laut.de-Kritik
Hochglanz reflektiert gut, aber er wärmt nicht.
Review von Elias RaatzMan kann ein Album "Melodrama" nennen und trotzdem vermeiden, dass irgendetwas wirklich dramatisch wird. Das ist erstmal eine Leistung. Leider nicht die Art Leistung, die man sich als konsumierende Person wünscht.
Lina serviert modernen Deutsch-Pop, der auf ihrer neuen Platte so geschniegelt und meist gut gelaunt am Start ist, dass er selbst den Herzschmerz irgendwo zwischen Autotune-Watte und Wohlfühlradio glattbügelt. Man hört, dass hier professionell gearbeitet wurde, aber eben auch, dass Professionalität allein keine Persönlichkeit ersetzt. Genau hier verschwindet auch das letzte bisschen Reibung, das diese Songs dringend bräuchten, um mehr zu sein als hübsch vertonte Statusmeldungen. "Ein Album wie ein Neuanfang", stand im Pressetext zur Platte – leider ein nicht gut gelungener.
Schon der erste Track "Wieder Da" macht klar, worauf wir uns einstellen dürfen: ein generischer Einstieg, euphorisches "Ich bin wieder da", dazu ein schunkeliger Gute-Laune-Drive, der weder wehtut, noch im Ohr bleibt und deshalb auch sofort wieder vergessen ist. Das ist Pop, der kurz freundlich winkt und nach zwei Minuten wieder in der Menge untertaucht.
Der Titeltrack "Melodrama" widmet sich den großen Generation-Z-Beziehungsschwierigkeiten: "Kopfkino, wie du heute nicht mehr heimkommst." Das klingt alles ein wenig, als würde man zwar über Gefühle sprechen wollen, aber bitte nur in Instagram-tauglichen Sätzen. Wenn Lina davon singt, dass sie "so viel Melodrama" mag, "weil's ich ein bisschen vermiss'", klingt das irgendwie dramatisch, aber bitte nicht so, dass es wirklich unangenehm wird. Als Ergebnis steht ein Song, der Emotionalität eher nachstellt und bereits ein großes Manko des ganzen Albums ankündigt: fehlende Authentizität.
Mit lebendigerem, aufgewecktem Vibe bringt "Liebst Mich" endlich das Blut ein bisschen in Wallung. Wäre da nicht dieser Refrain, dessen gesungenes "du la-la-la-la-liebst mich" so klingt, als hätte jemand bei der deutschen Performance beim Eurovision-Song-Contest 2025 von Abor & Tynna sehr genau hingehört und anschließend "inspirieren" mit "imitieren" verwechselt.
Für "Nächste Nacht" kann man dann ein weiteres Herzschmerz-Häkchen setzen: "Du liebst die Berge, ich das Meer" – Lyrik, die klingt, als hätte man sie in der Instagram-Caption unter einem Sonnenuntergangsfoto auf dem Account der vierzigjährigen Tante gefunden. Dazu die üblichen Trennungsbilder: "Habe die Fotos von uns zerrissen, jetzt bleibt mir nichts anderes, als dich zu vermissen. [...] Nächste Nacht schlaf' ich wieder alleine, ist schon okay, aber nur für 'ne Weile." Eine klassische Popballade von der Stange eben. Das wird Linas Fans sicher abholen, und ich will auch niemandem sein Ding madig machen, aber als Außenstehender hört man hier vor allem das immer gleiche emotional aufgeschäumte Vokabular, das sich so austauschbar anfühlt, dass selbst echte Gefühle irgendwann wie Deko wirken.
Das zieht sich weiter über "Tristesse" und "Was Du Nicht Siehst", die sich wie zwei weitere Kapitel im selben Tagebuch lesen – nur eben in einem Tagebuch, in dem jeder Eintrag mit ähnlichen Formulierungen beginnt. Von "Ist schon okay, es tut nur ein bisschen weh" geht’s bis zu "Meine Träume werden jeden Abend wahr, denn mein Kissen trägt seit Wochen den Duft nach deinem Parfüm". In den Songs fehlt das Spezifische, das Echte, die kleinen schmerzhaften Beobachtung, die einen Satz plötzlich bedeutungsvoll machen.
Mit "24:7" kommt direkt der nächste Pop-Hit ("24:7, sag' wie ist es mich zu lieben?"), bevor sich der nächste Track "Sie weiß (Betty Draper)" gar eine kleine rhythmische Überraschung gönnt. Der Einstieg klingt für die Album-Verhältnisse fast experimentell, bevor dann zum Mittelteil hin doch wieder der weichgespülte Mainstream-Klang übernimmt: "Es reicht nur ein Wimpernschlag und ihre Haut wird so zart." Ohne besonders aufzufallen, schlagen anschließend "Tagebuch" und "Bis Wir Fallen" in die ebenfalls gleiche musikalische Kerbe, klingen nur etwas elektronisch angehauchter.
Bei "St. Tropez" und "Vanille" (feat. Dominik Hartz) hilft bei letzterem Track immerhin das Feature: Dominik Hartz bringt mit seiner Stimme eine andere Textur rein, eine Kante, an der man sich reiben kann. Und genau dadurch wird um so deutlicher, was bei Lina auf diesem Album fehlt: Charakter. Innenleben. Seele. Sie hat eine markante Stimme, ja. Aber sie macht auf weiten Strecken erschreckend wenig damit. Das klingt jetzt vielleicht hart, aber "Melodrama" wirkt in vielen Momenten wie überproduziert und unterfühlt – als hätte man jedes Knarzen, jedes Zittern, jeden unperfekten Atemzug aus der Aufnahme gebügelt, bis am Ende nur noch Hochglanz übrigbleibt. Und Hochglanz reflektiert gut, aber er wärmt nicht.
"Für Immer" versucht sich nochmal balladiger, gefühlvoller, aber auch hier ohne neue Idee. "Lovers To Enemies" wirft plötzlich Dancing-Vibes in die Runde, als solle kurz vor Schluss noch die letzte Energie ins Tanzbein transferiert werden. Das zumindest funktioniert ein bisschen als Abwechslung. Trotzdem ist die fehlende Varianz – textlich als auch melodisch – das größte Problem des Albums: Die Emotion bleibt oft gleich, das Musikbett ebenfalls und man kann beim genauen Hinhören zwar unterscheiden, wo der eine Song endet und der andere beginnt – aber man muss eben auch genau hinhören.
Doch dann kommt der Abschlusssong "Morgen Ist Auch Noch Ein Tag (Draft)" und zeigt in ein paar Minuten, warum dieses Album überhaupt einen zweiten Stern verdient. Lina nur mit Gitarre begleitet, gar in Liedermacher-Manier. Plötzlich ist da ein Text, der nicht nach Vorlage klingt, sondern nach Leidenschaft und selbst erlebtem Schmerz: "Oh, ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Hab gesucht und nichts gefunden, was ich an mir noch mag. Noch ein Versuch, noch eine Runde, ist was ich mir selbst sag, denn Morgen ist auch noch ein Tag."
Endlich ein Inhalt, der nicht nur behauptet, sondern fühlt. Und fast noch wichtiger: Sobald es authentisch wird, zeigt Lina auch, dass sie eigentlich singen kann. Auf einmal ist Varianz da, Dynamik, Persönlichkeit. Nicht dieses weichgespülte "Ich-klinge-in-jedem-Song-gleich"-Programm, sondern eine Stimme, die atmet und lebt. Das sitzt, das holt ab und ist ganz gute Musik, die unter Berücksichtigung des restlichen Albums nicht nur dessen Lichtblick, eher sein gleißend heller Leuchtturm ist.
"Melodrama" ist eine leicht frustrierende Platte, weil sie immer wieder andeutet, dass eigentlich mehr möglich wäre – aber sich dann doch für die sicherste, glatteste, austauschbarste Variante entscheidet. Lina hat Talent, ohne Frage. Nur versteckt dieses Album es über weite Strecken hinter einem Sound, der lieber gefallen will, als etwas zu erzählen. Und irgendwann stellt sich die Frage, die man bei diesem Titel eigentlich nicht stellen sollte: Wann gingen echte Geschichten verloren – und warum klingt "Melodrama" hier so oft wie bloße Dekoration?


1 Kommentar mit 5 Antworten
Musik für r/ichbin14unddasisttief
Wir brauchen einfach mehr tiefgründigen Hass in deutschen Texten. Warum klappt das nicht? Können sich deutsche, führende Texter nicht mal zusammensetzen und eine Komission bilden, wie dieses Elend weitergehen soll? Dass mittlerweile sogar fast schon entschuldigend "Deutsch" vor "Deutsch-Pop" stehen muss, spricht schon Bände. "Höhöhö, wunder dich nicht, es ist Deutsch und Scheiße. Daher kein richtiger Pop." Meiner Meinung nach ist das die absolute Endstufe, die sich noch unter "Hass" befindet. Wer kann und WILL so jemals Frieden mit irgendetwas finden? Also, los. Hasst Euch. Kotzt und beißt in den Texten. Zur Not schmeißt halt den Scheiß Trainer raus.
Kommission wird mit zwei m geschrieben. Entschuldigung.
Unerhört
Eine Sache wäre da noch: Warum kann man in Deutschland nicht jemandem mal ins Gesicht sagen "Ich hasse Dich". Meine Erfahrung ist sowieso eher die, dass Menschen eher, wenn man "Ich liebe Dich" sagt, anfangen zu kotzen. Warum nicht mal das Umgekehrte ausprobieren? Einfach nichts machen ist doch auch Scheiße.
ich hasse jeden der mich hasst und lieben jeden der mich liebt bruder
https://youtu.be/QMdmMobT1kI?si=mPSlIYwiCp…