laut.de-Kritik
Düsteres Konzeptalbum vor den verschlossenen Pforten des Paradieses.
Review von Rinko Heidrich"Ich ging nach Hause und fühlte mich schuldig, ständig in der Angst, dass ab nun etwas Schlimmes passieren könnte", beschreibt Campino das Gefühl, als er aus der Kirche austrat. Das Elternhaus war religiös geprägt, der Vater Richter und zudem Presbyter in der evangelischen Kirche. Man könnte auch sagen: der perfekte Nährboden für rebellisches Verhalten gegenüber einer Autorität, deren nahbarste Personifizierung natürlich die Eltern waren, und als noch dogmatischere Ausführung die Religion. Ein Klassiker, in kaum einer anderen Institution gibt es so viele Dogmen und damit eine so perfekte Angriffsfläche.
Schon 1983 gab es einen bewusst inszenierten Mini-Skandal, als die Toten Hosen eine bayerische Kirche als Schauplatz für ihr aus heutiger Sicht sehr albernes, aber nicht wirklich bösartiges "Eisgekühlter Bommerlunder"-Musikvideo nutzten. Die Kirche wurde danach trotzdem noch einmal neu geweiht, während der Song auf keiner Party mehr fehlen durfte. Die achtziger Jahre waren vor allem von Exzess geprägt, die ständige Alkohol-Verherrlichung eine perfekte Provokation gegenüber der ernsten Leistungsgesellschaft mit ihrem Fokus auf Fleiß und Ordnung.
Es war lustig, bis es eben nicht mehr lustig war. Die Neunziger starteten noch mit der Euphorie des Mauerfalls, aber schon bald gab es rassistische Exzesse wie in Rostock oder Solingen. Auch die Toten Hosen waren keine krawalligen Kids mehr, der jahrelange Exzess hinterließ Spuren, zudem waren bereits erste Schicksalsschläge zu verarbeiten.
Erste Anzeichen für einen erwachseneren Sound gab es schon auf "All Die Ganzen Jahren" (Auf dem "Kreuzzug ins Glück") und "Wünsch Dir Was" ("Kauf Mich!"), aber der junge Punk Andreas Frege hätte ein solches Angebot vermutlich abgelehnt: Campino dagegen folgte 1995 einer Einladung, eine Klausurwoche im Benediktinerkloster Königsmünster in Meschede zu verbringen. Geordnete Tagesabläufe mit Gebet, Arbeit und Ruhe klangen wie das absolute Gegenteil der Punk-Idee, übten aber gerade deshalb eine Faszination aus. Ruhe und Isolation boten eine perfekte Umgebung, um Texte zu finden, und einen Reiz, sich auf diese neue Erfahrung einzulassen, statt alles aus einer ständigen Anti-Haltung heraus zu beschreiben.
Sein Vorurteil, das Ordensleben sei streng und humorlos, legt er in diesen Tagen zur Seite; es bleibt Faszination, aber eben auch weiterhin Unverständnis. Doch nicht nur die Kirche im Speziellen, auch andere Formen der Indoktrination stehen auf "Opium Fürs Volk" zur Disposition. Den religiöse Themenkomplex behandelt "Die Zehn Gebote". Gott erscheint hier nicht als allmächtige Kraft, sondern als eine Art verzweifelte Autoritätsperson, deren Schöpfung sich Tag für Tag nicht an seine Gebote hält, sogar seinen einzigen Sohn opfert und trotz Glaubensbekenntnis immer wieder aufs Neue versagt. Nicht nur die Kirche an sich wird plump kritisiert, ebenso die fanatischen Heuchler, die ihrerseits die zehn Gebote eben gar nicht befolgen. Nicht der Glaube an sich ist komplett falsch, sondern sein Missbrauch und die Spaltung, die er stiftet.
Auch "Paradies" befasst sich mit den Druckmitteln von Religionen und Ideologien, die ausgrenzen und bestrafen, wenn man sich ihren Regeln widersetzt. Klar ist auch, dass die Kirche auf "Opium Fürs Volk" nicht als Hort der Nächstenliebe verstanden wird. Es ist ein Ort, der auf Misstrauen gegeneinander setzt, auf Überwachung und Repressalien – ein Bild, das sich genauso gut auf andere Ideologien übertragen lässt. "Opium des Volkes", wie es in Karl Marx' bekanntem Diktum heißt, kritisiert dabei auch die selbstverschuldete Unmündigkeit: Religion als Erfindung des Menschen, der sich in Existenz- und Sinnfragen selbst betäubt. Eine andere Art der Betäubung bleibt natürlich der von den Hosen lange verklärte Alkoholrausch. Auf der B-Seite zu "Nichts Bleibt Für Die Ewigkeit" wird in "Alkohol" der Weg in Abwärtsspirale und Sucht nachgezeichnet: eine Frau, die den ganzen Tag unbemerkt schuftet und sich abends wie ferngesteuert zur Flasche im Küchenschrank bewegt.
Selbst das nervige Reggae-Punk-Stück "Zehn Kleine Jägermeister" geht mit dem eigenen Image als Trinker-Hymnen-Band auf sarkastische Weise um: Zu Beginn des Songs fragt der Journalist den Gitarristen Andi Meurer, ob es die Band nicht langsam selbst nerve, jeden Abend dieselben Sauflieder zu singen, worauf der Bassist entgegnet, dass sie so etwas schon länger nicht mehr schreiben und ein Lied wie "Eisgekühlter Bommerlunder" bei der düsteren Weltlage ohnehin nicht mehr passe. Dass danach trotzdem ein Song folgt, der wirklich alle Klischees eines Saufliedes bedient und zugleich persifliert, ist eine dann doch lustige Schlusspointe eines ernsten Albums.
Ausgerechnet der zugänglichste und schwächste Song des Albums stieg auf Platz eins der Charts ein - weil Deutsche nun mal alles mit Saufen im Titel besonders gerne mögen. Eine fast tragische Pointe, wenn man bedenkt, dass die Hosen mit "Nichts Bleibt Für die Ewigkeit" einen so viel dunkleren Song als Vorboten des Albums ausgekoppelt hatten. Die Band hatte zu dem Zeitpunkt zum Glück schon ihr eigenes Label JKP gegründet, sonst wäre dieses harte, schnelle Punklied wohl kaum als erste Single veröffentlicht worden. Auch dieser Song verhandelt die Arbeiten-und-Beten-Thematik von "Opium Fürs Volk": Menschen, die ihre wertvollen Stunden in einem ewigen Rattenrennen des Kapitalismus vergeuden. Genau wie auf den gläubigen Menschen irgendwann ein Paradies wartet, wartet hier irgendwann doch noch eine mögliche Beförderung als Lockmittel, während in Wirklichkeit die Zeit einfach sinnlos verstreicht. In dieser paranoiden Gemengelage aus Existenzfragen und Desillusion wird selbst ein Song über "Die Fliege" zum kafkaesken Bodyhorror, in dem das nervige Krabbelwesen in den Körper eindringt und seinem Wirt das Leben zur Hölle macht. So gesehen waren die zehn kleinen Jägermeister tatsächlich das letzte bisschen abgründige Freude auf dem düstersten Album der Toten Hosen.
Ein böser Streich des Schicksals, der auf gespenstische Weise die Ambivalenz von Leben und Tod fortsetzte, war das Schicksal von Rieke Lax. Das 16-jährige Mädchen aus den Niederlanden besuchte das 1000. Konzert der Hosen am 28. Juni 1997 im Düsseldorfer Rheinstadion. Was als großer Karrierehöhepunkt geplant war, wurde zum Albtraum: In einem Gedränge vor der Bühne kam Rieke Lax, die sich extra früh angestellt hatte, ums Leben. Dieses Unglück wird 1998 im Song "Alles Ist Eins" (B-Seite von "Pushed Again") verarbeitet und noch einmal auf dem aktuellen, finalen Album aufgegriffen in der Zeile "Nur ein Konzert endete stumm / Seitdem steht Rieke immer ganz nah neben uns" Bassist Andreas Meurer beschrieb später, wie man durch das Unglück ein Stück Naivität verlot und sich der eigenen Verantwortung bewusst wurde. Erschreckend, wie sich all die Themen von "Opium Fürs Volk", das sich genau dieser Dualität von Rausch und Ernüchterung widmete, in diesem einen Moment bündelten.
"Opium Fürs Volk" hatte vom ersten Song an behauptet, dass der Mensch sich seine Betäubungsmittel selbst aussucht: Glaube, Alkohol, das ewige Rattenrennen. Rieke Lax' Tod ist der Punkt, an dem all diese Betäubung versagt. Kein Rausch, kein Gebet macht diesen Verlust erträglich, keine Ideologie erklärt ihn weg. Vielleicht ist das die bitterste und ehrlichste Pointe eines Albums, das so viel über Selbstbetäubung nachdachte: Manche Dinge lassen sich nicht wegtrinken, nicht weglassen. Man trägt sie einfach mit, genau wie die Freundschaft. Die Hosen wussten immer um dieses Fundament, das sie auch durch schwere Zeiten trug und mehr Kraft als jede Religion gab.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


8 Kommentare mit 7 Antworten
Neeeeee, die ist auf keinen Fall gut gealtert. Klang garantiert damals schon so needy und angestrengt wie sie für mich heute klingt.
irgendjemand hat im zuge des letzten hosen albums geschrieben, dass farin jederzeit ein typisches tote hosen lied schreiben könnte während campino nicht in der lage wäre auch nur 1 ärzte/farin song vorzulegen.
die fliege, eins meiner liebsten hosen lieder, kann farin nicht schreiben. diese 1:52 körperlicher schmerz, um psychischen schmerz auszudrücken... das kann farin nicht. tatsächlich ist die fliege das einzige lied, das ich mit einem gedicht verknüpfe bzw das mich an ein gedicht erinnert. i felt a funeral in my brain von emily dickinson
bö(h)ser wolf hingegen hätte auch jederzeit auf einem skinhead/deutschrock album stattfinden können
Als ob Skinhead Bands wissen, was eine Metapher ist
Der Eindruck kommt vor allem daher, dass sich das liest wie ein "schlauer" Onkelztext. Verstehe den Take, du spielst ja schon direkt drauf an.
Ne Leute echt nicht. Wenn die Onkelz sich an dem Thema versuchen kommt dabei so ein Müll wie "Viel zu jung" raus
mglw kenne ich lieder über dieses thema nur von oi/deutschrock bands und assoziiere das deswegen so. den punkt gebe ich dir. von wir hassen kinderschänder sind wir tatsächlich entfernt
Naja, "Böser Wolf" nimmt eher die Perspektive des Opfer ein, ohne in plattes Parolengeschreie wie "Todesstrafe für Kinderschänder" abzudriften. "Viel zu jung" von den Onkelz macht das zwar auch nicht, klingt aber durch den Vortrag und die Musik, über die der Text gesungen wird komplett ekelhaft und creepy.
Sicherlich eine der Platten, die aus dem Hosen Katalog etwas herausragt, aber gleich nen Meilenstein draus zu machen... i dont no.
Meilenstein geht klar, auch wenn bereits damals nicht jede Idee, wie zB "XTC" gezündet hat. Das Album stellt auf jeden Fall eine Art Monolith in der Hosen-Diskographie dar. Nach der dilettantischen Anfangsphase, die mit der ersten Live-Platte abgeschlossen war. Die anschließende Phase von Horrorschau bis Kauf Mich war dann vom endgültigen Durchbruch geprägt, in der sich die Strukturen festigten, und die Band in musikalischer Hinsicht einige Sprünge nach vorne machte. Die "Opium" steht mE als Übergang zwischen dieser Phase und dem eher seichten Spätwerk, das mit der "Unsterblich" seinen Anfang nahm.
Hübsche Rezension - wenngleich ich das Narrativ, Die Toten Hosen seien erst ab den 90ern ernsthafter geworden, etwas merkwürdig finde. "Ein kleines bisschen Horrorshow" (Meiner Meinung nach ihr allerbestes Album!) war durchweg ernst, "Unter falscher Flagge" ist auch recht düster und auch "Damenwahl" und "Opel-Gang" sind kein "Eisgekühlter Bommerlund" auf Albumlänge.
Ach ja: Die "Euphorie des Mauerfalls" hat die Band schon mit "Alles wird gut", "Wünsch DIR was" und dem nicht veröffentlichten "Wir funken SOS" kommentiert. Die Band ist per Fahrrad durch die untergehende DDR gereist und hat früh gesehen, was andere ewig nicht wahrhaben wollten.
"Opium fürs Volk" und das davon nicht zu trennende 1000. Konzert ist für mich das Ende ihrer zweiten Phase, die mit "Horrorshow" begann. Campino sagte mal, dass der Nachfolger so düster ausgesehen hätte, dass er viele Ideen verworfen hat. Nach "Wir warten aufs Christkind" hat er sich für "Unsterblich" dann nicht zufällig Funny van Dannen mit ins Boot geholt und auch Frank Zs (RIP) "Sonntag im Zoo" gecovert, was trotz dessen Hang zur Misantrophie das Album dennoch auflockert.
Die letzte der vier Phasen begann dann mit "Ballast der Republik", die stark von Nostalgie geprägt war und in der der Einfluss Marterias (und am Ende Koljahs) auf die Texte schon deutlich wurde. Vieles ist gelungen, einiges aber auch sehr betont verspielt. Mir haben Campinos eigene Texte am Ende immer besser gefallen. Am Ende sind es nicht nur die perfekten Reime, die Menschen berühren.
Erst vor einer Woche an dieses Album gedacht und gehofft, dass ihr dazu mal nen Meilenstein macht, wie kann das real sein