laut.de-Kritik

Es schillert durch den Smog.

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"Willkommen in der Stadt, mein Kind, wo wir alle Fängerin oder Gefangene sind." Culk haben sich auf ihrem vierten Album der Stadt verschrieben. Nicht zwingend ihrer Heimatstadt Wien. Einfach dem Phänomen Großstadt, das so viele junge Menschen irgendwann anzieht wie die Motten das Licht: die Verheißung, in eine große Stadt zu ziehen, um sich endlich zu verwirklichen, auszudrücken oder den Horizont zu erweitern. Gleichermaßen birgt sie das Risiko, in der Menschenmasse und im Beton zu ersticken. Wird man zum "Star" oder verdeckt der "Smog" die Sterne?

Trotz so einer Einleitung wirkt "Smogstar" nicht zwingend wie ein Konzeptalbum. Wie schon auf den Vorgängeralben, die sich beispielsweise mit der Überforderung unserer Generation oder dem Patriarchat auseinandersetzten, schreit Sophie Löw uns nicht die Bedeutung ins Gesicht. Man kann ihre Texte lesen, wie man will, da sie wunderbar offen und dennoch bildlich geschrieben sind. Dieses Album ist kein "Parklife", "Stadtaffe" oder gar "Wiener Schickeria". Das Motiv der Großstadt und ihrer Anziehung ist nicht immer offensichtlich, aber wenn man es im Hinterkopf behält, erkennt man, inwiefern die verschiedenen Themen der Songs damit verknüpft sind.

Obwohl etwa in "Weiß Nur Wer Ich Nicht Bin" oder "Twenty, Eighteen" nie eine Stadt erwähnt wird, geht es hier um die Suche nach Identität. Und Identitätsformung und Identifizierung mit anderen zählen wohl zu den größten Dingen, die man in einer Stadt suchen kann. "Weiß Nur Wer Ich Nicht Bin" fasst im Titel schon eine Identitätskrise vieler Menschen zusammen: Man muss nicht zwingend wissen, wer man ist, um sich von anderen abzugrenzen. Auf der lebenslangen Suche nach dem Ich muss man sich zunächst als "Frankensteinskind" aus vielen Teilen anderer Personen zusammensetzen.

"Twenty, Eighteen" ist ein Blick auf die Anfangstage der Band. Die aufregenden ersten Erlebnisse, Erfolge und Hoffnungen klingen überraschend unbeschwert, bis die Zweifel und das Verlorensein das düstere Outro des Songs übernehmen. Dazu singt Sophie mal wieder auf Englisch, was ihr nicht ganz so gut steht wie Deutsch, aber vielleicht als Referenz auf die frühen Tage fungiert, in der sie oft auf Englisch schrieb. Damals dürfte Wien für die Band essenziell gewesen sein, um ihren Traum zu verfolgen, Bewegung zu spüren und ein Publikum zu finden.

"Kaputte Speaker" nennt die Band das "erste richtige Culk-Liebeslied", was in dem Fall heißt: die Beziehung, die es beleuchtet, ist mal kein übergriffiges Trauma, sondern tatsächliches Verknalltsein und Schwelgen. Die warmen Gefühle an diese Person sind zugleich eng mit den Bildern des dampfenden Asphalts und der Häuserwände verbunden.

An solchen grauen Wänden und Straßen kriechen die Instrumente auf dem Album entlang, nun noch roher und trockener als zuvor. Dass aus dem verträumten Post-Punk auch mal Punk wie in "Willkommen In Der Stadt" ausbricht, ist eine nette Abwechslung. Man merkt aber: Der Fokus auf Atmosphäre und große Räume war immer eine Stärke der Band, die hier manchmal fehlt. Die zurückhaltenden Momente wirkten früher besonders beklemmend, die lauten Momenten dafür übermächtig. Nun liegt das meiste im Mittelfeld und wirkt weniger intensiv, auch die Melodien klingen dadurch beliebiger.

Ohne riesige Hallwände bleiben Drums und Bass nun dumpf und trocken. Johannes Blindhofer erforscht an der Gitarre immer noch verschiedene, stückelige Texturen und das passt in einigen Momenten gut zum industriellen Gefühl der Stadt, zum Bohren der Maschinen, zum Flackern der Lichter, zum Getrampel von Millionen Füßen. Die Bridge in "7. Stock", in der die Gitarre mit flatterndem Tremolo-Effekt hereinkommt, ist einer dieser besonderen Momente, in der sich Text und Produktion perfekt ergänzen.

Insgesamt hätte man die Songs atmosphärischer produzieren können. Sie sind zwar immer noch dynamisch geschrieben und erreichen immer wieder Höhepunkte, aber diese hätten monumentaler wirken können. Die Wiener wollten jedoch einen roheren, bandorientierteren Ansatz. Noise-Rock-Bands wie Sonic Youth, Unwound oder Julie nennen sie als Inspirationen. Zur Ästhetik letzterer passt auch der visuelle Switch von satten Fotografien zu einem Graphic-Novel-Stil, immer noch in nächtlichem Blau gehalten.

Das Abtauchen in Culks Welt lohnt sich dennoch, insbesondere aufgrund von Sophie Löws Texten. Das Gefühl "zwischen Freiheit fühlen und lost sein" wollte sie auf "Smogstar" einfangen. Der Closer "Das Schillern" demonstriert mit am besten, wie meisterhaft sie das beherrscht. Es ist eine für sie fast schon typische Geschichte: Das Ich steht im Schatten einer lauteren, bevormundenden Person verdeckt, möglicherweise in einer Beziehung mit patriarchalen Machtverhältnissen. "Du warst die Frage und Antwort und bist die Stille." Doch sie lässt sich nicht beirren und weiß mittlerweile, ihre eigene Kraft auszudrücken und zu bewahren: "Du bleibst mein fremdes Vorwort und ich meine Stimme." Es schillert durch den Smog.

Trackliste

  1. 1. Kaputte Speaker
  2. 2. 7. Stock
  3. 3. Im Strom
  4. 4. Twenty, Eighteen
  5. 5. Weiß Nur Wer Ich Nicht Bin
  6. 6. Willkommen In Der Stadt
  7. 7. Siren
  8. 8. Die Welt In Kreisen
  9. 9. Nordwind
  10. 10. Das Schillern

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