laut.de-Kritik
Der Herr Tur Tur des Symphonic-Metal.
Review von Franz MauererXandria haben ein Problem, um das andere Bands sie vermutlich beneiden: Sie können eigentlich alles. Die Produktion sitzt, die Musiker beherrschen ihr Instrumentarium, und mit Ambre Vourvahis steht eine Sängerin am Mikrofon, die auf "Eclipse" erneut beweist, dass sie die wohl wertvollste Personalentscheidung der jüngeren Bandgeschichte darstellt. Und trotzdem steht sich die zweite Scheibe seit dem Comeback über weite Strecken selbst im Weg.
Schon der Vorgänger profitierte davon, dass Vourvahis nicht jeden Anflug von Symphonic-Metal automatisch in die Operette übersetzte. Auch diesmal verfügt sie über genügend Kraft und Charakter in der Stimme, um Melodien zu tragen, ohne ständig den imaginären Kronleuchter im Festsaal zum Schwingen bringen zu müssen. Umso ärgerlicher, wie häufig sie dabei vom Arrangement der Songs sabotiert wird: Kaum gewinnt sie etwas Freiraum, brandet hinter ihr bereits die nächste Welle Chorsängerinnen, Geigen, gregorianisch anmutende Wikingerstimmen und orchestrale Kitschgischt heran.
Vourvahis wirkt auf "Eclipse" manchmal wie die Gallionsfigur eines Schiffes, die sich gegen die eigene Besatzung stemmen muss. Besonders deutlich hört man das bei "Colours". Eigentlich passiert in diesem Song gar nicht sonderlich viel. Aber Vourvahis bringt ihn mit einer Präsenz über die Zeit, die fast vergessen lässt, wie konventionell das Material darunter gebaut ist. Ein Sonderlob für die Sängerin, nicht fürs Songwriting.
Denn genau dort liegt das größere Problem: Xandria bewegen sich auf "Eclipse" fast durchgehend innerhalb eines Erwartungskorridors, dessen Leitplanken Nightwish vor Jahrzehnten aufgestellt haben. Man kann beim ersten Durchlauf häufig schon erahnen, wann die Bridge kommt, wann das Orchester anschwillt, wann das Solo einsetzt, und wann der große Refrain noch mal eine Stufe höher geschoben wird. Das ist professionell konstruiert, aber eben konstruiert. Die Überraschung besteht meistens darin, dass keine kommt.
Das muss nicht zwangsläufig schlimm sein. Der Titeltrack etwa zeigt, wie gut Xandria funktionieren können, wenn sie ihre Ideen verdichten. Auch "Masquerade" gewinnt dadurch, dass nicht jede Phrase sofort mit zusätzlichem Bombast zugespachtelt wird. Und "Northstar" gehört zu den Momenten, in denen die Band ihrer Sängerin endlich erlaubt, den Song wirklich anzutreiben. Plötzlich entsteht Zug, und das Ganze hat einen Zweck jenseits der bloßen Erfüllung einer Symphonic-Metal-Pflichtliste.
Solche Stücke besitzen einen Mehrwert, gerade weil Xandria dort nicht zwanghaft noch drei Stockwerke auf jedes Arrangement draufsetzen. "Wave Of Tanis" funktioniert ähnlich ordentlich, auch wenn ausgerechnet der dünne Refrain verhindert, dass mehr hängenbleibt. Und selbst "The Poetry of the Real World" hätte einiges zu bieten, würde die Band nicht immer wieder die einfachste Ausfahrt nehmen, sobald sich eine interessantere Abzweigung auftut.
Am anderen Ende steht "The Shannon's Home". Der Song ist nicht einfach nur kitschig, sondern ein Bandtiefpunkt. Hier kippt der ohnehin schwer behangene Symphonic-Metal der Band endgültig in Symphonic-Schlager: Alles ist auf unmittelbare Wirkung berechnet, jede Emotion wird unterstrichen, doppelt eingerahmt und anschließend noch mit Chor versehen. Wo Dramatik entstehen soll, bleibt nur Behauptung.
"The Last Generation" reiht sich nahezu nahtlos ein. Der Track wirkt stellenweise wie eine Persiflage auf genau jene Musik, die Xandria eigentlich selbst spielen wollen. Der Song hangelt sich von einer dramatischen Geste zur nächsten, ohne daraus eine überzeugende Struktur zu entwickeln. Man versucht gleichzeitig monumental, emotional und zugänglich zu sein und kommt doch nirgendwo an. Gerade diese demonstrative Anbiederung an die vermeintlich großen Momente lässt ihn erstaunlich klein wirken.
Auch der lange Schlusstrack "Lore" rettet das Album nicht. Die Spiellänge ist nicht entscheidend, wissen alle Mäddl-Mannen. Hier tauchen Ideen auf, verschwinden wieder, neue Passagen werden angefügt, ohne dass aus dem Mäandern tatsächlich eine Dramaturgie erwächst.
"The Grand Delusion" wiederum legt ein grundsätzliches Produktionsproblem offen. "Eclipse" klingt zunächst fett, sauber und teuer. Aber Druck entsteht nicht allein dadurch, möglichst viele Spuren übereinanderzulegen. Gerade Bass und Perkussion besitzen erstaunlich wenig physische Präsenz. Dadurch fehlt der Musik ein Fundament, an dem sich die großen orchestralen Ausschläge überhaupt abarbeiten könnten. Dramatik braucht Höhen und Tiefen. "Eclipse" schrumpft so zum Herrn Tur Tur des Symphonic Metal – wird immer kleiner, je näher man ihm kommt.
Xandria hätten durchaus die Möglichkeit, ihren Symphonic-Metal weiterzuentwickeln. Vourvahis könnte diese Band problemlos in weniger ausgetretene Gefilde führen, und die stärkeren Stücke zeigen, dass auch musikalisch genügend Ideen vorhanden wären. Stattdessen akzeptiert die Band die selbstauferlegte Limitierung ihres Genres nicht nur, sondern verschärft sie freiwillig. Und selbst dort, wo Symphonic-Metal ausnahmsweise keinen zusätzlichen Kitsch verlangt, spachteln Xandria vorsichtshalber noch welchen drauf.


Noch keine Kommentare