laut.de-Kritik
Sterben lernen mit Kraftklub.
Review von Elias RaatzKraftklub haben lange in ihrer selbstgebauten Indie-Rock-Komfortzone gehaust – eigentlich bequem genug, um sich darin endgültig einzurichten. Doch jetzt kommt ein Album, das mehr wagt als gewohnt: textlich tiefgründiger, thematisch mutiger, während die Band musikalisch ihrer eigenen Formel treu bleibt. Ein Kraftklub-Song klingt (meistens) immer noch wie ein Kraftklub-Song. Manchmal ist das nur solide, manchmal ganz gut, manchmal langweilig – und manchmal, wie auf dieser Platte, überraschend stimmig. Nicht, weil sie sich neu erfinden, sondern weil sie gelernt haben, ihren eigenen Kosmos auszuleuchten.
"Sterben in Karl-Marx-Stadt" ist kein Quantensprung. Aber man spürt das Wachstum: reifer, ernster, stellenweise fast herzzerreißend. Doch trotzdem noch so rotzfrech, ironisch und tanzbar, dass man sich fragt, wie Frontmann Felix Kummer gleichzeitig über Tod, Abschied und Vergänglichkeit singen und dabei mit seiner Band die volle Live-Eskalationsgarantie einhalten kann. Musikalisch bleibt vieles beim Bewährten: vertraute Gitarrenriffs und hymnische Refrains, die jede Indie-Disco schon mal erlebt hat. Das Album ist ausgesprochen stark, aber Varianz bleibt hier nur Beilage, nie Hauptgericht. Doch im Storytelling, im Songwriting, bei den Features? Da schmeckt’s auf jeden Fall – und wie.
"Sterben In Karl-Marx-Stadt" startet mit dem Track "Unsterblich Sein (*)" (feat. Domiziana), der in gewohnter Kraftklub-Manier sofort im Ohr bleibt: melodisch, elektrolastig, druckvoll – und dann sitzt da Domiziana zwischen den Kummer-Zeilen wie ein Fremdkörper, der überraschend perfekt hineinpasst. Eine Strophe, die das Setting kippt, ohne das Gefüge zu sprengen. "Was würd‘ ich geben für noch mehr Zeit? Für noch ein Leben nur mit dir allein?" Starke Ansage zum Einstieg und ein ganz guter Song, der als das Album umschließende Klammer am Ende nochmals stimmig aufgegriffen wird.
Weiter geht's mit "Marlboro Mann", einem der emotionalsten Songs des Albums. Ruhig, aber dynamisch, ein textliches Brett über Durchhalten, Scheitern, Weitermachen und die Erkenntnis des eigenen Fortschritts – ein Album-Highlight. Selten klang Kraftklub so verletzlich, so ehrlich, so wenig ironisch gebrochen: "Auch wenn es Abfuck ist und schwer. Auch wenn es Kraft kostet, so sehr. Auch wenn du das nicht mal bemerkst. Wir haben es geschafft schon bis hierher."
Wer dachte, es könne nicht noch intensiver werden, wird bei "All Die Schönen Worte" (feat. Faber) eines Besseren belehrt. Ein Song über all das, was man nicht mehr sagen kann, wenn es schon zu spät ist – was oft viel zu früh passiert: "Ich hätte nie gedacht, dass ich heute sterben muss [...]. Ich dachte ich hätte noch ewig Zeit, ich hab doch noch mein ganzes Leben Zeit." Faber klingt anschließend, als sei er für genau diesen Song geboren worden: brüchig, dramatisch, glaubwürdig: "All die Worte, nie gesagt, jetzt bin ich fort, nehm sie mit ins Grab." Wenn dann der Chor einsetzt und Faber seine Stimme gänzlich aufreißt, wird’s gar monumental. Ein musikalischer Kontrast zum klassischen Kraftklub-Sound, ein immens starkes Stück.
Nach diesen schwereren Songs kommt mit "Wenn Ich Tot Bin, Fang Ich Wieder An" ein dringend benötigtes Mood-Swing-Stück: Uptempo, bekannter Sound, typische Haltung. "Wenn ich tot bin, fang ich wieder an mit Rauchen, dann wird drei Tage lang geraved" – purer Kraftklub-Humor, eine kleine emotionale Entlastung. Gleich danach zeigt "Fallen In Liebe" (feat. Nina Chuba), wie gut das Album kleine Stilverschiebungen einbaut. Der rockige Refrain zündet im Zusammenspiel beider Gesangsstimmen sofort, Nina Chubas Strophe öffnet die Soundästhetik auf unerwartete Weise.
"Schief In Jedem Chor" war vor einiger Zeit bereits omnipräsent: Festival-Cameos, Spontankonzerte, ZDF Magazin Royale – kaum jemand kam drum herum. Textlich dünn, musikalisch klassisch Kraftklub, durch die Stadionchor-Ästhetik extrem effektiv. Crowd-Pleaser, fertig. Mit "So Rechts" kehrt die Band zurück zu bissigem, politisch kommentierendem Rap: "Aber du kannst nichts dagegen tun: Irgendwann wirst du rechts. So rechts. Aber bitte nehmt mir vorher mein Handy weg" – sitzt, punktet, und Kummers Rap-Part ist überzeugend stabil.
"Halts Maul Und Spiel" dreht den Meta-Regler auf Maximum: Dreckig, wild, ausdrucksstark, ein schlitzohriger Track über das Publikum, über Erwartungen, über Live-Kultur. Energiegeladen wie selten. Und da schwingt eine gehörige Portion Punk mit. Klar, Punk bleibt trotzdem tot, aber der Song überrascht trotzdem positiv und treibt einen wie von allein auf den Dancefloor, um sich die Seele aus dem Leib zu tanzen. Eine überaus gelungene Abwechslung.
Noch mehr Kontrast liefert "Zeit Aus Dem Fenster" (feat. Deichkind), ein Techno-Indie-Rock-Psycho-Experiment, bei dem Deichkind den Refrain in eine kleine Rave-Ekstase verwandeln. Man fühlt sich zeitweise, wie es Kummer zu Beginn singt: "Auf einer Handvoll Pilzen im Dschungel." Muss man definitiv nicht mögen, doch auch diese Abwechslung tut dem Album gut.
"Kippenautomat" und "Ein Letztes Mal" liefern dann wieder das solide Kraftklub-Handwerk: Brot-und-Butter-Sound, gutes Songwriting, keine Ausfälle, aber wenig Neues. Den finalen Schlusspunkt setzt die konzeptionelle Klammer "Unsterblich Sein (†)" (feat. Domiziana). Dieselben Worte wie im Opener – aber musikalisch melancholisch, reflektiert, traurig, resigniert. Symbolisch stark, emotional packend. Der Kreis schließt sich, aber ohne Happy End. Gute Kunst.
Fast die Hälfte der zwölf Songs dreht sich direkt um Tod, Abschied, Vergänglichkeit – und selten klang Kraftklub so verletzlich, so reif. Gleichzeitig geht es um Feiern, Rave, Liebe, Trotz, Widerstand, neben dem Sterben eben auch um das Leben in Karl-Marx-Stadt, mit all dem Staub, der Zeit, der Jugend und dem Erwachsenwerden, das die Band seit Jahren begleitet. Kummer muss dafür längst kein Soloalbum mehr schreiben. "Schüsse in die Luft" und trotzdem "Es tut wieder weh"? Notfalls eben gleichzeitig. Genau hier entsteht großes Gefühl im sonst eher kleinen Kraftklub-Kosmos.
"Sterben in Karl-Marx-Stadt" ist das bisher erwachsenste, emotionalste und vielseitigste Kraftklub-Album. Musikalisch bleiben sie sich selbst größtenteils treu, aber textlich und dramaturgisch legen sie ein Level hin, das überraschen kann, weil man es ihnen kaum zugetraut hätte – nur sind sie nicht mutig genug, ihr zurechtgezurrtes Klangkorsett bis auf wenige teils herausragende Ausnahmen wirklich zu sprengen. Diese Platte ist stark, ehrlich, relevant, tanzbar. Kraftklub müssen vielleicht gar nicht unsterblich sein. Es reicht, wenn sie so weitermachen.


7 Kommentare mit 9 Antworten
Oh, wow! Das Leben als Fließband, auf dem Highlight nach Highlight aus der Black Box auf dich zu gerollt kommt und alles, was es dafür braucht, ist die gleiche kindlich-naive Begeisterungsfähigkeit, die Elias Raatz für ein neues KraftKlub-Konglomerat aufbringt? Vielen Dank, es kotzt mich an!
"Kraftklub müssen vielleicht gar nicht unsterblich sein. Es reicht, wenn sie so weitermachen."
Ja, ich mag diesen um sich greifenden Perfektionismus auch überhaupt nicht. Ständig muss alles perfekt geschliffen, abgerundet, un-kantig (im Holz-Sinne) und perfekt beendet sein. Ich versteife mich da dann gerne auf das "tanzbar-ironische", die ständige Unernsthaftigkeit bei gleichzeitig gespielt und nicht gespielter Unfähigkeit. Es gibt nichts Schöneres, als keine Bedeutung zu haben.
Joa, ist was man und am besten schon in seinem ersten Semester gefeiert hat.
Der Vorgänger hatte die größeren Hits, dafür hatten sie seit dem Debüt nicht mehr so eine hohe Qualitätsdichte mit wenigen Ausfällen.
Wundert mich, dass das Album so gut bewertet wird. Ich finds leider eher mau. Ja, Konzept und Themen hin und her. Aber beispielsweise KIZ haben es auf Görlitzer Park besser hinbekommen. Und Kargo war als Vorgänger auch deutlich direkter, textlich besser und nicht unnötig verkompliziert, um
ernst und tiefgründig zu wirken. Auch fehlt mir ein wenig die musikalische Power. Die Features kicken auch nicht so ganz bzw. sind keine wirklichen Bereicherungen. Ja, das Album
will für etwas stehen und auch wichtig sein und das wird auch versucht. Aber iwie ists leider relativ nichts wirklich aussagend geworden…. Wenige Ausnahmen gibt es.
Hat für mich nichts mehr mit Punk zu tun.
Hatte es nie
Ich habe den Hype um die Band nie verstanden. Textlich und musikalisch höchsten mittelmäßig. Vielleicht mag die Journaille die Haltung der Jungs und gibt dann grundsätzlich 2 Sterne mehr als verdient. Dazu dann der Ossibonus, macht zusammen 4 Sterne statt 1.
Ich will nicht nach Berlin war damals halt schon 1 Banger, der halt auch zum Zeitgeist gepasst hat, und Songs für Liam war auch nicht ohne Grund ein Hit. Würde ich keinesfalls mit ttelmäßig nennen. Das von denen alles halt sonst auch sehr gleichförmig und damit m.E. Langweilig ist, geschenkt. Mag die auch nicht, deren Eltern waren wesentlich spannender.
Ein Nachbar von mir hatte mal ganz interessant den Sperrmüll rausgestellt, sah aus wie abstrakte Kunst. Fand das so genial, dass ich ihm das gleich gesteckt habe. Seit dem grüßt er mich jedes mal. Das hab' ich jetzt davon - selbst Schuld ich Idiot.
Klar die Band hatte halt ein paar Hits, aber halt auch jede Menge belangloses Zeug. War halt mal was anderes, ist aber halt auch alles nur mittelmäßig. Ist halt besser als vieles was sonst so ist, aber halt auch schlechter als vieles was es sonst noch gibt.
Das Album ist sehr gut.
welches?
Wahrscheinlich das unironische "sehr gut".
Vong wem?
wann? wo? ...wie??