laut.de-Kritik
Mächtiger Power Metal fürs kuttenverhangene Kinderzimmer.
Review von Stefan JohannesbergKalt. Metallisch kalt. Bereits das blau-graue Sci-Fi-Cover strahlt eine Eiseskälte aus. Der Opener "Lady Of Winter" treibt die visuelle Gänsehaut innerhalb weniger Takte tief in die Gehörgänge. "Her wraith rides the crystal sky / Of changing colors / The glowing clouds are moving through / The winter night, snow is falling, silver shining / Through the shadows deep blue dreaming / Eyes of diamond shine”. Ausnahmesänger Midnight bewegt sich dabei ständig in den höheren Regionen eines Rob Halford, seine Gesangsharmonien intoniert er aber wesentlich tragender, wie es sich für progressiv-melodischen Power Metal gehört. Die präzisen Drums von Dana Burnell und die schneidenden Riffs fräsen sich durch die Synapsen - und greifen direkt im Anschluss mit "Red Sharks" gnadenlos die kommunistische Sowjetunion an.
1988 sehnen viele Menschen das Ende des Kalten Krieges herbei. Der Refrain "Glory to red sharks / Answer to your red dictators" sehnt mit. Man stapft aus dem Palast der "Herrin des Winters" direkt in die sibirische Kälte. Auch hier weben die Instrumente wieder Eisfäden in die Eingeweide. Ein Grund dafür ist der makellose, fast klinische Drum-Sound. Drummer Dana Burnell spielt zuerst ohne Becken und fügt sie später per Sampler hinzu. Knisternde, lebendige Live-Musik klingt anders.
Abstoßend und anziehend übt "Transcendence" im kuttenverhangenen Kinderzimmer eine ganz besondere Faszination aus, denn neben den genannten Vorzügen wandeln Crimson Glory spielerisch zwischen komplexen Tempi-Wechsel und eingängigen Refrains, zwischen harten Riffs und wundervollen Melodien. Wenn eine Hook mit so wenigen Worten so mitreißt wie "Lady of winter, song in the wind / Melody whispers, seasons will change", heben sich Arme und ballen sich Fäuste. Auch das zwar wesentlich härtere "Red Sharks" galoppiert heroisch und maidenesk über die Steppe wie ein Dschingis Khan. Midnight channelt seinen inneren Thrash-Shouter, um dann zwischen Gitarren-Duellen und Riff-Fanfaren im erhabenen Hook den Kommunismus auf die Schippe zu nehmen.
Warum kennen nur beinharte Metal-Fans die Band aus Florida und nicht die gemeine Rockwelt? Die Zeit ist eigentlich perfekt. Die Zeichen stehen 1988 auf Sturm, der Power Metal erklimmt für kurze Zeit den Headbanger-Thron. Queensryche mit "Operation: Mindcrime", "Digital Dictator" von Vicious Rumors oder der zweite Keepers-Teil stürmen die Hot Rotation und den Headbangers Ball auf MTV. Ohne den Support des Musiksenders verkümmert die große Karriere jedoch schneller, als Kai Hansen die Saiten malträtiert.
Auch Crimson Glory teilen dieses Schicksal. War der Sound von "Transcendence" am Ende wirklich zu kalt? Sind die Songstrukturen zu progressiv? An so wundervollen Stücken wie "Painted Skies" kann und darf es nicht gelegen haben. Der dritte Song des zweiten Albums beginnt mit Akustik-Gitarre und mystischer, melancholischer Atmosphäre. "When she's sad, the world is lonely Silver clouds are crying only", leidet Midnight am Mic. Doch nach einer Minute mit "Spread your wings ..." öffnen sich alle Tore des Himmels. Der emotionale Refrain offenbart eine zeitlose Größe, die sich tatsächlich erst Jahrzehnte später so richtig manifestiert. Selbst die progressiven Ideen fügen sich fließend in diesen Klassiker ein.
Die Edgar-Allan-Poe-Story "Masque Of The Red Death" galoppiert wieder energischer. Die Gitarren streben in den Vordergrund und Midnight klettert in atemberaubender Geschwindigkeit die Tonleitern hoch und runter. US-Metal pur. Der Midtempo-Track "In Dark Places" lässt zum ersten Mal Raum zum Atmen, fällt er doch neben den superben Vorgängern ab. "Where Dragons Rule" groovt und marschiert mit Trommelwirbel, jaulenden Gitarren und "Seek and Destroy"-Shouts, wie man es im Drachenwinter erwartet. Die Drachen regieren und Midnight fliegt mit seiner Stimme mit ihnen. Jede Zeile erinnert daran, welchen Verlust die Metal-Szene erlitt, als zuerst die Karriere nicht abhob und ihn 2007 dann der Tod zu früh in seine Arme schloss.
Und dann kommt "Lonely". Hinter dem unspektakulären Titel verbirgt sich wieder eine Powerballade, oder besser eine Hymne von epischer Breite. Ähnlich wie bei "Painted Skies" knüpfen Crimson Glory spannende Riffs, progressive Strukturen, strahlenden Pre-Chorus und mächtige Refrains in einen Hit, der sich Ende der 80er mit jedem Queensyrche-Track messen kann. Wenn "Eyes Of A Stranger" sich als Video totdudelt, warum nicht auch "Lonely”?
Das letzte Drittel des Albums läutet "Burning Bridges" ein und überzeugt mit progressiven Melodic Rock-Einflüssen. "Eternal World" zieht das Tempo mit Double-Bass-Attacken an. Im Doppelpack zeigen beide Tracks das riesige, aber nie wirklich genutzte Potenzial der Gruppe. "Transcendence" schließt als überlanges, sphärisches Outro ein superbes Album, das nicht nur zu den besten Power- oder US-Metal-Alben aller Zeiten zählt, sondern zu den besten Metal-Alben aller Zeiten.
Crimson Glory hatten sich nach dem bereits sehr starken Debüt noch einmal gesteigert; die Metal-Zukunft schien rosig. Leider schielt die Band nach dem schnellen Dollar. Auf dem Nachfolger "Strange And Beautiful" hängt sie das Fähnlein in den alternativen Rock-Wind, statt weiterhin großartigen Power Metal zu produzieren und nachhaltig der Szene ihren Stempel aufzudrücken. Das Album ist wirklich so anders und so schlecht, dass Drummer Burnell und Gitarrist Jackson bereits vor der Produktion und später auch Midnight Crimson Glory verlassen. Die Band versinkt mit diversen Alben in der hinteren Reihe der Plattenregale. Erst 2026 knüpfen sie mit "Chasing The Hydra" und Neusänger Travis Wills wieder an ihr progressives Power-Metal-Erbe an.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


1 Kommentar mit einer Antwort
Painted Skies und Lonely sind für mich absolute Champions League im Rock- / Metalbereich. Tatsächlich erst Jahrzehnte später entdeckt, für mich waren Crimson Glory in den 80ern zu poserhaft, ich war als Teenie leider sehr scheuklappenmäßig in härteren Gefilden unterwegs.
Ja, ich fand sie schon gut damals, aber als ich mich jetzt für die Review bzw. das neue Album noch mal intensiver mit dem Album beschäftigte, merkte ich, wie krass gerade diese beide Stücke wirklich waren/sind.