laut.de-Kritik
Das Leben vor den Beatles.
Review von Emil DröllPaul isn't dead. Das zeigt sich nicht nur an seiner musikalischen Unangreifbarkeit, sondern auch an der Vitalität, die "The Boys Of Dungeon Lane" durchzieht. Statt sich auf reine Altersweisheit oder Selbstmythologisierung zu verlassen, erzählt Paul McCartney vom Liverpool der Nachkriegszeit, von seinen Eltern, seinen ersten Freundschaften und von einer Zeit, in der Lennon, Harrison und er noch weit davon entfernt waren, Pop-Legenden zu sein.
McCartney könnte uns inzwischen wirklich von allem erzählen. In 83 Lebensjahren, von denen ein Großteil im Licht der Weltöffentlichkeit stattfand, gäbe es unzählige Kapitel auszuleuchten. Er entscheidet sich jedoch für einen überraschend intimen Blick auf seine frühen Jahre: Auf eine Phase, die trotz zahlloser Beatles-Dokumentationen und Biografien noch immer etwas Nebulöses besitzt. Gerade darin liegt die Stärke dieses Albums: Es geht weniger um den Mythos McCartney als um den Menschen dahinter.
Mit der warmen Sentimentalität eines späten Johnny Cash klingt das Album stellenweise wie ein letzter großer Rückblick, beinahe wie eine musikalische Abdankung. Hoffentlich ist es das noch lange nicht, denn was McCartney gemeinsam mit Andrew Watt hier erschafft, wirkt keineswegs müde oder nostalgisch. Vielmehr hört man jeder Passage an, dass dieses Album über Jahre gewachsen ist.
Schon der Opener "As You Lie There" zeigt, wie viel Sorgfalt hier eingeflossen ist. McCartney spielt fast alle Instrumente selbst ein, erzählt von jugendlicher Schwärmerei und formt daraus einen Song, der aus etwas eigentlich Alltäglichem etwas Erstaunliches macht. Die ü80 hört man seiner Stimme kaum an. Die Gitarrenlinien erzählen ihre eigene Geschichte, während die Melodie sich bereits nach dem ersten Durchlauf festsetzt.
"Lost Horizon" schlägt bluesigere Töne an. Der Song blickt melancholisch zurück und gleichzeitig mit leiser Angst nach vorne, auf eine Zukunft, die plötzlich deutlich begrenzter wirkt als früher. "Days We Left Behind" erinnert an die Jugend mit Lennon und die Forthlin Road. Dass McCartney dabei gelegentlich ins leicht Überzogene driftet, macht die Stücke eher charmanter als kitschig.
Mit "Ripples In A Pond" wird das Album klassisch-poppiger. Die Melodie hätte in einer anderen Welt problemlos auf einem späten Beatles-Album landen können. "Mountain Top" eröffnet dagegen mit einem Cembalo, bewegt sich kurzzeitig ins Psychedelische und lässt immer wieder Synthesizer aufblitzen, ohne jemals den roten Faden zu verlieren.
"Down South" funktioniert wie eine spontan entstandene Hitchhike-Hommage. Gerade diese ungezwungene Wirkung macht den Song so sympathisch. "We Two" siedelt musikalisch am deutlichsten in Beatles-Gefilden und gehört gerade deshalb zu den stärksten Momenten der Platte. Hier gelingt McCartney etwas, das viele Altstars vergeblich versuchen: Er zitiert seine Vergangenheit, ohne zur Selbstparodie zu werden.
"Come Inside" bringt schließlich den nötigen Rockmoment. So wild, wie ein Wings-Rocker eben noch werden möchte. Mit verzerrten Gitarren, treibendem Piano und überraschend energischem Gesang entwickelt der Song deutlich mehr Druck, als man McCartney in diesem Alter noch zutrauen würde.
"Never Know" zählt songwriterisch zu den stärksten Tracks des Albums. Sehr zurückgenommen arrangiert, aber melodisch enorm präsent. Mit "Home To Us" stößt Ringo Starr hinzu. Das Schlagzeug rückt stärker in den Fokus, gemeinsam verwandeln die beiden den Song in eine warmherzige Liverpool-Hommage, die nie in peinliche Nostalgie abrutscht.
"Life Can Be Hard" verabschiedet sich endgültig von jeder Jugendromantisierung. McCartney spricht über Vergänglichkeit und die Härte des Lebens, Streicher verleihen dem Stück zusätzliche Schwere. "First Star Of The Night" schlägt in eine ähnliche Kerbe und gehört zu den emotional intensivsten Momenten der Platte.
In "Salesman Saint" singt McCartney über die finanziellen Schwierigkeiten seiner Eltern in der Nachkriegszeit. Musikalisch zählt der Song zu den absoluten Höhepunkten des Albums: starke Perkussion, Trompete und ein Arrangement, das ständig neue kleine Details offenbart. "Momma Gets By" beschließt das Album mit dessen emotionalstem Moment. McCartney verarbeitet den frühen Tod seiner Mutter in einer Art musikalischer Danksagung.
"The Boys Of Dungeon Lane" ist kein Versuch, vergangene Größe künstlich wiederzubeleben. Das Album lebt von Erinnerungen, aber nie ausschließlich von ihnen. Statt bloß in Nostalgie zu baden, findet McCartney immer wieder neue Perspektiven auf sein eigenes Leben. McCartney klingt immer noch neugierig auf Musik, "The Boys Of Dungeon Lane" ist ein Album eines Mannes, der die Popmusik bereits mehrfach neu erfunden hat und offenbar noch immer nicht damit fertig ist.


5 Kommentare
Hab echt nicht damit gerechnet, dass er nochmal so einen raushaut
Das Süätwerk der Beatles war mMn großartig, doch mit Pauls Solo-Sachen kann ich gar nichts anfangen. 1 Stern.
Wirklich tolles Album. Alleine "As You Lie There" als Opener ist mega. Und auch sonst sind ein paar sehr starke Songs drauf. "Home to Us" mit Ringo fand ich anfänglich etwas enttäuschend, habe aber den Ohrwurm Charakter unterschätzt. Bekomme den Refrain seit Tagen nicht aus dem Kopf.
Das Album als ganzes hat einen tollen Flow und läuft gut am Stück durch.
Chapeau Sir Paul!
Junge, Junge - mit 83 liegen andere schon längst unter der Erde und Paul droppt einfach so einen Banger! Hut ab!
Die Lieder gefallen mir gut, ein bisschen komplexer, ähnlich wie auf seinen ersten beiden Alben oder Band on the Run. Aber die Produktion gefällt mir gar nicht, vor allem die Stimme. Da drängt es sich doch auf dass es wieder Andrew Watt ist der schon bei Ozzy und den Stones so unangenehmen Sound produziert hat. Fix nachgeschaut, er wars natürlich. Vergleicht man das mit dem was Paul damals zuhause auf einem Vierspurgerät ohne richtige Pegelkontrolle produziert hat (zum Beispiel Maybe I’m amazed) dann wundert man sich doch wie man es ein halbes Jahrhundert und riesigem Budget später nicht hinbekommt dass die Stimme nicht nach Lizenzfreier Covermusik klingt.