titeltracks zu seinen Filmen und Serien mittelmäßig gerappt.