laut.de-Kritik

Es geht um Gefühle.

Review von

Braucht es in einer Zeit, in der toxische Beziehungen und zwischenmenschliche Dramen musikalisch komplett beliebig und zur austauschbaren Massenware geworden sind, tatsächlich noch ein Album, dass "Lösch meine Nummer" heißt? Wenn es von BRKN kommt: Unbedingt. Zwischen all dem kitschigen und überdramatisierten Herzschmerz, der mit Künstler*innen wie Ayliva oder 1986zig die TikTok-Feeds flutet, ist ein ehrliches, selbstreflektiertes und gleichzeitig butterweiches Release wie das des Sängers vielleicht gerade bitter nötig.

Vor allem, wenn es gleich zu Beginn so unverschämt lässig grooved wie auf dem Opener "Red Flags". Zwischen eleganten Streichern und einem souligen Vibe thematisiert BRKN die typischen Auf und Abs einer Partnerschaft, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, aus der sich beide Seiten aber trotzdem nicht lösen können.

Auf dem darauf folgenden Track "Nie wieder zurück" löst er sich aus dieser Beziehung, rekapituliert noch mal die Dynamik, um endgültig damit abschließen zu können. Passend dazu klingt der Beat sommerlich-poppig und nach Aufbruch. Ende gut, alles gut, also? Nicht so ganz, denn natürlich lässt ihn seine ehemalige Partnerin nicht einfach gehen.

Das anschließende "Sogar ich" behandelt die verzweifelten letzten Annäherungsversuche der Ex, die allerdings ins Leere laufen. Im Intro des Song bringt der Sänger noch mal auf den Punkt, worum es ihm geht: "Alles klingt immer so traurig und ernst, aber ich will so jazzy Akkorde und dann Shittalk. Du warst scheiße zu mir, dann mache ich einen jazzy Song und Leute sollen einen Ohrwurm kriegen, dass du scheiße zu mir warst." Danach folgt ein eingängiger Tune, der hängen bleibt und die eigene Stärke zelebriert, um die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen.

Zum ersten großen Highlight wird "Mehr davon". BRKN eröffnet diesen Song mit ein paar denkwürdigen One Linern, die die selbstironische, aber auch angriffslustige Seite des Kreuzbergers zum Vorschein bringen: "Leute sagen, ich seh schwul aus – danke für das KomplimentMeine Freundin sieht aus, als wäre ich reich oder prominent" oder "Ihr wollt mit mir reden, doch ich spreche kein Opfer". Doch anstatt diese Zeilen besonders zu betonen, droppt er sie fast schon beiläufig auf einem locker bouncenden Beat. Sein Featurepartner Lugatti schlägt im Kontrast dazu eine ganz andere Richtung ein: Mit Autotune auf Anschlag entsteht hier ein merklicher Bruch, in dem sich der Kölner Rapper breit über seine scheinbare Traumfrau und ihren Allerwertesten auslässt, nur um abschließend festzustellen, dass sie zwar süß, aber ihr Charakter hässlich ist, und es am Ende eben darauf ankommt.

Schon auf "Mehr davon" zeichnet sich eine Wendung in der Geschichte des Albums ab, die auf der Single "Es tut nicht mehr weh" final vollzogen wird. Waren die ersten Songs der Platte noch geprägt vom Schmerz der gescheiterten Beziehungen, hat BRKN nun alles verarbeitet und kann guten Gewissens mit positivem Blick in die Zukunft schauen. Der Track spielt mit einem neu gewonnenen Selbstbewusstsein in Kombination mit einer eingängigen Hook und einer minimalistischen Instrumentierung und wird so zum essenziellen Punkt der LP.

Auf das "Scam (Interlude)" folgt mit "Tattoos" mit Sänger nullsechsroy ein kleiner emotionaler Rückfall, in dem BRKN zeigt, dass die alten Wunden wohl nie ganz heilen werden, er die Schuld dafür aber nicht nur bei seinen Ex-Freundinnen sieht, sondern auch selbstkritisch mit sich ins Gericht geht. Diese reflektierte Art zieht sich durch das gesamte Album und hebt sich dadurch von eingangs erwähnten Künstler*innen ab, die ausschließlich den tief sitzenden Herzschmerz und die Verletzbarkeit des eigenen Egos thematisieren.

Endgültig nach vorne blickt BRKN dann auf "Shoutouts", in dem er sich endlich neu verlieben kann. Mit Schmetterlingen im Bauch singt er ein funky Loblied auf den Ex seiner neuen Geliebten, der die Beziehung vor die Wand gefahren hat und damit dafür sorgte, dass zwei Seelenverwandte zueinander finden konnten. Einmal Fahrt aufgenommen, lässt BRKN der Liebe freien Lauf und versprüht zum Ende des Albums auf "Chance" und "Selfies" nichts als Glück.

Doch zum Abschluss erzählt er doch noch einmal "Die ganze Geschichte", die die ursprüngliche Motivation und Inspiration für die Platte zusammenfasst und zum emotionalen Höhe- und Schlusspunkt "Juli ´25" überleitet. Darin wird die Geschichte nochmal konkreter, die sich vor ziemlich genau einem Jahr zugetragen hat und der Tarek K.I.Z. seine eigene Erfahrung hinzufügt, ohne zwischen den sehr persönlichen Parts fremd zu wirken.

"Lösch meine Nummer" sollte ein Trennungsalbum werden, es sollte mit alten Lastern, Selbstzweifeln und toxischen Dynamiken aufräumen, doch es ist so viel mehr daraus geworden – ein vielschichtiges Release, das die Komplexität von gescheiterten Beziehungen einfängt. Während er die Zeit mit seinen Verflossenen verarbeitet, übernimmt BRKN Verantwortung und steht zu seinen eigenen Fehlern, schafft es aber auch, sich aus dieser Energie herauszuziehen und sich neu zu verlieben.

Das Konzept geht auf, das Album klingt wie aus einem Guss mit vielen kleinen Details und Ideen, die in ihrer Gesamtheit trotz des inhaltlichen Dramas nie zu viel wirken. Stattdessen überzeugt ein homogener, reduzierter und dennoch an den richtigen Stellen akzentuierter Sound zwischen gefühlvollem Neo Soul, jazzigem Hip Hop und modernem R'n'B.

Trackliste

  1. 1. Red Flags
  2. 2. Nie wieder zurück
  3. 3. Sogar ich
  4. 4. Mehr davon feat. Lugatti
  5. 5. Es tut nicht mehr weh
  6. 6. Scam (Interlude)
  7. 7. Tattoos feat. nullsechsroy
  8. 8. Shoutout
  9. 9. Chance
  10. 10. Selfies
  11. 11. Die ganze Geschichte
  12. 12. Juli '25 feat. Tarek K.I.Z.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT BRKN

BRKN lebt das Leben eines jungen Mannes zwischen Zukunftsangst und Geltungsdrang. "Seine Musik ist so voller Hingabe und Kontraste, wie sie nur das Berliner …

1 Kommentar mit einer Antwort