laut.de-Kritik

Wo Disco draufsteht, ist bittersüße Afterhour drin.

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Das vierte Soloalbum des Briten wurde laut eigenen Aussagen hauptsächlich von LCD Soundsystem, respektive ihrer fröhlichen Liveshows inspiriert. Erwartet uns also Dance-Punk mit Rockeinflüssen auf elektronischem Nährboden? Um es vorweg zu nehmen: Nein, genauso wenig sollte man sich überhaupt auf Tanzbares einstellen, denn bei "Kiss All The Time. Disco, Occasionally." liegt die Betonung eindeutig auf dem zweiten Teil des Titel. Harry Styles intoniert eher eine melancholische Afterhour zu lauen Frühlingsnächten, getränkt in schwarzblauen Tönen.

Was nichts Negatives bedeuten soll. Harry möchte Musik machen, die er auch fühlt, an der er Spaß hat und sich nicht seltsam distanziert fühlt wie ein DJ, der nur noch für sein Publikum auflegt und nicht aus intrinsischem Interesse. Ebenjenes verarbeitet er in "Dance No More", einem kantig-coolen Funk, der entfernt an Prince erinnert und mit einem Chor eine sehr lebhafte Note erhält.

Beim vorliegenden Werk stellt er abermals seine sensible Seite zur Schau, singt die meiste Zeit entrückt, stets eine gewisse Trauer in sich tragend. Entsprechend schwoft man gedankenverloren auf sich langsam entleerenden Dancefloors und springt kopfüber ins Becken schwelender Sehnsüchte.

Das fünfminütige, einnehmende "Aperture" eröffnet den Reigen mit perlenden Synths, sich langsam aufbauenden Minimal-Beats samt tiefer Bässe. Die namensgebende Kamerablende fungiert als treffende Metapher, die Licht hereinlässt, analog zu den Erkenntnissen, die man im Leben dazu erhält. Das darauffolgende "American Girls" erzählt davon, wie seine besten Freunde alle sesshaft werden und heiraten, während er Single bleibt. Passend dazu tropft das Piano.

Das ehemalige Boyband-Mitglied gibt intime Momente preis beim interessanten "Are You Listening Yet?", wenn sich opake Strophen, inklusive Backgroundvocals, mit einem druckvollen Refrain abwechseln. Er setzt sich mit sich auseinander und ermahnt, man solle auf die Signale des Körpers hören, vor allem die emotionalen. Verschrobenen, gut ausbalancierten Dance-Pop gibt es in "Pop", bei dem er sich von der selbstbewussten Seite zeigt.

"Kiss All The Time. Disco, Occasionally." verliert zuweilen seine Gravitas. Der Electro-Pop "Taste Back" bleibt unscheinbar sowie leicht überzuckert, wobei ihn seine Ex-Partnerin anscheinend vermisst: "Must be lonely out in Paris if you talk like that / It was tough with the time, but you called me back / And you know that you can tell me, I can take that / Did you get your taste back? Or do you just need a little love?". Der fluffige Indie-Folk-Pop "The Waiting Game" schwebt harmlos am Gehör vorbei.

"Season 2 Weight Loss" geht zu viel Gewicht durch repetitive Lyrics und einem mediokren Gesamteindruck abhanden. Die redundante Britpop-Ballade "Paint By Numbers" hätte auch von Robbie Williams stammen können.

Trotz der kleinen Durchhänger im Mittelfeld wiegen die emotionalen Spitzen so schwer, dass man Harry diese Beliebigkeit gerne verzeiht. "Ready, Steady, Go!" perfektioniert den mid-2010er Indie-Electronica mit infektiöser Bassline, iterierendem Outro sowie frenetischen Klavier-Kaskaden. Simpel, effektiv und ein Paradebeispiel eines FIFA 15 Soundtrack-Songs. Der elegante Schlussakt "Carla's Song" punktet mit harmonischen Überlagerungen aller Ton- und Gesangsspuren. Ein toller, sich sukzessiv steigernder Synth-Pop.

Sofort verliebt habe ich mich in "Coming Up Roses". Seit langem habe ich nicht mehr so einem pittoresken Kleinod lauschen dürfen. Romantischer Barock-Pop, der lediglich auf gezupften sowie raumgreifenden Streichern fußt. Bittersüß und lieblich, kreiert er eine cineastische Großtat der Wehmut und sollte unter Film-Montagen laufen, wenn der Protagonist in Reminiszenzen an seine Liebschaft abschweift, während er einsam auf die Nachtlichter der Metropole blickt:

"Just for tonight, let's go hangover chasing / And I'll talk your ear off about why it's safe / As I fumble my words and fall flat on my face through the truth / Just say the word and we'll take up the test / Where we flirt with the bad ones and skip all the rest / But we see out the night with your head on my chest, me and you".

"Kiss All The Time. Disco, Occasionally." zementiert weiterhin den guten Ruf Harry Styles', der ein insgesamt feinsinniges Pop-Album seinem Soundkosmos hinzufügt ohne viel Aufhebens: Ruhig, reserviert, pointiert. Produzent Kid Harpoon darf man ebenfalls beglückwünschen, der u.a. den Kings Of Leon neues Leben einhauchte und ihm hier wohklingende Melodien spendiert.

Trackliste

  1. 1. Aperture
  2. 2. American Girls
  3. 3. Ready, Steady, Go!
  4. 4. Are You Listening Yet?
  5. 5. Taste Back
  6. 6. The Waiting Game
  7. 7. Season 2 Weight Loss
  8. 8. Coming Up Roses
  9. 9. Pop
  10. 10. Dance No More
  11. 11. Paint By Numbers
  12. 12. Carla's Song

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