laut.de-Kritik

Freak Accident in der neuen K-Pop-Welt.

Review von

Oh, K-Pop-Alben. Dieses seltsame kleine Medium kriegt einfach seinen Shit nicht zusammen. Wenn alle Jubeljahre mal ein Projekt passiert, das unsere musiknerdigen Ansprüche erfüllt, handelt es meist eher um eine Art Freak Accident. Egal, wie interessant manche Gruppen ästhetisch auch sein mögen, gleichgültig, wie kohärent und durchdacht die Präsentation bzw. musikalische Identität auf den Titeltracks auch sein mag: Die Albumlänge beweist eigentlich immer nur, wie unterschiedlich und singulär der K-Pop von den eigenen Fans konsumiert wird.

Dies ist besonders schmerzlich, wenn man es eigentlich mit Gruppen zu tun hat, die könnten. XG – die mit "Awe" auch schon eines dieser K-Pop-Alben gemacht haben, das man jedwedem Musikfan vorsetzen könnte – hätten eigentlich alles. Ihr Sci-Fi-Konzept erweitert die futuristischen Vorstöße ihrer Zeitgenossen von Aespa um ein handfesteres Gefühl von Glam, Sophistication – und auch einer nicht nur subtextuellen Queerness. Ihre Fotoshoots und Musikvideos sind nicht weniger als absoluter Futureshit. Man kann sich in der Welt dieser Gruppe absolut verlieren.

Und betrachtet man die Singles, wissen sie auch, wie man Ästhetik in die Musikform bringt. Der Lead "Gala" war ein absoluter Brecher. Die Kernthese lautete: "I just turnt the MET-Gala into an X-Gala". Heißt konkret: Dieser Song will Fashion Week-Vibes ins Deep Space holen. Neben bester Alien-Haute Couture bekommen wir einen Song, der mit einem Dutzend geisterhafter Vocal-Samples zeitgemäßen French House in ein futuristisches Gewand hüllt. Wenn dann darüber die Rap-Staffetten der Members gleiten, hat man einen Song, der das Image wahrlich zum Leben erweckt.

Und dann? Machen sie ein zweites Album, das daraus eine kohärente Hörerfahrung macht? Nope! Leider Gottes ist "The Core" ein ziemlich handelsübliches K-Pop-Release. Will heißen: Egal, wie konzeptuell man sich in der Leadsingle auch gibt, alles wandert ab Track zwei aus dem Fenster. "The Core" hat zwar ein paar gute Tracks zu bieten. Aber der Kram ist für die Fans, nicht für die Augen der Öffentlichkeit gemacht. Entsprechend folgt man der Philosophie 'für jeden etwas dabei' und lässt in allen möglichen Genres irgendwelche Songwriter antreten, um Songskizzen zu verramschen, die es nicht zu vollwertigen Titeltracks gebracht hätten.

Standout ist natürlich die zweite Single "Hypnotize", die von schönen Synthworks und sehr classy Disco- und House-Einflüsse getragen wird. Klingt spitze! Hätte man aber trotzdem auch StayC oder Fromis_9 geben können. Aber immerhin spürt man hier ein wenig den (Retro-)Futurismus. Der Rest der Platte macht sich diese Mühe nicht einmal.

"Rock The Boat" ist eine brauchbare Aaliyah-Pastiche, "No Good" ist 2016-Trap-Pop, zum einen Ohr rein, zum anderen raus. "4 Seasons" zeigt sich als ebenso handelsübliche wie generische Ballade, gut gesungen, aber diese Art Song kaufst du im koreanischen Großhandel inzwischen vermutlich im Vorteilspack.

Richtig schmerzhaft wird es nur, wenn sie beim lkigen Tracktitel "O.R.B. (Obviously Reads Bro)" versuchen, mit billigster Plastikproduktion auf den Pop-Punk-Revival-Zug aufzuspringen, der irgendwann vor vier Jahren abgefahren ist. Nein, ich brauche meine K-Pop-Gruppe, nicht einen beschissenen Machine Gun Kelly-Song. Es ist sehr awkward.

Extraminuspunkte gibt es für einen völlig unverständlichen Fehler am Ende. Wenigstens einen superfuturistischen Bombentrack hätten XG in der Hinterhand gehabt. Auf "PS118" schießt sich Gruppenleaderin Jurin überraschend erfolgreich Verses mit Conscious-Rap-Legende Rapsody hin und her. Nicht nur handwerklich eine krasse Leistung, irgendwie hat man einen so sleeken und vorwärtsdenkenden Beat hingekriegt, dass sie es schaffen, das Gruppenkonzept tatsächlich in Boom-Bap zu übersetzen. Nur dachte irgendwer, Rapsodys großartige Verses auch zugunsten eines eher enttäuschenden Gruppen-Remixes rausschmeißen zu müssen. Ein echter Downgrade.

Das tut weh, denn "Gala" und "PS118" weckten große Hoffnungen. Beides Bombentracks, die die Idee eines kohärenten Albums in diesem Stil gesetzt haben. Aber man muss es so sagen: So funktioniert K-Pop nicht. Ich habe mir das so erklären lassen: K-Pop ist ein parasoziales Phänomen. Die Musik ist offensichtlich der Kerl, aber die soziale Gruppe drumherum konstruiert sich durch viel klassisches Fandom-Zeug. K-Pop-Gruppen haben im Schnitt überraschend viele Fans, die mit dem eigentlichen Sound und Konzept der Gruppe gar nicht so viel anfangen können.

Das Medium K-Pop-Album scheint so direkt auf diese Fans zugeschnitten: In den Deep Cuts findet gewöhnlicherweise jeder irgendetwas, mit dem er oder sie kann. Das hat zur Folge, dass es quasi nie K-Pop-Minis gibt, die so richtig für sich stehen und zu Klassikern werden. Gleichzeitig fallen K-Pop-Minis aber nie durch.

Jetzt gerade gibt es bestimmt einen soliden Teil des Fandoms, der mit diesem glammy Sci-Fi-French House nichts anfangen kann, aber allen gruppenfremden Hörern erzählen wird, dass die wahre Qualität von XG in Bullshit wie "O.R.B. (Obviously Reads Bro)" läge. Das ist kurios und für unser Ideal eines Albums ziemlich ernüchternd. Aber so geht das Spiel.

Trackliste

  1. 1. Xignal (The Intro)
  2. 2. Gala
  3. 3. Rock The Boat
  4. 4. Take My Breath
  5. 5. No Good
  6. 6. Hypnotize
  7. 7. Up Now
  8. 8. O.R.B. (Obviously Reads Bro)
  9. 9. 4 Seasons
  10. 10. PS118

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LAUT.DE-PORTRÄT XG

Okay, erst mal kurz zur Einordnung: Eine Gruppe Japanerinnen, die auf englisch singen, aber als K-Pop gelten? Hä? Zugegeben, der Fall XG ist speziell.

1 Kommentar

  • Vor 3 Stunden

    Da geh ich mit. Ich habs mit einer 7 bewertet. "O.R.B" ist wirklich grauenhaft und XG nicht würdig. War anfangs auch dezent enttäuscht weil ich mir eine durchgehende Explosion a la "Gala" erhofft habe. Muss aber auch sagen, dass neben der angesprochenen starken Single "Hypnotize" die Songs "Take My Breath" und "Up Now" noch gewachsen sind. Die Member-Version von "PS118" find ich hingegen auch stark.