laut.de-Kritik
Das innere Vakuum in schmerzvoller Schönheit ausgestellt.
Review von Johannes JimenoNur wer eine solch loyale, leidenschaftliche Gefolgschaft in seinem Rücken weiß, kommt mit einem Albumtitel durch wie "Piss In The Wind". Jede Vorabsingle wird abgöttisch gefeiert und Joji zum Messias erhoben, der verletzte Seelen tröstend in den Arm nimmt. Endlich versorgt er seine Fans mit elegischen Fragmenten, damit sie sich verstanden fühlen. Es besteht jedoch eine feine Linie zwischen einem viel umjubelten Sadboy und einem kitschigen Edgelord. Wie steht es beim vorliegenden Longplayer, der nicht wie üblich von 88rising gepublished wird?
Joji serviert 21 "Songs", die gerade einmal 45 Minuten erreichen. Viele davon bleiben unter 120 Sekunden, enden abrupt oder dienen als aufgehübschtes Interlude. Ein Zeichen unserer Zeit, jedoch nutzt er diese kurzen Intervalle meistens gewinnbringend und formuliert sie formschön aus. Durch dieses musikalische Korsett verlangt er indes, dass man sich mit seiner kryptischen Lyrik stärker auseinandersetzt, um Interpretationen zu ermöglichen.
"Piss In The Wind" erbaut ein Manifest aus unerfüllter Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Wehmut, Trauer, Verletzlichkeit und vor allem radikale Resignation. Joji legt hier eine entfesselnde Ehrlichkeit zugrunde, dass er Nähe mit Erschöpfung assoziert und Liebe eher Schutz vor der Welt bedeutet als tatsächliche Belebung. Gefühle investieren, sich öffnen, hoffen, und am Ende ändert sich nichts. Beziehungen scheitern, Erfolg fühlt sich leer an, Nähe bleibt flüchtig. Am Ende kämpft er mit Orientierungslosigkeit, Gedankenschleifen und einer Last ohne Erlösung. Klingt maximal schwermütig, doch er verpackt es in gut verdaulichen Portionen.
Der grandiose Opener "Pixelated Kisses" kokettiert mit gecrunchtem, bratzigem Bässen, während unser Protagonist über eine ermüdende Fernbeziehung lamentiert. "Love You Less" erzählt von ungleicher Liebe sowie Abhängigkeit im Kleid aus schlurfendem Indie-Pop samt hallender Gitarren. Die ziehen sich auch durch den Folktronica "If It Only Gets Better".
Generell lässt sich konstatieren, dass Joji im Bereich des poppigen Lo-fi verharrt, obgleich er den Fächer ausbreitet und ein interessantes Klangbild liefert. Astreiner Neo-R'n'B mit Giveon als exzellentem Feature in "Piece Of You", sanfter Ambient-Synthwave in "Hotel California". Industriell anmutende Loops mit pittoreskem Chillwave im Outro bei "Forehead Touch The Ground", Distortion und Upbeat in "Sojourn". Verträumter Drum'n'Bass in "Last Of A Dying Breed" und eine Trap-Ballade mit Don Toliver auf "Fragments".
Zwei Songs zeugen von Jojis Talent, wie wenig es benötigt, seine innere Marter nachfühlen zu können. Im schüchternen "Can't See Sh*t In The Club" croont er wehmütig, verträumt und fragil über diverse Projektionsflächen, offeriert persönliche Themen wie Selbsttäuschung oder emotionale Desorientierung. Im sinistren "Horses To Water", flankiert von Piano und Flöte, parliert er beinahe bedrohlich über erreichte Erfolge, die ihm versprochen wurden, aber nicht erfüllen. Er fühlt sich angeödet: "Keep it on my shoulder and I feel it every day / Carried on my back and it's all in the legs / They say the water's different, but it all tastes the same". Mehr ein nüchternes Feststellen als ein Klagen.
An einer Stelle übertreibt er es dann doch: "Past Won't Leave My Bed" rutscht als Power-Ballade auf seinem eigenen Schleim aus, eine schnulzige Variante von "Glimpse Of Us" - das hätte nun nicht sein müssen. Genauso wie Yeat in "Rose Colored", ein schräger Auftritt, textlich wie phonetisch mit zu viel Autotune.
Sei's drum: "Piss In The Wind" ist ein starkes, melancholisches Winteralbum, das mit liebreizender Tristesse nicht nur tröstet, sondern auch konsequent sein inneres Vakuum ausstellt. Ihm gelingt es, tonal stimmig zu bleiben, ohne sich in bloßer Larmoyanz zu verlieren.


1 Kommentar
"Sei's drum: "Piss In The Wind" ist ein starkes, melancholisches Winteralbum, das mit liebreizender Tristesse nicht nur tröstet, sondern auch konsequent sein inneres Vakuum ausstellt."
Der Winter mit seinen lichttechnischen Herausforderungen setzt mir auch immer mehr zu. Ich hab' mir jetzt so ne' Anti-Depressions-Lampe gekauft, die passt perfekt in die Vorratskammer, wenn wieder Sommer ist - Festivalsaison, ich grüße Dich schon mal. Wo war ich? Achja, was mich halt nervt, ist, dass viele Termine leider über den Winter liegen, auch. Tabletten nehme ich nicht so gerne, weil die ungesund sind und nicht in den Diätplan passen, außerdem kotze ich davon regelmäßig. Ich wollt' jetzt demnächst mal meine Mitmenschen in sämtlichen Kontexten darüber informieren, dass ich mutmaßlich depressiv bin. Ich bin jetzt nicht so der Typ, der möchte, dass viel Rücksicht genommen wird, aber vielleicht erkennen sich auch die Anderen hier irgendwie wieder und wir können insgesamt etwas dadurch verbessern, das fänd' ich schön. Dann hätte das Alles was gutes. Was haltet Ihr denn von dieser Idee?