laut.de-Kritik
Von wegen ausgestorben!
Review von Steffen EggertSeit dem Erscheinen von "Hushed And Grim" vor nunmehr fünf Jahren hat sich in der Welt und vor allem im Umfeld des mächtigen Mastodons eine Menge getan. Persönliche Schicksale, Naturkatastrophen und vor allem der medial ausgeschlachtete Ausstieg und das kurz darauf überraschende Ableben von Gründungsmitglied, Songwriter und Co-Sänger Brent Hinds. Obwohl er ein tiefes Loch hinterlässt, wird schnell klar, dass die verbleibenden Bandmitglieder keineswegs die Waffen strecken und alles daransetzen, ihren Weg trotz der massiven Widrigkeiten weiterzugehen.
"Marrow Deep" setzt sich mit allen erlebten Tiefschlägen auseinander, künstlerisch inspiriert vom Mythos der drei griechischen Schicksalsgöttinnen Klotho, Lachesis und Atropos, den Herrinnen über die zerbrechlichen Fäden, die Leben, Verlust und Schicksal miteinander verbinden. Klingt natürlich wie üblich äußerst dramatisch, passt nun aber wie gewohnt zur unfassbar vielschichtigen und emotionsgeladenen Musik.
In einer guten Stunde zeigen sich die Urtiere zwar nicht wirklich von einer komplett neuen Seite, jedoch werden die Einflüsse der beiden Neuzugänge Nick Johnston (Gitarre) und João Nogueira (Keys) schnell deutlich. Gleich mit "Barbarians Blood", zu dem Converge Drummer Ben Koller seinen rhythmischen Senf dazu gibt, passiert in wenigen Augenblicken bereits genug, um klarzumachen, dass wir es nicht mit greifbaren middle-of-the-road Kompositionen zu tun bekommen. Die wie üblich raumfüllenden Drums, die stets im Wandel befindlichen Riffs irgendwo zwischen Stoner Rock und Sludge, die unterkühlten Melodien und Troy Sanders Rasselstimme erfüllen direkt alle Erwartungen. "We're in danger" heißt es da, und genau so fühlt es sich an. Zum Ende des Openers erscheinen zum ersten Mal wilde 70s Prog Keyboards, die uns noch für einige weitere Songs begleiten werden.
Die erste Hälfte des Albums könnte man vermutlich als typisch Mastodon beschreiben, wobei allein das einen schon sehr weitläufigen Begriff darstellt. So sind "Poisonous Weapons" und "Snakes For Dinner", bei dem Steinzeitkönigin Josh Homme die stellenweise engelsgleiche Stimme von Drummer Brann Dailor unterstützt, noch recht greifbare Stoner Metal-Stücke. Das Spiel mit Geschwindigkeiten, sich überlagernden Parts und Melodien klappt hervorragend, es bleiben sogar einzelne Teile bereits auf Anhieb im Gedächtnis. Post Rock-Anteile tragen die Stücke, teils schleichen sich scharfe Thrash-Kanten ein, es wird allerhand geboten. "Your Ghost Again", die direkte Widmung an den verstobenen Brent Hinds, erzeugt Chaos. Progressive Rock Riffs im Wechsel mit psychedelisch-spacigen Episoden, verzweifeltes Geschrei und cleaner Gesang, dazu gequälte und doch hymnische Melodien, im Ergebnis steht authentische Trauer.
"Out Like A Lamb" lebt von einer stetigen Steigerung und gewissermaßen von Widersprüchen. Leise, verhaltene Töne, lauernde Stimmung und trotzdem erscheint alles brüllend laut und sehr schwer zu greifen. Düster und beklemmend geht es zu, obwohl der cleane Gesang doch irgendwie Wärme ausstrahlt. Ähnlich einem aufziehenden Gewitter in Form von dissonanten Black Metal Riffs und einer zweckentfremdet klingenden Orgel. Zum Ende hin verziehen sich die Wolken und der Himmel reißt auf, epische Klänge und ein unwahrscheinlich episches Solo besetzen das Finale. Die anschließende Halbballade "In The Ruins" beschreibt ebenfalls erst die Ruhe vor dem Sturm (tatsächlich geht es auch um die Schäden durch einen Hurricane und die erlittenen Verluste) mit spacigen, psychedelischen, doppelstimmigen Parts. Im Kontrast dazu steht die kratzige Stimme und aufkommendes Geschrei. Natürlich wandelt sich das Stück im Laufe der Spielzeit, natürlich wird irgendwie alles verändert, aber am Ende bleibt die spürbare Verzweiflung zwischen melodischen und ungewohnt eingängigen Riffs.
Aber hier verändert sich das Konzept des Albums leicht. In den ersten Durchläufen etwas stärker, allerdings rundet sich die starke Kante bei mehrfachem Genuss nach und nach weiter ab. Wäre das Narrativ weitergelaufen wie gehabt, wäre zu befürchten gewesen, dass ein zu fest gesponnener, roter Faden "Marrow Deep" dezent verdirbt. "They're Coming For You" walzt ungefragt mit Sludge und Death Metal-Riffing und komplizierten Melodien voran und erscheint sofort experimenteller und vertrackt. Klassischer Progressive Rock hier, drogige Psychedelica dort und ausgelassenes Geschrei im letzten Drittel - wie in frühen Tagen der Band weiß man zum später nicht so recht, was einen da gerade überrollt hat. Das folgende "Golden Spires" wirkt nicht weniger finster, dafür aber streckenweise umso aggressiver und wieder fühlt man sich an moderneren Thrash Metal erinnert. Wieder sind es die beiden Gegensätzlichen Stimmfarben von Sanders und Dailor, die das Stück besonders machen. Und das apathische Synth-Geklingel dazwischen.
Das ruhigere "Moth And Bone" geht ebenfalls als einer jener Songs durch, die vermutlich eben so lange brauchen, um eine blühende Dolde zu entwickeln, wie etwa ein Fliederstrauch. Ich habe keine Ahnung, wie lange so etwas dauert, aber ich fand den Vergleich gut. Die hippieske Orgel erzeugt zusammen mit der hypnotisch anmutenden Akustikgitarre tatsächlich ein leicht blumiges Feeling, das entfernt an frühe A Perfect Circle erinnert und spätestens mit den walzenden Stoner Riffs und dem richtig geilen Mathrock Part verwelkt. Es fällt nicht leicht hier durchzusteigen, aber das Dranbleiben lohnt.
"A Vampire's Demeanor" mit Randy Blythe (Lamb Of God) und Nate Newton (Bass bei Converge) als Unterstützung groovet fast wie Musik aus den 90er Jahren, fällt dafür aber zu finster und leider auch etwas zu unspektakulär aus und rauscht damit irgendwie durch, allerdings auch ohne weiter stören. Leider tatsächlich störend wirkt das etwas lang geratene Bass-Intro von Doom-Gott Geezer Butler in der klaren Sabbath-Hommage "The Vanishing", das hätte man kürzen können oder zumindest erneut irgendwo im Song verbauen können. So wirkt es irgendwie verzichtbar. Verträumte, angezerrte Gitarren spielen wieder wunderschöne Melodien, der Gesang benutzt den gleichen Effekt wie einst der Prince of fuckin' Darkness bei "Planet Caravan" (Paranoid, 1970). Es hätte gar nichts ausgemacht, wäre das Stücke ruhig zu Ende gegangen, aber passend zum Rest wird am Ende wieder aus fetten Rohren gefeuert. Eine Beschwerde auf hohem Niveau.
Der sehr lange Schlussakkord "The Three Fates" fasst das Album letztlich in einem wilden, durchaus theatralischen Akt zusammen. Zu behaupten, es fehle dem Song an Substanz, wäre unangebracht und zudem etwas vorschnell geurteilt. Wir hören Sludge mit Hammond Orgel, kleine Ausflüge in den Free Jazz und Spannungsaufbau durch leise und laute Parts im Wechsel, wie man es kennt und liebt, dazu noch ein filigranes Solo und ein Neil Fallon von Clutch, der einen comicartigen, überzeichneten Spoken Word Part beiträgt. Das Album wächst mit jedem Durchlauf, ob das letzte Stück dazu passt, kann der Verfasser dieser Zeilen bis dato nicht abschließend beurteilen.
Mastodon haben mit "Marrow Deep" ein aufregendes, vielschichtiges, in Teilen wirklich spektakuläres Album geschaffen. Brent Hinds war ein tragender Pfeiler der Band, er fehlt, aber die Show muss weiter gehen.


2 Kommentare mit einer Antwort
Der letzte Absatz wirkt ziemlich kalt, so als hätte man die Rezension zum Ende schnell abwürgen wollen. Will so überhaupt nicht zum vorangehenden, überwiegend sehr euphorischen Text passen.
Unbeabsichtigt, tatsächlich.
Nach 3 Durchläufen definitiv mein Album des Jahres!