laut.de-Kritik
Wo Kreisky ist, da ist auch Cry.
Review von Franz MauererDies hier ist keine ausgewogene, vorgezogene Jubiläumsnotiz – "Kreisky" wird nächstes Jahr 20. Was hätte aus dem Jungen werden können, und nun sieh ihn dir an. Es ist eine Anklageschrift voller Liebe. Die Anklage lautet: Kreisky wurden fad, und das selbstbetitelte Debüt dient als Beweis, dass dies willfährig, hilfsweise fahrlässig, zumindest unnütz, geschah. Damals war das Art-Element noch nicht das Zentrum der Kreiskianer, sondern nur ein Teil einer fiebrigen, grantigen, körperlichen Melange.
Schiefe Akkorde, nervöse Titel, bittere Figuren, absurde Pointen: all das war da. Aber es war eingebettet in Songs, die nach Band klangen, nicht nach Konzept, in richtig gute Songs, deren Haken man vorher nicht absehen konnten. Der Hase hatte schier unendlich Tricks im Fell. Das war Angriff, nicht kuratierte Geste, klang nach Wien, Krach, schlechtem Schlaf und zu wenig Geduld, nicht nach Kunstbetrieb, Soundtrack-Kompetenz oder Feuilletonplattitüden, nach echter Verzweiflung statt elitär gepflegter Misanthropie einer Standard-Kolumne. Gerade deshalb ist dieses Album das entscheidende Beweisstück: Hier hört man, was später Stück für Stück domestiziert, verfeinert, verästelt, erleichtert und damit leider entschärft wurde.
Diese Band ist ja nicht irgendwann unfähig geworden. Im Gegenteil. Noch "Blitz" wurde vielerorts als Meisterstück, gar bestes, komplettestes Werk der Bandgeschichte gefeiert; "Atlantis" bekam (von mir!) Lob für neue Elektronik und Variabilität; selbst noch bei "Adieu Unsterblichkeit" hörte Kollegin Kratochwill viele positive, dunkle Facetten.
Mei, Kreisky sind halt eine gute Band voller leiwander Typen, aber halt "nur" noch im Vergleich zu den ganzen anderen Unterbelichteten. Aber was wollt ihr, wenn ihr Kreisky hören wollt? Eben, "Kreisky"! Alles danach war schon noch im Spektrum des Bandsounds, es fiel nur weniger geil aus, weniger entschieden. Ist das unfair? Geh in Oasch! So waren Kreisky auch mal! Eben darin liegt der Vorwurf. Kreisky konnten weiter schreiben, zuspitzen, gekonnt musizieren. Aber sie setzten ihre Möglichkeiten anders ein: weniger als Gefahr, mehr als Methode; Formbewusstsein um die eigene Trademark ersetzte den tollwütigen Biss.
2018 sagte Franz Adrian Wenzl rückblickend, man habe sich bewusst von der von ihm verächtlich genannten "Schundstufe der Hamburger Schule" absetzen wollen: keine gefühligen, einschläfernden Schrammelsongs, sondern eine "zackige Rockband" mit Anzügen, nach vorne, mit spitzen Gitarren. Eine Musik, die ihre Intelligenz nicht vor sich herträgt, sondern als Waffe benutzt, weil sie sich abarbeitet an einem Gegenwartspop, den sie aufspießen will, was ihr nur gelingt, wenn sie es anders und eben besser macht.
"Probleme Mit Der Fragestellung" ist der ideale Opener: Schon der Titel kündigt jede falsche Höflichkeit auf. Kreisky beantworten die Frage nicht, sie zerlegen sie – genau so muss das Debüt einer Band beginnen, die keiner Familie beitritt, sondern dem Schwiegervater den Tisch an die Birne pfeffert. "Wo Woman Ist, Da Ist Auch Cry" ist noch am ehesten der Köder: catchy, 2007 als Video ausgekoppelt, aber schief, spöttisch, ein wenig frauenfeindlich und sperrig genug. Kreisky zeigen früh: Pop können wir – angenehm machen wir ihn deshalb noch lange nicht. "Verschollen In Europa" weitet den Blick auf Orientierungslosigkeit, Provinz, Fernweh und Zerfall. Das Politische dringt als Atmosphäre ein, ohne je zur Botschaftstafel zu werden. "Vandalen" ist schließlich das wütende Herzstück: Zivilisationsüberdruss, Menschenekel und urbane Entfremdung, zugleich beinahe hymnisch.
"Energie" verdichtet all das auf das Nötigste: kurz, brutal, elegant. Kein Wunder, dass der Song bis heute live funktioniert. "Nichtschwimmer" beweist dagegen, dass Kreisky schon 2007 nicht nur zuschlagen, sondern Spannung aushalten konnten. Die Länge wirkt nicht wie Kunstentscheidung, sondern wie Notwendigkeit. "Rolltreppe" fällt leicht ab – auf einer schwächeren Platte wäre es dennoch ein Höhepunkt, hier erfüllt es eher eine Funktion im Spannungsbogen. "Autofahrten" bringt Bewegung hinein, aber keine Freiheit: Banale Gegenstände, Routine und schlechte Gefühle verkeilen sich zur existenziellen Schieflage. Auch "Alte Männer Wie Wir Regieren Die Welt" ist nur relativ schwächer. Der Titel ist bereits ein soziologischer Aufsatz; musikalisch bleibt der Song lediglich einen Hauch hinter den größten Treffern zurück.
"Zucker"s poppige Oberfläche und die innere Vergiftung liegen hier besonders organisch und fies übereinander. "Halleluja" klingt wie eine blasphemische Erweckung: kein Trost, sondern falsches Licht, in dem die beschädigte Welt nur noch deutlicher hervortritt. Mehr Nekromantie als Gebet. Und "Mit Der Musik Kamen Die Spinner" ist ein grandioser Closer, vielleicht Kreiskys beste Selbstbeschreibung: halbe Milieustudie, halbe Drohung. Mit dieser Musik kommen Menschen, die nichts glätten, beruhigen oder gefällig machen.
Auf "Kreisky" beißt diese Band noch in alles hinein wie in eine Leberkässemmel: Stadt, Männer, Europa, Mobilität, Erlösung, Szene, Sprache, sich selbst; es wäre irrwitzig, würde hier etwas Nicht-Existenzielles verhandelt, als würde der Schamane mitten im Ritual plötzlich von Glühlampen oder der Wäsche faseln. Danach konnte sie vieles größer, variabler und, pfui deibel, versöhnlicher. Aber nie wieder so unerhört selbstverständlich.
Und ja, das gilt eben nicht nur für Sybille Berg- und Tatort-Auftragsmüll, sondern auch für die heilige Kuh "Meine Schuld, Meine Schuld, Meine Große Schuld": Zwar ein spektakulär gutes Album, aber auch die Geburt des Kreisky-Systems, der Wiedererkennbarkeit, der Ösi-Wall-Of-Gitarrensound, der Berechenbarkeit. "Glitter" ist der beste Song der Band und trotzdem bog die Band so falsch ab wie Haider im Bärental. "Kreisky" bleibt deshalb nicht nur das beste frühe Kreisky-Album. Es bleibt das stärkste Argument gegen manche spätere Entscheidung dieser Band. Es sagt: Ihr Arschlöcher könntet alles, hättet alles werden können. Wirklich alles.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


1 Kommentar mit 7 Antworten
Noch nie von gehört, aber anhand der unten verlinkten YouTube-Videos scheinen die geografisch passend so eine Scheiße wie Bilderbuch gekonnt beschissen vorwegenommen zu haben.
"so eine Scheiße wie Bilderbuch"
Sxhnauze!
Bilderbuch beste Band seit Ionensollteklaseinmasagen.
Sehr, es ist Kreisky, gleich neben Trapezky!
Seht, es ist Kreisky, gleich neben Cnudelky!
Calwein, geh doch bitte wieder Linkin Park hören.
Naja, in der "Distance" kann er ja gerne Linkin Park hören, stört ja niemanden. Außer, man hat natürlich Fernweh. Eines sei zusätzlich noch angemerkt: Linkin Park beklagen selbst die Maschinerie, in der wir uns tagtäglich befinden, von daher kritisieren sie sich ja schon fleißig selbst! Bäm! Und was jetzt!?
...so ihr Flitzpiepen, ich geh' jetzt Dua Lipa hören - ihr könnt' mich mal alle!
...in karibischen Träumen ersaufen soll er, der Kas!
Oder mindestens in Pseudotropikalismus!
https://www.youtube.com/watch?v=cCr4kKt0LrQ